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Bühne frei

Die Bühne ist leer. Leer wie die Bäume des Freilichttheaters, die sie umgeben. Dürres Laub liegt auf den Stufen, die ehemals Sitzplätze waren, durchnässt und matschig fault es vor sich hin. Ein Geruch nach Moder liegt in der Luft, der Wind peitscht die Regenschnüre wie Nadeln in die Haut. Sturmwolken jagen einander über den Himmel, die Nacht sinkt zu früh auf die Landschaft. Kein Mond wird sie erhellen, keine Sterne funkeln durch die Wolkendecke.

Ein Fuchs streicht einsam zwischen den Büschen hindurch. Zweige biegen sich, ohne zu knacken. Nass sind sie, geschmeidig, unfähig zum kleinsten Geräusch. Eine Eule schreit ihr dumpfes Schuhu in die Dunkelheit. Schwarz liegt die Bühne am Boden des Theaterrunds, kein Lichtschimmer flirrt über die Wasserfläche, die sich darauf kräuselt. Als die Eule mit kaum hörbarem Flügelschlag die Szene verlässt, drängt sich das Rauschen der Autobahn in den entleerten Vordergrund, mischt sich mit dem Strömen des Herbstregens.

Es wird keinen Schnee geben. Die Temperaturen halten sich knapp, aber zuverlässig gerade so weit über dem Nullpunkt, dass die weißen Sterne graue Tropfen bleiben. Nichts wird das Bühnenbild verzaubern, nichts gnädig seine Öde verdecken. Kein Schauspieler kommt aus den Kulissen, keine Sängerin traut sich in die Kälte, niemand schaut dem ausbleibenden Schauspiel zu. Nur eine Schnecke versucht von der untersten Stufe aus nach oben zu gelangen. Und wieder heult die Eule.

Sonst geschieht nichts.

(Dieser Beitrag beruht auf einem Schreibimpuls, den ich dem Online-Workshop „Schreibrausch 2020“ von Dr. Eva-Maria Lerche verdanke, an dem ich sehr gern teilgenommen habe.)

Kater im Schnee

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Tatjana saß bei Kerzenschein in ihrem Wohn-Ess-Schlaf-Arbeitszimmer und starrte auf das leere Katzenkörbchen, in dem noch vor einer Woche Pjotr, ihr schwarzer Kater mit der weißen Krawatte, sich gestreckt und gerekelt hatte. Sechs Tage war es jetzt her, dass Pjotr von einem Ausflug in den frisch gefallenen Schnee nicht zurückgekehrt war.

„A-B-C, die Katze lief in’n Schnee, und als sie wieder reinkam, da hatt’ sie weiße Stiefel an, ojemine, oje – die Katze lief in’n Schnee“, hatte das Radio dazu gedudelt, um Tatjana fand es noch besonders lustig und sang mit, und ein Ohrwurm schlich sich in ihr Hirn, den sie seither nicht wieder loswurde.

Nur dass Pjotr nicht mehr reingekommen war mit seinen weißen Stiefelchen. Er war ausgebüxt, durch die Hecke, über den vereisten Gehweg auf die vereiste Straße, ehe ein Räumfahrzeug vorbeigekommen war. In Tatjanas Kopf wechselten sich Bilder von erfroren-steifen bis zu blutüberströmt-verunfallten Katerchen ab, wurden gewaltsam ersetzt von schnurrenden Tierchen in fremden, aber warmen Wohnzimmern, von verängstigt miauenden Wesen in mies geführten Tierheimen und von apathisch abwartenden in Versuchslabors.

Nein, Tatjana würde sich nicht zur Närrin machen, würde es nicht zum 98. Mal überprüfen, um wieder nur festzustellen, dass in ihrem Vorgarten doch nichts war, dass sie sich wie immer verhört, dass ihre Verzweiflung ihr einen Streich gespielt hatte; sicher war auch das Geräusch gedämpfter Laufschritte über den verschneiten Gartenweg nur Illusion, und das dumpfe Bummern an der Haustür nichts als Einbildung. Nur ein kurzer Blick durch den Türspion, sicherheitshalber … ein Blick, ein Schreck, ein Schrei, eine Erkenntnis.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

(Hier ist die Geschichte Nummer 5 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt – Hoffnung, Kater, Kerzenschein – und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran.)

Das Lotteriepäckchen

Die zwei Flaschen Glühwein hatten nicht verhindern können, dass Mirjam sich auf der Nasespitze, an den Fingern (unter den eleganten Fingerling-Handschuhen) und Zehen (in den schicken neuen Stiefeletten) Frostbeulen zugezogen hatte. Hässlich sahen die aus, die Beulen, besonders die auf der Nase, die sie nicht verbergen konnte, und von denen sie nicht so recht wusste, ob wirklich der Frost sie verursacht hatte oder doch der Glühwein, der bestimmt für ihr Kopfweh und ihre Übelkeit verantwortlich war.

Oder nein, verantwortlich war sie natürlich selbst. Was für eine Schnapsidee aber auch, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, eine Geschenklotterie im Freien zu veranstalten, und das hier, in Quebec, bei immerhin 20 Grad Minustemperaturen!

„Bei uns“, hatte eine der russisch-orthodoxen Teilnehmerinnen gestern gesagt – Katja hieß sie wohl, aber sie sprach es so seltsam aus, dass Mirjam es kaum verstand – „bei uns daheim wäre das für die Jahreszeit recht warm, im Moment sind dort 45 Grad minus.“

„Prost“, antwortete Mirjam und ertappte sich dabei, dass sie sich nach dem Kölner Regenwetter sehnte, das sie in den letzten sieben Jahren so gehasst hatte. Fünf Grad plus, oder sogar dreizehn, Mirjam zückte das Handy und fragte die Temperatur über eine Wetter-App ab, ja, dreizehn, in der Kölner Innenstadt sogar fünfzehn.

Was war eigentlich in dem Päckchen, fragte sie sich jetzt, als der saure Hering und die Kopfwehtablette langsam zu wirken begannen, was war in dem Päckchen, das sie in der Geschenklotterie gewonnen, das sie aber gestern mit ihren klammen Fingern nicht aufbekommen hatte?

Sie suchte den karg möblierten Raum des Studentinnenwohnheims mit den Augen ab, sah das blauglitzrige Ding am Boden liegen, hob es auf, mühte sich mit den schmerzenden Fingern, die Schnur um die Verpackung zu lösen und das Geschenkpapier zu entfernen. Ein großes, sperriges Paket war es im Grunde (kein Päckchen!), und es enthielt – gefütterte Winterstiefel und ebensolche Handschuhe.

(Hier ist die Geschichte Nummer 4 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran )