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Der erste Brief

„Gänse sind das, Gänse, mein Mädchen. G-ä-n-s-e. Gigaga machen die.“

„Giga.“

„Ja. Gi-ga-ga. Magst du es der Oma schreiben, dass wir die gesehen haben?“

„Sseiben.“

„Der Oma?“

„Oma. Oma sseiben!“

„Fein. Was schreiben wir noch?“

„Liebe Oma?“

„Genau. Liebe Oma – magst du es auch dem Opa schreiben?“

„Opa.“

„Gut. Liebe Oma, lieber Opa …“

„Wir haben Giga-giga-giga?“

„… Gänse gesehen, in der Pfütze vor unserem Küchenfenster …“

„Nein!“

„Nein? Was nein? Warum denn nicht? Da sind doch die Gänse, und es regnet, und sie baden in der Pfütze?“

„Nein. Will nicht!“

„Aber was willst du dann?“

„Liebe Oma …“

„… und lieber Opa?“

„… Opa …“

„Und dann?“

„Wir haben …“

„Wir haben?“

„Giga-giga-giga! Fättich aus! Von Mama und Maus.“

„Von Erika und Mama?“

„Sstimmt. Fättich aus. Ssumachen. Ssumachen und wegdamit!“

(Diese Geschichte entstand als Reizwortgeschichte während eines Schreibworkshops bei der Lektorin und Schreibtrainerin Maike Frie in Münster. Es gab mehrere Reizwörter, gewonnen aus einem Schreibspiel ähnlich dem Spiel „Stadt-Land-Fluss“. Die Wörter durften, mussten aber nicht alle verwendet werden. Ich wählte in diesem Fall das Wort „Gänse“.) 

Fischstäbchen mit Pommis

Das Ahornblatt, das Thierry ihr unter die Nase hielt – er hatte es beim Spaziergang mit der Kindergartengruppe gefunden und nicht losgelassen, bis er endlich abgeholt wurde – erinnerte Ramona Bahmüller an ihre Beinahe-Schwiegertochter Désirée, die ihr zum 60. Geburtstag ein überdimensioniertes Kanada-Wappen gemalt hatte, ein rotes Wappenblatt vor dem Hintergrund einer angedeuteten Schneelandschaft, 1,80 mal 1,80 Meter groß, für die leere weiße Wand im Entrée von Ramonas und Walters Landhaus, wo es großartig ausgesehen hatte, denn Thierrys Mama hatte Geschmack und Talent gehabt und gewusst, was wo wie gut wirken würde.

Jetzt wartete das Gemälde neben selbstgemachter Marmelade und selbst eingelegten Gurken süß-sauer im Keller des Mehrfamilienhauses, in dem Ramonas kleine Zwei-Zimmer-Wohnung (dritter Stock, mittlere Tür) sich befand, auf bessere Zeiten, denn Ramona hatte kein freies Plätzchen dafür gefunden und die Wohnung, in die sie nach Walters Tod gezogen war, so minimalistisch wie möglich eingerichtet, um sich ein winziges Restgefühl der Weite und Großzügigkeit zu erhalten, das sie so liebte.

Ramona wusste, dass sie funktionieren musste, trotz der brennenden Einsamkeit, die ihre Seele aufzufressen drohte, trotz der Morgentränen, die sie, Johanniskrautextrakt hin oder her, täglich weinte, vor oder nach dem Zähneputzen, aber immer, bevor sie Thierry weckte, damit er rechtzeitig zum Kindergarten kam.

Sie fragte sich nicht, warum es sie und immer wieder sie traf; ihr war klar, dass sie auch viel Schönes und Wertvolles „getroffen“ hatte, und dass alle Menschen ihr eigenes Päckchen zu tragen hatten, aber trotzdem wusste sie manchmal nicht, wo die Kraft herkommen sollte, das zu schultern, was sie nun einmal schultern musste: da zu sein für Thierry, dessen Mama seine Geburt nicht überstanden hatte, für ihn da zu sein jetzt sogar ohne die Hilfe von Walter, ihrem Kraft- und Energiequell während der fast 35 Jahre ihrer Ehe, ihrem sicheren Hort, ihrem …

„Weinst du, weil Opa gestorben ist?“

„Weil Opa gestorben ist, und weil deine Mama gestorben ist, und weil dein Papa jetzt diese Chinareise machen muss für seine Firma,“ antwortete Ramona, die hier, in der fremden Stadt, in die sie ihrem Sohn Christian zuliebe aus dem vertrauten Schwarzwalddorf umgezogen war, niemanden kannte und mit niemandem reden konnte als mit ihrem Enkelkind.

„Aber Opa lebt doch noch, wohl im Spiel“, versuchte der Fünfjährige, sie zu trösten, „und Mama auch, und Papa kommt, wohl im Spiel, nachher von der Arbeit wieder und isst mit uns zu Abend, du musst ihnen nur ein bisschen helfen zu reden, Oma!“

„Ja, stimmt“, bemühte sich Ramona mit Christians Stimme zu antworten, „ich bin schon da, mein Großer, und aus deinem Ahornblatt machen wir gleich was Schönes, wir beiden, und ich hab Fischstäbchen mitgebracht, die kann deine Mama uns braten, und der Opa holt solange eine Tüte Pommes frites aus der Tiefkühltruhe, die werfen wir in die Fritteuse und machen es uns gemütlich!“

„Au ja, Papa, wir kleben ein Bild, und dann essen wir Fischstäbchen mit Pommis“, spielte Thierry das Spiel mit, „und in der Nacht darf ich dann zu dir und zur Mama ins Bett krabbeln, wenn ich Albträume habe, nicht wahr, Oma, und du machst dann Mama und Papa reden, und dann schlafen wir beide wieder ein.“

Ramona schluckte hart, sagte mit tiefer Christian-Stimme, „na klar, mein Sohn“ und nahm ihn mit in den Vorratskeller, um Fischstäbchen und „Pommis“ aus der Gefriertruhe zu holen.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Ahornblatt“, „Chinareise“, „krabbeln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Diesmal handelt es sich übrigens um meine eigene Wortspende.)

Verhohnepiepelt

Bei ihrer Düsseldorf-Oma fühlte sich Sitora immer pudelwohl, denn hier gab es nicht nur einen Riesenspielplatz und Kekse bis zum Abwinken, alle mit rosa Zuckerguss, sondern auch jede Menge lustige Bilderbücher aus Mamas Kindergartenzeit, und dazu war die Düsseldorf-Oma schlau und geduldig und beantwortete Sitora fast alle Fragen, und Sitora hatte viele Fragen, denn im Kindergarten gab es so viele neue Dinge, die sie nicht durchschaute und so viele neue Wörter, die sie noch nie gehört hatte, Tyrannosaurus und Wasserpause und Versperzeit und …

„Oma, was ist eine Wanderdünne? Yusup sagt, es ist das Gegenteil von Laufdicke, aber Yusup ist immer so gemein und sagt Quatsch, und wenn ich dann im Kindergarten etwas davon erzähle, lachen mich Emilia und Jean-Luca aus, und die Erzieherin guckt mich an mit bösem Gesicht. Und außerdem – was ist eigentlich eine Laufdicke?“ Sitora wusste, dass ihre Düsseldorf-Oma, Mamas Mama, eine echte Deutsche war, in Deutschland geboren, nicht so wie die Kurgantobe-Oma und der Kurgantobe-Opa, Papas Eltern, die ganz weit weg in Tadschikistan wohnten, also würde die Düsseldorf-Oma auch Wörter wie Wanderdünne und Laufdicke kennen.

Früher, vor dem Hyperknall bei der Explosion der Lagerhalle für Feuerwerkskörper in Duschanbe, in der Sitoras und Yusups Mama für ihren Spaßladen einkaufen wollte, hätte auch sie solche Wörter erklären können, denn da konnte Mama ja noch hören und sprechen, aber an diese Zeit erinnerte sich Sitora nicht mehr, nur Yusup und Papa und die Düsseldorf-Oma erzählten manchmal davon.

„Laufdicke kenne ich nicht“, sagte die Düsseldorf-Oma, „höchstens Laufmaschendicke, aber doch eher Laufmaschenbreite, das ist, wenn du eine Laufmasche in der Strumpfhose hast, und es zeigt an, wie viele Maschen kaputt sind, aber das ist nicht das Gegenteil von Wanderdüne, weil eine Wanderdüne nichts mit dünn zu tun hat. Die ist nämlich aus Sand, und sie ist ein Berg, und wenn der Wind von der einen Seite den Sand wegbläst und ihn auf der anderen wieder niederschneit, dann kriecht der Berg ganz langsam weiter, kriech, kriech, weißt du? Das kannst du mal im Sandkasten ausprobieren, wenn du magst, ich helfe dir dabei, nimm am besten gleich die Sandelsachen, und wir gehen los.“

„Au ja“, rief Sitora, zog freiwillig Gummistiefelchen und Draußenhose an und schnappte sich Eimerchen, Förmchen und Schaufel, „ich WUSSTE doch, dass Yusup mich nur verhohnepiepelt,“ und sie fragte sich verwundert, warum die Düsseldorf-Oma plötzlich so lachen musste – stimmte vielleicht etwas nicht mit dem Verhohnepiepeln, das doch der große Jean-Luca immer zu ihrem Bruder Yusup sagte?!

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 2 mit den Wörtern „Hyperknall“, „Wanderdüne“, „pudelwohl“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Leere

Das Meer holte weißgrünen Schaum aus der Unendlichkeit, zerschmetterte ihn an den Felsen und pinselte daraus abstrakte Muster in den Ufersand. Gott war ein Wassermaler. Es gab keine Zeit. Kein Jetzt, kein Nachher, kein Gestern, kein Morgen, kein Später und kein Irgendwann. Es gab nur die Ewigkeit.

Einen Urlaub lang.

Irgendwo weit hinten – sehen konnte ich ihn nicht – lag Maximilian, in dem Liegestuhl, den er heute Morgen unserer Privatvermieterin abgebettelt hatte. Vermutlich döste er. Falls er nicht noch dabei war, eines der Sudokus zu lösen, die er in Überzahl in unseren Koffer gestopft hatte. Sonst war da nichts. Kein Haus, kein Auto, kein Kiosk, kein Mensch, keine Muschel, keine Qualle, nicht einmal eine Möwe. Himmel und Wasser spielten mit der Hitze Federball. Der Himmel warf sie aufs Wasser, das Wasser warf sie zurück. Wieder, wieder und wieder. Die Luft stand flimmernd am Horizont und wartete vergeblich auf den Seewind, der sie über Meer und Land verwirbeln würde wie ein Ventilator.

Gern hätte ich meine Badelatschen ausgezogen, aber der Sand war zu heiß dafür. Ob die Kinder in Annegrits Schule, tausende Kilometer von hier, jetzt hitzefrei hatten? Egal. Annegrit hatte kein hitzefrei mehr. Und keine Ferien. Und sie würde nie wieder die Schule schwänzen, um durch den Regen zu rennen. Die Schwimmflügel, die ich ihr letzten Sommer gekauft hatte, in ihrer Lieblingsfarbe Neonpink, lagen originalverpackt in ihrem Kinderzimmer.

Ich presste die Lippen zusammen, fuhr mir mit der Zunge über die Mundwinkel und schmeckte Salz. Wie ich die Sonne hasste! Diese Sonne, die wie ein künstliches Höhenfeuer auf die Erde herunterbrannte, ein Höhenfeuer ohne Knistern, ohne Qualm, ohne Ende.

Annegrits Zimmer war abgeschlossen und würde es bleiben. Bis irgendwann … aber … es gab ja kein Irgendwann mehr. Kein Auto. Keinen Kiosk. Keine Annegrit. Nie wieder würden ihre Sommersprossen um ihre Stupsnase tanzen, wenn sie verschmitzt versuchte, Maximilian und mich gegeneinander auszuspielen, um trotz aller Verbote an ihre Gummibärchen oder ihr abendliches Ballspiel zu kommen.

Ich fror plötzlich und wickelte mir mein Strandkleid fester um die Schultern. Irgendwo schrie ein Kind. Irgendwo, aber nicht hier. Und nicht heute. Ich drehte mich landwärts und folgte den Spuren meiner Badelatschen zurück durch den glühenden Sand. Es gab keine Zeit. Kein Jetzt, kein Nachher und kein Irgendwann.

Das Meer holte weißgrünen Schaum aus der Unendlichkeit, zerschmetterte ihn an den Felsen und pinselte daraus abstrakte Muster in den Ufersand. Gott war ein Wassermaler.

Und nein, ich verstand ihn nicht.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein vierter Versuch dazu.)