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Abendspaziergang

Noch ein Atemzug, und noch einer, und noch einer. Noch ein Schritt, immer nur einer, von Steinplatte zu Steinplatte, jeder Weg besteht aus Schritten, aus vielen Schritten, aber immer nur aus einem auf einmal, so wie ein Atemzug immer allein daherkommt, wie er auch keinen anderen braucht, nicht jetzt, nicht im nächsten Jahr, nicht im nächsten Monat, nur im nächsten Augenblick, und wieder … Ich gehe, und ich werde weiter und weiter gehen, den Weg, den er gegangen ist, und vielleicht werde ich dort ankommen, wo er angekommen ist, aber das weiß ich nicht, niemand weiß es, den ich kenne, denn ich kenne keinen Menschen, der diesen Weg je zurückgekommen ist.

Die Wolken am Dämmerhimmel sehen aus wie Dämonen, wie Federn, wie Schäfchen, wie riesige Wattebäusche, wie mächtige Gebirge, wie die Silhouette einer fremdartigen Stadt und dann wieder nur wie Wolken, windzerfetzt, vereinzelt, schlecht zusammenpassend, Schmutzflecken am Himmel. Welche Farbe hat der Himmel jetzt, seit auch das letzte Sonnenlicht hinter den Hochhäusern verschwunden ist? Er ist nicht mitternachtsblau, oder wenn er es wäre, könnte ich es nicht erkennen hinter all dem fragwürdig bunten Flirren der Großstadtlichter, die ich so geliebt habe, vor vielen Jahren, dass ich mir extra eine Busfahrkarte kaufte, um in die Innenstadt zu fahren und das Rot und Grün der Ampeln, das Weiß der Straßenlaternen, das Neonblau der Leuchtreklamen zu bestaunen.

Noch ein Schritt. Noch ein Atemzug.

„Du musst keine Angst haben“, sagt mein Enkelsohn, „du musst nichts tun, denn irgendwann sterben wir alle. Du musst nur warten, irgendwann wird ein Atemzug der letzte sein, und dann kommst du zum Opa, und später, weißt du, komme ich auch zu euch, und dann sind wir alle wieder zusammen.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Monat“, „fragwürdig“ und „gehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Großstadtdämmern

Draußen, am Jahrmarkt, bei der Achterbahn hatte die Sonne Christine so geblendet, dass sie nach ihrer Sonnenbrille kramte und sich selbst verfluchte, weil sie keine dabei hatte. Jetzt, in der Straßenschlucht zwischen den nichtssagenden neunziggeschossigen Bürotürmen schien die Dämmerung bereits in Nacht überzugehen. Die sechsspurige Autostraße, flankiert von zwei fahrspurbreiten Gehwegen, war zwischen den Hochhausriesen so eingeklemmt, dass sie selbst zum Atmen fast zu eng wirkte.

Christine war ein Großstadtmensch, aber diese Schlucht erinnerte sie an einen Urlaub in den Bergen, als sie aus einer Klamm nur mit Mühe und Not wieder herausgefunden hatte, ehe der Schneesturm die Klamm unpassierbar machte. Die Autos rauschten vorbei wie damals der Bergbach, unablässig, unaufhaltsam, mit auf- und abwallendem Basso continuo. Hinter einer leichten Linkskurve verschwand der Jahrmarkt mitsamt seinen Gerüchen nach Maronen und Zuckermandeln, Bratwurst und Erbseneintopf.

Nichts daran war einzigartig. Nichts hielt irgendeines der Versprechen, die Peter ihr gegeben hatte.

Christine ging in die Dunkelheit hinein und genoss das Geflirre der Scheinwerfer und Bremslichter, der Leuchtreklamen und Verkehrsampeln, wie sie es bei jedem Landeanflug nach Nachtflügen genoss, die diamantbunten Lichtpunkte im Samtschwarz funkeln zu sehen.

Wer, bitte, war schon Peter?!

 

(Eine abc-Etüde in 10 Sätzen, Reizwörter: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig. Mit Dank an „Bruni“ Brunhilde Kantz, www.wortbehagen.de für die „Wortspende“, sowie an „Christiane“, Irgendwas ist immer.)