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Überleben

Das Frühstücksbrot schmeckte heute altbacken, der Pfannkuchenteig sah aus, als sei er aus einem Drachenei notdürftig zusammengepanscht.

„Ist das ein Dinosaurierei, Oma?“ Der kleine Thierry verzog das Gesichtchen.

„Es ist ein Pferdeei“, stellte seine Schwester Nina naserümpfend mit einem Blick auf die zweifelhafte Pfannkuchenzutat fest und meinte einen Pferdeapfel.

Ein paar Sekunden später hörte ich den Deckel auf die Kloschüssel knallen. Schneller, als ich bis drei zählen konnte, hatte Nina den Pfannkuchenteig in die Toilette gekippt.

Jetzt war nur noch das Brot da.

„Es ist verschimmelt“, behauptete das Mädchen, und nachdem ich skeptisch die weißen Punkte auf seiner Rückseite geprüft hatte, musste ich zustimmen.

Wir würden nachher losziehen und Kiefernnadeln sammeln, ich wusste schon wo, die schmeckten besser, waren nahrhafter und enthielten mehr Vitamin C, und dazu würde ich einen würzigen Brennnesselspinat zubereiten. Zum Kuckuck mit den abgelaufenen Nahrungsmitteln aus der Mülltonne des Supermarktes nebenan!

(Für die Textwoche 26.18 hat Frau Flumsel die drei Wörter Drachenei, altbacken und knallen gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

Misi und die Anstell-Wesen

Der Reisefrosch Misi, wohnhaft bei Frau Holle am Regenbogen, ist jetzt schon seit zwölf Tagen bei uns zu Gast, seit dem 8. Januar. Ich war sehr gespannt auf seinen Besuch, und noch gespannter waren meine Anstell-Wesen, die meine Enkeltochter Mira sich ausgedacht hat, und die seither Mitbewohnende meiner Wohnung sind. Misi, der Reisefrosch, passt ausnehmend gut hierher, wie wir alle schnell festgestellt haben. Deshalb sind wir traurig, dass er am Montag wieder abreisen will. Zurück zu Frau Holle. Weil er bisher keine neue Einladung erhalten habe. Aber er freue sich natürlich auch auf zu Hause.

Seit zwölf Tage ist hier pausenlos Rabbatz angesagt, die Anstell-Wesen hüpfen mit Misi um die Wette herum und reden Quatsch und werfen mit Bauklötzchen und verzehren nebenher Schokolade und Weihnachtsgebäckreste, rennen durch die Wohnung, werfen krachend die Türen zu, schieben Möbel hin und her (die meisten meiner Möbel haben Rollen, das finde ich praktisch). So wild treiben sie es, dass ich gar nicht zum Schreiben gekommen bin. Zumal mein Muser sich immer noch auf den Kanarischen Inseln (ich weiß nicht einmal genau wo) die Sonne auf den Bauch brennen lässt und mir kein bisschen hilft.

Misi macht bei allem mit, was meine mehr oder weniger unsichtbaren Wesen anstellen, und es sind wirklich Anstell-Wesen, da hat meine dreijährige Enkeltochter recht. Mira kennt sich mit Anstell-Wesen aus, denn sie ist selbst eine Anstell-Mira, gibt sie freimütig zu. Am liebsten würde sie den ganzen Tag auf dem Omabett herumhüpfen wie Bepampam, das Hüpfewesen, das sie sich eigens zu diesem Zweck erfunden hat. Nun ja, nicht ganz zu diesem Zweck. Eigentlich ist Bepampam dazu gedacht, die Oma (also mich) aufzuheitern, wenn sie mal wieder zu viel an den Opa denkt, der gestorben ist.

Bepampam leistet mir Gesellschaft, wenn Mira daheim bei Mama und Papa und dem Brüderchen oder im Kindergarten ist. Und er hüpft durch die Wohnung, über die Möbel, auf den Stühlen, auf dem Tisch und – besonders gern – auf dem Bett. Weil das so schön federt. Normalerweise hüpft er da allein herum, denn die anderen Anstell-Wesen (Bagrami und Nopupa, der kleine Dinosaurier mit den Stacheln am Rücken und dem bösen Gesicht, das Babymonster und das Gespenst ohne Stacheln und ohne Augen) sind keine Hüpfewesen.

Aber im Augenblick gibt es kein Normalerweise, denn Misi ist da, und Misi, daran ist nicht zu rütteln, IST ein Hüpfewesen. Definitiv. Mein Bett sieht aus, als hätte der Orkan Friederike darin gewütet. Misi und Bepampam haben es fertiggebracht, dass auch Bagrami und der Nopupa den Spaß am Betthüpfen entdeckt haben. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, schreien sie nach „Trostschokolade“, weil es so wehtut, nicht hüpfen zu dürfen. Und wenn ich nicht bereit bin, ihnen das zehnte Stück Trostschokolade aus dem Kühlschrank zu holen, engagieren sie den kleinen Dino, das Babymonster und das Gespenst ohne Augen als Helferlein.

Obwohl sie sonst vor den dreien nicht ganz zu Unrecht ein bisschen Angst haben. Vor allem der kleine Dinosaurier mit dem bösen Gesicht und den Stacheln am Rücken ist ein gefährlicher Patron, wenn er hungrig ist. Er mag nämlich keine Schokolade, sondern Füßchen. Miras Füßchen, die Füßchen vom Brüderchen, die Füßchen vom Bepampam, die Füßchen vom Nopupa, die Füßchen vom Bagrami und, ja, auch die Füßchen vom Misi! Mira und die Anstell-Wesen wissen das und hüten sich vor dem Dino, wann immer er grün leuchtet, denn das zeigt an, dass er nach etwas Essbarem sucht.

Nur der arme Misi konnte die Zeichen nicht richtig deuten und spielte mit dem grün leuchtenden Dino Plumps-ins-Loch, ein Spiel, bei dem die Wesen versuchen müssen, nicht in die Schüssel zu fallen, in der die Puppen gebadet werden. Sie rennen um die Schüssel herum und stellen sie einander in den Weg, und wer zuerst hineinfällt, hat verloren, aber alle, auch der Verlierer in der Schüssel, lachen sich kaputt darüber. Es sei denn – ja, es sei denn, der kleine Dino ist mit von der Partie und leuchtet grün. Gleich am zweiten Tag von Misis Besuch war das der Fall. Es fiel Misi nicht auf, dass er plötzlich völlig allein mit dem Dino spielte, und da er die Gegebenheiten noch nicht gut kannte, fiel er sehr schnell in die Schüssel, die der Dino ihm in den Weg stellte.

Ich war gerade im Omazimmer, in dem ich zu arbeiten pflege, als es passierte, und wähnte meine Wesen friedlich miteinander spielend. Es klang alles vergnügt und fröhlich im Spielzimmer nebenan. Meine Enkeltochter war im Kindergarten, ihr Brüderchen bei seiner Mama, der Dino, dachte ich, in sicherer Verwahrung am Balkon, wo es keine Füßchen gibt, sondern nur Blumenerde, die er ersatzweise auch gern frisst. Aber plötzlich hörte ich einen spitzen Schrei, mehrstimmig, es rumpelte, etwas schleifte über den Boden …

„Dino, hinaus mit dir! Dino, du kannst doch nicht unserem Misi die Füßchen anknabbern! Weg mit dir!“

Das waren die Stimmen vom Bepampam, der so gut wie nie spricht, vom Nopupa, der meist unverständliche Quatschwörter benutzt und vom Bagrami, der lieber mit Bauklötzchen als mit Redewendungen um sich wirft. Alarmiert rannte ich, so schnell eine Oma rennen kann, ins Nebenzimmer und sah mir die Bescherung an. Misi hockte blassgrün und in einer Art Schockstarre in der Schüssel, der kleine Dino, leuchtend grün vor Hunger, klapperte mit den Zähnen und zischte mit bösem Gesicht immer wieder „Füßchen! Füßchen fressen!“, Bepampam hockte in einer Ecke des Omabettes und bewegte sich nicht. Bagrami und Nopupa hielten sich an der offenen Balkontür fest, während das Babymonster und das Gespenst ohne Augen den Dino hinauszerrten und die Balkontür wieder schlossen.

„Misi war schuld!“, sagte das kleine Gespenst. „Er hat den Dino hereingelassen, weil es draußen so kalt war.“

„Nein“, sagte der Bepampam, „Misi kann doch die Klinke gar nicht bedienen. Das Gespenst hat ihm geholfen.“

„Nur weil das Babymonster gesagt hat, der Dino sei nicht hungrig“, wehrte sich das Gespenst, das recht weiß um die Nase war (es ist die einzige der Anstell-Wesen, die ich als zuständige Menschin sehen kann, weil es einen Kopf aus Styropor und einen Körper aus einen Seidentaschentuch besitzt).

„Wenn Mira zu Besuch kommt, wird sie euch alle schimpfen“, drohte ich. „Den Dino hereinlassen! Was habt ihr euch dabei gedacht!“

„B-b-bleibt e-er j-jetzt d-draußen?“, fragte Misi ängstlich.

„Ja!“, riefen die anderen im Chor und halfen dem Reisefrosch auf die Beine. Kurz darauf drückten sie sich die Nasen an der Balkontür platt und beobachteten, wie der kleine Dino grummelnd Blumenerde fraß, bis er sich grau und gesättigt zusammenrollte, um einzuschlafen.

Seither ist er nur noch bei den Spielchen dabei, wenn er grau ist, denn Misi hat seine Lektion gelernt, und auch das Gespenst und das Babymonster werden nach Miras Strafpredigt und dem dreistündigen Schokoladenentzug sicher nicht so bald wieder die Balkontür zur Unzeit öffnen.

Gerade spielen sie übrigens alle mit Miras Bauklötzchen, jeder mit einer Tasse Spielschokolade neben sich, in Miras weihnachtsneuen Schokoladentässchen. Und ich habe mich ins Omazimmer geschlichen, um endlich diesen Besuchsbericht zu schreiben, solange Miras Mama mit Miras Brüderchen zu Besuch ist und auf die ganze Bagage aufpasst. Die lässt es bestimmt nicht zu, dass irgendwer irgendwem aus irgendeinem Grund die Füßchen abfrisst.

 

 

 

Schwere Entscheidung

Eine Flaschenpost! Das war DIE Idee!

Eine Idee gegen die Trübsal.

Die Ölflasche war leer, ausgewischt mit Marie-Luises letzter Brotkruste. Die Lebensmittelvorräte, die sie für ihre Schreibwoche in der Höhle gelagert hatte, waren aufgebraucht. Selbst die Kerne ihrer Sonnenblume hatte sie aufgegessen.

Dass es keinen Handyempfang gab, war beabsichtigt gewesen, aber zur Falle geworden, als nach dem Gewitter die Erde vor dem Höhleneingang einbrach.

Eine Quelle sprang als Wasserfall in die Klamm. „Hilfe! Sitze in der Bärenhöhle fest!“, schrieb Marie-Luise auf das abgelöste Etikett und schickte die Flasche los. Sie schleuderte sofort gegen einen Felsen und zerbarst in tausend Stücke.

***

In dieser Nacht träumte Marie-Luise von einem Schokokeks, von einem einzigen, angenagten Schokokeks, einem von diesen widerlichen Dingern, die sie als Kind schon nicht gemocht hatte. Einem Keks voller brauner, schmieriger Schokolade, die sich als süßlicher Belag auf der Zunge festsetzte und sie zum Würgen brachte.

„Wenn ich hier einen Schokokeks finde“, schwor sie sich im Traum, „werde ich ihn aufessen. Es sind Kalorien. Kalorien braucht man zum Überleben. Ich werde ihn mir gut einteilen, jeden Tag nur einen kleinen Bissen nehmen. Damit er lange reicht.“

Aber als sie aufwachte, wusste sie wieder, dass sie keinen Keks finden würde, nirgendwo.

***

Das einzige Schächtelchen, das noch nicht völlig leer war, enthielt Pflaster. Blasenpflaster. Es kam Marie-Luise vor wie ein Witz. Wenn sie hier nicht verhungern wollte, musste sie irgendwie in die Klamm hinunter gelangen, ohne Seil, ohne Haken, mit Stadthalbschuhen an den Füßen. Blasen wären da das geringste Problem.

Sollte sie hier bleiben, auf ein Wunder warten? Darauf, dass ein Hubschrauber sie trotz des Nebels entdeckte? Sie hatte kein Holz mehr, um Feuer zu machen, und in der feuchten Luft hätte es nicht gebrannt. Und sie war geschwächt vom sparsamen Essen.

Verhungern oder abstürzen? Das war die Frage. Die letzte, entscheidende.

(Dies ist mein erster Versuch mit Drabbles. Angeregt wurde er von „Christiane“ und ihrem „Etüdensommerpausenintermezzo.“ Der erste Teil setzt sich aus 100 Wörtern zusammen, die als Schlüsselwörter „Trübsal“, „Sonnenblume“ und „Flaschenpost“ enthalten, die ersten beiden Teile ergeben ein Double-Drabble aus 200 Wörtern und dem Zusatzwort „Schokokeks“, und alle Teile zusammen bilden ein Triple-Drabble, in dem als weiteres Zusatzwort „Pflaster“ vorkommt. War nicht ganz einfach, das muss ich zugeben. Trotzdem (oder gerade deswegen): Danke für die Anregung!