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Kater im Schnee

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Tatjana saß bei Kerzenschein in ihrem Wohn-Ess-Schlaf-Arbeitszimmer und starrte auf das leere Katzenkörbchen, in dem noch vor einer Woche Pjotr, ihr schwarzer Kater mit der weißen Krawatte, sich gestreckt und gerekelt hatte. Sechs Tage war es jetzt her, dass Pjotr von einem Ausflug in den frisch gefallenen Schnee nicht zurückgekehrt war.

„A-B-C, die Katze lief in’n Schnee, und als sie wieder reinkam, da hatt’ sie weiße Stiefel an, ojemine, oje – die Katze lief in’n Schnee“, hatte das Radio dazu gedudelt, um Tatjana fand es noch besonders lustig und sang mit, und ein Ohrwurm schlich sich in ihr Hirn, den sie seither nicht wieder loswurde.

Nur dass Pjotr nicht mehr reingekommen war mit seinen weißen Stiefelchen. Er war ausgebüxt, durch die Hecke, über den vereisten Gehweg auf die vereiste Straße, ehe ein Räumfahrzeug vorbeigekommen war. In Tatjanas Kopf wechselten sich Bilder von erfroren-steifen bis zu blutüberströmt-verunfallten Katerchen ab, wurden gewaltsam ersetzt von schnurrenden Tierchen in fremden, aber warmen Wohnzimmern, von verängstigt miauenden Wesen in mies geführten Tierheimen und von apathisch abwartenden in Versuchslabors.

Nein, Tatjana würde sich nicht zur Närrin machen, würde es nicht zum 98. Mal überprüfen, um wieder nur festzustellen, dass in ihrem Vorgarten doch nichts war, dass sie sich wie immer verhört, dass ihre Verzweiflung ihr einen Streich gespielt hatte; sicher war auch das Geräusch gedämpfter Laufschritte über den verschneiten Gartenweg nur Illusion, und das dumpfe Bummern an der Haustür nichts als Einbildung. Nur ein kurzer Blick durch den Türspion, sicherheitshalber … ein Blick, ein Schreck, ein Schrei, eine Erkenntnis.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

(Hier ist die Geschichte Nummer 5 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt – Hoffnung, Kater, Kerzenschein – und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran.)

Mius-ärgere-mich

Rosa-grün, grün-rosa, rosa-grün – verdammt, Bens schrecklicher Kater Mius hatte wieder die ganze Wolle verwurschtelt.

Martin versuchte mühsam, die Fäden zu entwirren, die Mius beim Spiel mit den Knäueln so heillos ineinander gewirkt hatte.

„Warum kannst du nie aufpassen auf dein blödes Katzenvieh“, zischte er durch die Zähne, was sein Bruder natürlich nicht hören konnte, weil er gar nicht zuhause war, sondern sich irgendwo bei den Mädchen der Oberklasse herumtrieb, die heute Spinn-Abend hatten.

Wenn Martin seinem Bruder Ben nicht endlich mehr Achtsamkeit einbläuen konnte, würde das nie etwas werden mit der gemeinsamen Geschäftsidee, denn ein Woll- und Strickladen war schließlich etwas Ernsthafteres als das idiotische Gekicke am Hinterhof, dem Ben sich jeden Nachmittag mit Feuereifer widmete, wenn er nicht gerade, wie heute, eine attraktivere Einladung hatte.

Fußball und Mädels, etwas anderes hatte Ben nicht im Sinn, nicht mal Schule!

In Mathematik schrieb er von Fatima ab, in Physik von Heidelinde, in Chemie von Veronika, und die Aufsätze ließ er sich daheim von seinem Bruder und Geschäftspartner anfertigen.

Ein Schmarotzer war er, nichts weiter!

Aber ein Schmarotzer, der begnadet stricken konnte, das musste der brüderliche Neid ihm lassen.

Mützen und Handschuhe und Socken und Pullover und Mäntel und Kostüme und Hosen, und – trotzdem würde Martin ihm heute die Geschäftspartnerschaft kündigen, das mit Mius ging definitiv zu weit.

Aber dann kam Ben vom Spinn-Abend mit einer Bollerwagenladung voll handgesponnener Schafwolle wieder, und so verschob Martin die Kündigung auf die nächste Mius-ärgere-mich-Aktion.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „Achtsamkeit“, „rosa-grün“ und „verwurschteln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)