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Studenten

(Für diesen Gastbeitrag danke ich Thomas Paridon. Ob der Inhalt autobiografischen Bezug hat, weiß ich nicht, aber jedenfalls liegt die Studentenzeit des Autors etliche Jahr…e zurück.)

Eines Nachmittags waren die Mitglieder unserer Wohngemeinschaft (vier junge Studenten) unterwegs durch die Innenstadt von Darmstadt, auf der Suche nach einer Verkaufsstation, die das zu jener Zeit von uns bevorzugte Kaltgetränk (vulgo: Bier) feilbot.

Als wir soeben eine Bäckerei passierten, drehte sich einer von uns, ich glaube er hieß Peter, um, und betrat den Laden. Wir folgten ihm zaudernd, wohl wissend, dass das ersehnte Getränk hier mit einiger Sicherheit nicht angeboten wurde. Im Laden angekommen, stellte er sich mittig im Verkaufsraum auf, rief „Was iss’n hier los?“, wartete ein paar Sekunden, und verließ das Lokal, ohne eine Antwort erhalten zu haben.

Unter den konsternierten Blicken der übrigen Kundschaft folgten wir ihm und setzten unsere ursprüngliche Suche schweigend fort, nicht wissend, ob das ein Witz gewesen sein sollte, oder ob der häufige Genuss des oben erwähnten Kaltgetränkes nicht schon negative Auswirkungen auf seine geistige Gesundheit gehabt hatte.

Ein paar hundert Meter weiter blieb er plötzlich stehen, wandte sich uns zu und bemerkte: „Ich weiß wirklich nicht, was da los war!“

Passanten, die um diese Zeit in der Nähe unterwegs waren, wunderten sich über drei junge Männer, die sich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnten und einen, der mit offenem Mund daneben stand und offensichtlich keine Ahnung hatte, was vor sich ging.

(Was wirklich los war, weiß ich auch nicht. Ich glaube, es entzieht sich auch der Kenntnis meines Gastautors. Ob Studierende heute ähnlich ticken? Keine Ahnung.

Danke, Thomas, für diesen Beitrag, den ich so gut wie unverändert übernommen habe.)

 

Ein Schloss für den Affenkasten

Mit Affen hatte der Affenkasten, den Christl mit einem wütenden Stoß verschloss, absolut nichts zu tun. Höchstens mit Maulaffen, einem Begriff, der mit Mauloffen besser umschrieben wäre.

Benhards Affenkasten war eine offene Truhe, oder besser, eine Truhe, die nach Meinung von Bernhard offen zu sein und offen zu bleiben hatte. Eine hässliche Truhe in einem Blauton, den Christl verächtlich „elektrischblau“ nannte, nicht ohne Grund, denn Bernhard bewahrte darin seine ganzen verdammten Kabel, Batterien, Glühbirnen, Mehrfachsteckdosen, Akkus, Energiesparlampen, Unterputz-Steckdosen, Schalterabdeckungen und weiß-der-liebe-Himmel-was-noch-für-bescheuerte-Dinge auf.

Wie Christl diesen widerlichen Baumarktkram hasste, samt dem elektrischblauen Offenkasten und dem Mauloffen, der Bernhard hieß und der bald janken und jaulen würde wie ein kleiner Hund, wenn er feststellen musste, dass sie seine gesamte doofe Sammlung in den Sammelbehälter für Elektroschrott gekippt hatte! Leer war er jetzt, der Offenkasten, und geschlossen war er außerdem, und genüsslich schraubte Christl das neue Schloss an den Deckel, das sie bei ihrem letzten Besuch im Baumarkt erworben hatte.

Bei ihrem allerletzten Besuch im Baumarkt.

Nie wieder würde sie diesen ekligen Laden betreten, in dem sie Bernhard mit Jonathan erwischt hatte, hinter der Regalwand mit den Wandfarben, in enger Umarmung, die vier Männerlippen saugend aufeinander gepresst, die vier behaarten Pranken über unausprechliche Körperpartien streifend.

Deshalb also war ihr Mann immer wieder in den Baumarkt gerannt!

Sie drehte den Schlüssel in dem neuen Schloss herum, steckte ihn in die Hosentasche, schnappte sich den Doppelbuggy mit ihren Zwillingen und verließ die Ehewohnung.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für die Einladung zu den abc-Etüden der 3 Wörter in 10 Sätzen und an dergl, die Wortspenderin der 22. Woche. Die Wörter waren diesmal „Affenkasten, elektrischblau, janken“. Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.)

Misi und die Anstell-Wesen

Der Reisefrosch Misi, wohnhaft bei Frau Holle am Regenbogen, ist jetzt schon seit zwölf Tagen bei uns zu Gast, seit dem 8. Januar. Ich war sehr gespannt auf seinen Besuch, und noch gespannter waren meine Anstell-Wesen, die meine Enkeltochter Mira sich ausgedacht hat, und die seither Mitbewohnende meiner Wohnung sind. Misi, der Reisefrosch, passt ausnehmend gut hierher, wie wir alle schnell festgestellt haben. Deshalb sind wir traurig, dass er am Montag wieder abreisen will. Zurück zu Frau Holle. Weil er bisher keine neue Einladung erhalten habe. Aber er freue sich natürlich auch auf zu Hause.

Seit zwölf Tage ist hier pausenlos Rabbatz angesagt, die Anstell-Wesen hüpfen mit Misi um die Wette herum und reden Quatsch und werfen mit Bauklötzchen und verzehren nebenher Schokolade und Weihnachtsgebäckreste, rennen durch die Wohnung, werfen krachend die Türen zu, schieben Möbel hin und her (die meisten meiner Möbel haben Rollen, das finde ich praktisch). So wild treiben sie es, dass ich gar nicht zum Schreiben gekommen bin. Zumal mein Muser sich immer noch auf den Kanarischen Inseln (ich weiß nicht einmal genau wo) die Sonne auf den Bauch brennen lässt und mir kein bisschen hilft.

Misi macht bei allem mit, was meine mehr oder weniger unsichtbaren Wesen anstellen, und es sind wirklich Anstell-Wesen, da hat meine dreijährige Enkeltochter recht. Mira kennt sich mit Anstell-Wesen aus, denn sie ist selbst eine Anstell-Mira, gibt sie freimütig zu. Am liebsten würde sie den ganzen Tag auf dem Omabett herumhüpfen wie Bepampam, das Hüpfewesen, das sie sich eigens zu diesem Zweck erfunden hat. Nun ja, nicht ganz zu diesem Zweck. Eigentlich ist Bepampam dazu gedacht, die Oma (also mich) aufzuheitern, wenn sie mal wieder zu viel an den Opa denkt, der gestorben ist.

Bepampam leistet mir Gesellschaft, wenn Mira daheim bei Mama und Papa und dem Brüderchen oder im Kindergarten ist. Und er hüpft durch die Wohnung, über die Möbel, auf den Stühlen, auf dem Tisch und – besonders gern – auf dem Bett. Weil das so schön federt. Normalerweise hüpft er da allein herum, denn die anderen Anstell-Wesen (Bagrami und Nopupa, der kleine Dinosaurier mit den Stacheln am Rücken und dem bösen Gesicht, das Babymonster und das Gespenst ohne Stacheln und ohne Augen) sind keine Hüpfewesen.

Aber im Augenblick gibt es kein Normalerweise, denn Misi ist da, und Misi, daran ist nicht zu rütteln, IST ein Hüpfewesen. Definitiv. Mein Bett sieht aus, als hätte der Orkan Friederike darin gewütet. Misi und Bepampam haben es fertiggebracht, dass auch Bagrami und der Nopupa den Spaß am Betthüpfen entdeckt haben. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, schreien sie nach „Trostschokolade“, weil es so wehtut, nicht hüpfen zu dürfen. Und wenn ich nicht bereit bin, ihnen das zehnte Stück Trostschokolade aus dem Kühlschrank zu holen, engagieren sie den kleinen Dino, das Babymonster und das Gespenst ohne Augen als Helferlein.

Obwohl sie sonst vor den dreien nicht ganz zu Unrecht ein bisschen Angst haben. Vor allem der kleine Dinosaurier mit dem bösen Gesicht und den Stacheln am Rücken ist ein gefährlicher Patron, wenn er hungrig ist. Er mag nämlich keine Schokolade, sondern Füßchen. Miras Füßchen, die Füßchen vom Brüderchen, die Füßchen vom Bepampam, die Füßchen vom Nopupa, die Füßchen vom Bagrami und, ja, auch die Füßchen vom Misi! Mira und die Anstell-Wesen wissen das und hüten sich vor dem Dino, wann immer er grün leuchtet, denn das zeigt an, dass er nach etwas Essbarem sucht.

Nur der arme Misi konnte die Zeichen nicht richtig deuten und spielte mit dem grün leuchtenden Dino Plumps-ins-Loch, ein Spiel, bei dem die Wesen versuchen müssen, nicht in die Schüssel zu fallen, in der die Puppen gebadet werden. Sie rennen um die Schüssel herum und stellen sie einander in den Weg, und wer zuerst hineinfällt, hat verloren, aber alle, auch der Verlierer in der Schüssel, lachen sich kaputt darüber. Es sei denn – ja, es sei denn, der kleine Dino ist mit von der Partie und leuchtet grün. Gleich am zweiten Tag von Misis Besuch war das der Fall. Es fiel Misi nicht auf, dass er plötzlich völlig allein mit dem Dino spielte, und da er die Gegebenheiten noch nicht gut kannte, fiel er sehr schnell in die Schüssel, die der Dino ihm in den Weg stellte.

Ich war gerade im Omazimmer, in dem ich zu arbeiten pflege, als es passierte, und wähnte meine Wesen friedlich miteinander spielend. Es klang alles vergnügt und fröhlich im Spielzimmer nebenan. Meine Enkeltochter war im Kindergarten, ihr Brüderchen bei seiner Mama, der Dino, dachte ich, in sicherer Verwahrung am Balkon, wo es keine Füßchen gibt, sondern nur Blumenerde, die er ersatzweise auch gern frisst. Aber plötzlich hörte ich einen spitzen Schrei, mehrstimmig, es rumpelte, etwas schleifte über den Boden …

„Dino, hinaus mit dir! Dino, du kannst doch nicht unserem Misi die Füßchen anknabbern! Weg mit dir!“

Das waren die Stimmen vom Bepampam, der so gut wie nie spricht, vom Nopupa, der meist unverständliche Quatschwörter benutzt und vom Bagrami, der lieber mit Bauklötzchen als mit Redewendungen um sich wirft. Alarmiert rannte ich, so schnell eine Oma rennen kann, ins Nebenzimmer und sah mir die Bescherung an. Misi hockte blassgrün und in einer Art Schockstarre in der Schüssel, der kleine Dino, leuchtend grün vor Hunger, klapperte mit den Zähnen und zischte mit bösem Gesicht immer wieder „Füßchen! Füßchen fressen!“, Bepampam hockte in einer Ecke des Omabettes und bewegte sich nicht. Bagrami und Nopupa hielten sich an der offenen Balkontür fest, während das Babymonster und das Gespenst ohne Augen den Dino hinauszerrten und die Balkontür wieder schlossen.

„Misi war schuld!“, sagte das kleine Gespenst. „Er hat den Dino hereingelassen, weil es draußen so kalt war.“

„Nein“, sagte der Bepampam, „Misi kann doch die Klinke gar nicht bedienen. Das Gespenst hat ihm geholfen.“

„Nur weil das Babymonster gesagt hat, der Dino sei nicht hungrig“, wehrte sich das Gespenst, das recht weiß um die Nase war (es ist die einzige der Anstell-Wesen, die ich als zuständige Menschin sehen kann, weil es einen Kopf aus Styropor und einen Körper aus einen Seidentaschentuch besitzt).

„Wenn Mira zu Besuch kommt, wird sie euch alle schimpfen“, drohte ich. „Den Dino hereinlassen! Was habt ihr euch dabei gedacht!“

„B-b-bleibt e-er j-jetzt d-draußen?“, fragte Misi ängstlich.

„Ja!“, riefen die anderen im Chor und halfen dem Reisefrosch auf die Beine. Kurz darauf drückten sie sich die Nasen an der Balkontür platt und beobachteten, wie der kleine Dino grummelnd Blumenerde fraß, bis er sich grau und gesättigt zusammenrollte, um einzuschlafen.

Seither ist er nur noch bei den Spielchen dabei, wenn er grau ist, denn Misi hat seine Lektion gelernt, und auch das Gespenst und das Babymonster werden nach Miras Strafpredigt und dem dreistündigen Schokoladenentzug sicher nicht so bald wieder die Balkontür zur Unzeit öffnen.

Gerade spielen sie übrigens alle mit Miras Bauklötzchen, jeder mit einer Tasse Spielschokolade neben sich, in Miras weihnachtsneuen Schokoladentässchen. Und ich habe mich ins Omazimmer geschlichen, um endlich diesen Besuchsbericht zu schreiben, solange Miras Mama mit Miras Brüderchen zu Besuch ist und auf die ganze Bagage aufpasst. Die lässt es bestimmt nicht zu, dass irgendwer irgendwem aus irgendeinem Grund die Füßchen abfrisst.

 

 

 

Das Lotteriepäckchen

Die zwei Flaschen Glühwein hatten nicht verhindern können, dass Mirjam sich auf der Nasespitze, an den Fingern (unter den eleganten Fingerling-Handschuhen) und Zehen (in den schicken neuen Stiefeletten) Frostbeulen zugezogen hatte. Hässlich sahen die aus, die Beulen, besonders die auf der Nase, die sie nicht verbergen konnte, und von denen sie nicht so recht wusste, ob wirklich der Frost sie verursacht hatte oder doch der Glühwein, der bestimmt für ihr Kopfweh und ihre Übelkeit verantwortlich war.

Oder nein, verantwortlich war sie natürlich selbst. Was für eine Schnapsidee aber auch, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, eine Geschenklotterie im Freien zu veranstalten, und das hier, in Quebec, bei immerhin 20 Grad Minustemperaturen!

„Bei uns“, hatte eine der russisch-orthodoxen Teilnehmerinnen gestern gesagt – Katja hieß sie wohl, aber sie sprach es so seltsam aus, dass Mirjam es kaum verstand – „bei uns daheim wäre das für die Jahreszeit recht warm, im Moment sind dort 45 Grad minus.“

„Prost“, antwortete Mirjam und ertappte sich dabei, dass sie sich nach dem Kölner Regenwetter sehnte, das sie in den letzten sieben Jahren so gehasst hatte. Fünf Grad plus, oder sogar dreizehn, Mirjam zückte das Handy und fragte die Temperatur über eine Wetter-App ab, ja, dreizehn, in der Kölner Innenstadt sogar fünfzehn.

Was war eigentlich in dem Päckchen, fragte sie sich jetzt, als der saure Hering und die Kopfwehtablette langsam zu wirken begannen, was war in dem Päckchen, das sie in der Geschenklotterie gewonnen, das sie aber gestern mit ihren klammen Fingern nicht aufbekommen hatte?

Sie suchte den karg möblierten Raum des Studentinnenwohnheims mit den Augen ab, sah das blauglitzrige Ding am Boden liegen, hob es auf, mühte sich mit den schmerzenden Fingern, die Schnur um die Verpackung zu lösen und das Geschenkpapier zu entfernen. Ein großes, sperriges Paket war es im Grunde (kein Päckchen!), und es enthielt – gefütterte Winterstiefel und ebensolche Handschuhe.

(Hier ist die Geschichte Nummer 4 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran )

Urlaub für den Muser

Seit mein Muser sich mit Burnout-Symptomen auf die Kanarischen Inseln verabschiedet hat – Ausrede: er BRAUCHE den Urlaub, und ich müsse ihn bezahlen, ich sei schließlich schuld an seinem Zustand – ist mein vormals breiter und reißender Ideenstrom komplett versiegt. Nur noch ein leeres Flussbett erinnert daran, dass da mal etwas gewesen sein muss, das wohl doch nicht in meinem eigenen Kopf wohnte, wie ich immer dachte, sondern in demjenigen vom Muser, obwohl ich den Kerl bisher für total überflüssig gehalten habe.

„Du unterschätzt uns alle“, beschwert sich der Nopupa, eine Fantasiegestalt, die dem dreijährigen Kindergartenhirn meiner Enkelin entsprungen ist wie alle Fantasiewesen um mich her, vom Muser einmal abgesehen, aber der ist ja, wie gesagt, nicht mehr da, sondern auf den Kanaren, und das für unbestimmte Zeit (oder solange mein Geld für seine Erholungshöhle reicht).

Der Nopupa ist derjenige unter den Gespenstern und Monstern meiner Zwei-Zimmer-Wohnung, der den meisten Quatsch macht. Er erfindet Wörter wie Dumamo und mindieren und quamquompom und xinowasig und Klamidro, was dann so klingt als mindiere ein Dumamo quamquompom xinowasig ins Klamidro hinüber.

Das nervt den Bepampam tierisch, weil er es nicht versteht und weil SEINE Spezialität eher darin besteht, auf meinem Bett herumzuhüpfen, um mich aufzuheitern, denn schließlich hat meine Enkeltochter ihn eigens zu dem Zweck erfunden, dass er mir zur Seite stehe (oder eben hüpfe), wenn mich der Kummer packt, weil ihr Opa tot ist. Aber wenn es darum geht, sich unterschätzt zu fühlen, stimmt der Bepampam dem Nopupa augenblicklich zu.

„Ohne den Muser kannst du nicht mal einen simplen Weihnachtsstern klöppeln, geschweige denn eine gescheite Geschichte schreiben“, wirft er mir vor, und das stimmt auffällig, weil ich überhaupt gar nicht klöppeln kann, „und soviel ich den Muser verstanden habe, ist diese Börnhaut-Sache höchst langwierig, du musst also endlich mal selbst etwas tun!“

„Das sehe ich auch so“, meldet sich der kleine Dinosaurier mit dem bösen Gesicht und den Stacheln am Rücken, der sich am liebsten von Kinderfüßchen ernährt, wie meine Enkelin mir mehrere Male täglich versichert, wenn sie nicht allein auf Toilette gehen will, weil ihr der bösartige Dino im Bad auflauert, „also hurtig, hurtig, ab in dein Oma-Büro, Computer angemacht, und los geht’s!“

Ich schließe die Tür hinter mir, um endlich in Ruhe nachdenken zu können, ohne Quatschsätze und Bettgehüpfe, und frage mich ein wenig bange, ob der kleine Dinosaurier wohl auch MEINE Füße schmackhaft fände, wenn er es schaffte, in mein Oma-Büro zu kommen, beschließe, das unwahrscheinlich zu finden, weil meine Füße bestimmt zäh sind wie Sohlenleder, und drehe doch zur Sicherheit den Schlüssel zweimal um, auch wenn das ein Monstergespenst wie den kleinen Dino schwerlich am Eindringen hindern dürfte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Flussbett“, „langwierig“, „klöppeln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von „Frau Myriade“.)

Paradiesische Innovation

Eva und Maria hatten sich nicht getäuscht. Tatsächlich ließ Petrus, im Einvernehmen mit Adam und unter der tätigen Mithilfe von Noah, eine Honigpumpe ins Paradies einfliegen, ein riesiges Ding, das den Honig der politischen Korrektheit von der Erde pumpen sollte, weil im Paradies nach Meinung der drei männlichen Heiligen der bessere Platz dafür war. Petrus installierte eigenhändig das glitzernde Wunder der Technik, genau zwischen dem Baum der Erkenntnis und dem Baum des Lebens, und erklärte der Ersten Frau und der Mutter Gottes die Funktion in allen Einzelheiten:

„Hier fließt die Gerechtigkeit durch, dieser Schlauch führt die Chancengleichheit, und da seht ihr die Barmherzigkeit und die Gnade, also eine echte Innovation gegenüber dem Modell, das sie auf der Erde benutzen“, schwärmte der Schließer der Himmelspforte. „Die Pumpe ist ganz einfach zu bedienen, händisch, aber nicht allzu schwergängig, in einem Monat  oder spätestens in dreien habt sicherlich selbst ihr verstanden, wann ihr wohin drücken müsst, um die richtige Mischung zu erzeugen.“

„Als wenn wir Vollidiotinnen wären“, sagte die Erste Frau, als die Herren Heiligen sich umwandten, um wieder zu ihren Wolkenbänken zu gehen, wo wichtige und dringliche Musikarbeit an ihren Harfen und Posaunen auf sie wartete.

„Warum wusste ich das vorher?“, fragte die Mutter Gottes, „dass die so eine widerliche Maschine beschaffen würden, und dass die händisch zu bedienen ist?“

„Und zwar von uns“, stimmte Eva zu, „wie ich dir gleich gesagt habe.“

„Aber dass sie uns dann nicht mal zutrauen, dieses Monster korrekt zu bedienen, das ist schon mehr als fragwürdig“, schimpfte Maria, „das ist eine Beleidigung der heiligen weiblichen Intelligenz!“

„Du sagst es“, seufzte Eva, während sie die bunten Knöpfe betätigte, die alle fein säuberlich beschriftet waren und eine Fehlbedienung gar nicht zuließen, und schielte sehnsüchtig vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens hinüber, „ich wollte, mir fiele etwas ein, dass deinen Sohn und seinen Vater dazu bewegen könnte, uns bald wieder auszuweisen von hier.“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Monat“, „fragwürdig“ und „gehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner Maria-und-Petrus-Anekdoten.)

Misstöne auf Wolke 7

Ein paar Tage nach dem fatalen Uniformbeschluss, der in der Heiligensitzung mit großer Mehrheit gefasst worden war, nachdem Petrus und Adam die weiblichen Heiligen so eingeschüchtert hatten, dass außer Maria und Eva keine sich traute, offen dagegen zu stimmen, saßen die beiden himmlischen Rebellinnen trübsinnig nebeneinander auf der Wolke Nummer 7 eines grauen November-Wolkenteppichs, der so undurchdringlich dicht war, dass sie nicht einmal ihre Beine frei darin baumeln lassen konnten. Sie waren züchtig in dunkles Olivgrün gehüllt, RGB 85, 107, 47, wie vorgeschrieben; hochgeschlossen, fersenlang, sackförmig geschnitten waren die neuen Kleider, zu denen dunkelolivgrüne Filzstiefel zu tragen waren, die allerdings noch angefertigt werden mussten, weshalb die beiden Heiligen einstweilen dunkelolivgrüne Stofflappen um die Füße gewickelt hatten.

„Ich finde, für diese Beschlussvorlage müsste man Petrus aus dem Paradies ausweisen, am besten in eine triste Trabantenstadt voller dunkelolivgrüner Häuser, Straßen und Parkbänke“, sagte Eva wie nebenbei und zupfte lustlos an ihrer Harfe.

„Ja, auf den Mond schießen sollte man ihn“, verdeutlichte Maria den Vorschlag und malträtierte ihr Instrument mit einer misstönenden Reihe falscher Griffe, „am besten auf einen der Trabanten des Jupeters, einen mit dunkelolivgrüner Atmosphäre, das würde zu ihm passen.“

„Jupiter meinst du wohl“, korrigierte Eva, aber Maria grinste nur und gab zu bedenken, wie viel besser Jupeter zur Abschiebung eines Heiligen namens Petrus passen würde.

„Auf der Erde könnte man ihm Interpol auf den Hals hetzen, wenn er sich weigern würde, sich auf den Jupetermond abschieben zu lassen“, vermutete die Mutter Gottes hoffnungsvoll, was jedoch bei Eva nur ein Kopfschütteln auslöste: „Auf der Erde sind Demokratie und Gleichberechtigung auch nur leere Wörter, die von den Regierenden und den Reichen als neuer Honig auf die Regierten und Armen geschleudert werden, damit sie daran kleben bleiben und sich nicht mehr rühren können. Interpol würde höchstens uns zwei jagen, aber niemals Petrus oder Adam; du wirst sehen, nächstens stellen diese Herren uns, im Einvernehmen mit Noah, noch eine Honigpumpe ins Paradies, mit der wir den ganzen Honig der politischen Korrektheit hier heraufpumpen können, als ob so eine blödsinnige Pumpe irgendeine Auswirkung hätte auf Gerechtigkeit und Chancenausgleich und all das Zeug!“

„Und die Pumpe wäre bestimmt händisch zu bedienen“, wagte Maria zu behaupten und kicherte schon wieder (sie hatte wirklich einen ausgeprägten Galgenhumor), „was meinst du?“

„Ja“, sagte die Erste Frau und biss in einen der Äpfel vom Baum der Erkenntnis (das war jetzt auch egal, der Baum war ohnehin geschändet), „sie wäre sicherlich händisch zu bedienen – und zwar von uns, verlass dich drauf, von niemand anders als von uns beiden!“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Interpol“, „Trabantenstadt“ und „Honigpumpe“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner Maria-und-Petrus-Anekdoten.)

Die Farben des Himmels

Maria hätte es wissen müssen, dass Petrus in mancherlei Hinsicht nicht nur ein Korinthenkacker, sondern geradezu ein Quadratscheißer war. Warum hatte sie ihn bloß auf die Idee gebracht, die Uniformfarben weiter zu vereinheitlichen?

Jetzt hockte sie da, neben Eva, in dieser höchst überflüssigen Heiligensitzung, wippte mit den Zehen gegen eine Federwolke, rollte die Augen sternwärts und ärgerte sich über sich selbst.

„Faktisch ist grün nicht gleich grün“, dozierte Petrus gerade, „und rosa ist nicht rosa, das hat mir Maria dankenswerterweise klar gemacht.“ Sogar ihren Namen musste er erwähnen!

„Deshalb wollen wir jetzt postfaktisch und ergebnisoffen darüber diskutieren, was genau künftig unter den Farben des Himmels zu verstehen sein soll.“

„Ich würde vorschlagen, wir halten uns an den RGB-Farbraum“, meldete sich Adam vorlaut zu Wort. „Für die männlichen Heiligen ein kräftiges Pink, RGB 255, 20, 147, damit jeder versteht, was ich meine, und für die weiblichen ein dunkles Olivgrün, zum Beispiel RGB 85, 107, 47. Das ist unauffällig und züchtig, wie es sich für weibliche Heilige gehört, nicht wahr, meine Damen?“, das sagte er mit einem hämischen Blick in Marias und Evas Richtung.

„Sorry, Eva“, flüsterte Maria ihrer Wolkennachbarin zu, „das habe ich wirklich nicht gewollt, und wenn du jetzt auswandern willst, ich bin auf jeden Fall dabei!“

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Quadratscheißer“, „postfaktisch“ und „ergebnisoffen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um eine Fortsetzung meiner Maria-und-Petrus-Anekdoten.)

Mius-ärgere-mich

Rosa-grün, grün-rosa, rosa-grün – verdammt, Bens schrecklicher Kater Mius hatte wieder die ganze Wolle verwurschtelt.

Martin versuchte mühsam, die Fäden zu entwirren, die Mius beim Spiel mit den Knäueln so heillos ineinander gewirkt hatte.

„Warum kannst du nie aufpassen auf dein blödes Katzenvieh“, zischte er durch die Zähne, was sein Bruder natürlich nicht hören konnte, weil er gar nicht zuhause war, sondern sich irgendwo bei den Mädchen der Oberklasse herumtrieb, die heute Spinn-Abend hatten.

Wenn Martin seinem Bruder Ben nicht endlich mehr Achtsamkeit einbläuen konnte, würde das nie etwas werden mit der gemeinsamen Geschäftsidee, denn ein Woll- und Strickladen war schließlich etwas Ernsthafteres als das idiotische Gekicke am Hinterhof, dem Ben sich jeden Nachmittag mit Feuereifer widmete, wenn er nicht gerade, wie heute, eine attraktivere Einladung hatte.

Fußball und Mädels, etwas anderes hatte Ben nicht im Sinn, nicht mal Schule!

In Mathematik schrieb er von Fatima ab, in Physik von Heidelinde, in Chemie von Veronika, und die Aufsätze ließ er sich daheim von seinem Bruder und Geschäftspartner anfertigen.

Ein Schmarotzer war er, nichts weiter!

Aber ein Schmarotzer, der begnadet stricken konnte, das musste der brüderliche Neid ihm lassen.

Mützen und Handschuhe und Socken und Pullover und Mäntel und Kostüme und Hosen, und – trotzdem würde Martin ihm heute die Geschäftspartnerschaft kündigen, das mit Mius ging definitiv zu weit.

Aber dann kam Ben vom Spinn-Abend mit einer Bollerwagenladung voll handgesponnener Schafwolle wieder, und so verschob Martin die Kündigung auf die nächste Mius-ärgere-mich-Aktion.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Achtsamkeit“, „rosa-grün“ und „verwurschteln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Himmlisch uniform

Marias Wolke war so wohlig-weich, dass Petrus nicht anders konnte, als sich zu entspannen, und das war für Maria DIE Gelegenheit – „jetzt oder nie“ hieß die Parole!

Achtsamkeit hatte eben ihre Vorteile, das stand außer Diskussion.

„Warum“, fragte Maria und prostete Petrus mit einem Glas frisch gepressten Mannas zu, „warum gelten neuerdings diese besch…eidenen Kleidervorschriften?“

Gerade rechtzeitig hatte sie sich daran erinnert, dass eine ernstzunehmende Heilige die Vokabel „bescheuert“ nicht benutzte, ganz zu schweigen von anderen Wörtern, die mit „besch …“ begannen und noch vulgärer endeten.

„Was für Kleidervorschriften meinst du?“, tat Petrus ahnungslos und schlürfte das Manna hörbar durch seinen Strohhalm, der rosa-grün gestreift aus dem grünen Glas mit dem breiten rosafarbenen Rand ragte.

„Ich finde dieses Rosa-Grün nicht nur grässlich“, antwortete Maria, „sondern auch missverständlich.“

„Wieso – ist Rosa nicht rosa und Grün nicht grün?“

Was für eine männlich-ignorante Ansicht!

„Unter Rosa-Grün kann man genau ALLES verwurschteln“, belehrte die Mutter Gottes den gestrengen Schließer des Himmels, „es kann Apfelblütenrosa oder Heckenrosenrosa oder Morgensonnenrosa oder Alpenglühenrosa oder sonstwas sein, und von Frühlingsbirkengrün über Sommergrasgrün bis Edeltannengrün ist ebenfalls alles möglich, wie sollen also die Männer wissen, welches Rosa sie wählen müssen, und wie sollen die Frauen das richtige Grün treffen für ihre Uniformgewänder?“

Petrus betrachtete Marias heuschreckengrüne Jeans, zu der sie eine edle olivgrün-meergrüngestreifte Seidenbluse trug, sah dann an seiner unifarbenen knallpinken Soutane hinunter und räumte widerwillig ein, dass auch eine weibliche Heilige manchmal im Recht sein könne.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Achtsamkeit“, „rosa-grün“ und „verwurschteln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Es handelt sich um die Fortsetzung meiner abc-Etüden „Potz Blitz!“ und „Konter im Beichtstuhl“ .)