Blog-Archive

Und wenn schon!

Es war nicht die Sonne, die Codrutas Haar letztlich doch gebleicht hatte. Und nein, blond geworden war es davon nicht, und silbrig schimmernde Locken würden auch nie daraus werden. Eher sahen die Strähnen aus wie schmutziger Schnee auf einem Feldweg im Frühling, fahles Grau in glanzlosem Schwarz.

Die alt werdende Frau betrachtete sich nachdenklich im spiegelnden Schaufenster des Ladens, der irgendwann in den letzten drei Wochen eröffnet worden sein musste, als sie in der Sommerküche von Erzsébet gegen ihre Grippe ankämpfte. Erzsébet war alt, mindestens neunzig, und nein, sooo alt war Codruta noch nicht. Sah man ihr das an? Dass sie dreißig Jahre jünger war als Erzsébet?

Die Grippe hatte weitere Falten in Codrutas hageres Gesicht gegraben. Neue Altersflecken schienen sich auf ihren Handflächen auszubreiten. Codruta wollte nicht überlegen, ob das auf Hautkrebs hinwies. Grübeln hatte noch nie jemandem geholfen.

Sie war eine harte Frau, hart im Nehmen, „stark“, sagten manche, „eiskalt“ fanden andere ihre Art. Vielleicht, weil es ihr nicht lag, „süße“ Tierlein auf den Schoß zu holen oder fremder Leute Babys zu knuddeln. Ihre eigene Tochter hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ob sie Kinder hatte?

***

„Knuddeln“. Was für ein idiotisches Wort. So doof wie „Frauchen“ oder „Gassi gehen“. Codruta hasste Verniedlichungen. Sie hasste Erzsébets Zwergspitz und sein widerliches Gebell, sein weißes „Fellchen“, die „Leckerlis“, die Erzsébet ihm immer zusteckte. Sie hasste auch Erzsébets „Miezekatze“ (– miez-miez! – Jere ide (komm her)!).

Seit ihre Mutter – Mamica – gestorben war, verabscheute Codruta die Viecher, diese ekligen Wesen, die mit ihren Knopfaugen alle Menschen verrückt machten.

Viecher wie den Zwergspitz Fifirica und die Siamkatze Miuta, die ihr Vater und ihre Stiefmutter mitnahmen, als sie Codruta bei der Nachbarin zurückließen.

Weil Codrutas Haar nicht so blond war wie das ihrer Stiefmutter? ihre Augen nicht so katzengrün?

***

Pfff. Und wenn schon.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Alice, die diesmal die Reizwörter – Grippe, gebleicht, knuddeln– gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Nachhaltigkeitsmarkt

Die Leute vom Letzte-Wünsche-Mobil des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten seinen Wunsch abgelehnt, aber Herr Weniger wollte nicht aufgeben.

Er sortierte seine Sachen für den veganen Nachhaltigkeitsflohmarkt, der nach den Feiertagen am Rathausplatz stattfinden sollte. Da waren die veganen Vanillekugeln, die eine Bäckereiverkäuferin ihm in den Hut geworfen hatte. Ihr Verfallsdatum war nicht abgelaufen. War Zellophan nachhaltig? Und was, wenn jemand eine Nussallergie hatte? Egal. „Nüsse“ stand auf der Ingredienzienliste des Etiketts. Man musste nur lesen können. Nur.

Herr Weniger verdrängte seinen Hunger. Vanillekugeln waren nicht gut für …

Er teilte sich lieber den Brotrest mit der Jungratte, die ihn nachts im verfallenen Schuppen neugierig beäugte. Das war besser, als sie an seinem Bärenfell nagen zu lassen, obwohl die das für einen Leckerbissen zu halten schien. Er hatte das Tier entdeckt, als der erste Herbststurm tobte, und war ihm dankbar, weil es ihn von seiner Herbstdepression ablenkte.

Inzwischen war Herrn Wenigers Diagnose abgesichert. Die Prognose: schlecht. Und jetzt hatten Weihnachtszauber und Wintersonnenwende der Winterdepression Platz gemacht.

Schneeflocken wirbelten durch die Steinwüste der Großstadt, glitten über das Glatteis der Gehwege, glitzerten im reklamebunten Licht, dämpften das Rattern der S-Bahn, das Rauschen des Autoverkehrs, das Hundegebell und das Kinderlachen im nahen Park.

Was hatte Herr Weniger noch zu bieten? Das grüne Kuscheltier, das ein Kindergartenkind ihm auf seine Schlafbank gelegt hatte. Unberührt sah es aus, verpackt in plastikbeschichteten Karton mit Guckloch. Ob es zugelassen würde? Die Teekanne, verbeult, hässlich, würde es. Zum Markt kamen vor allem junge Frauen, die alles hatten und sich das Gefühl kaufen wollten, Menschen zu helfen, die in 500 Jahren am anderen Ende der Welt (vielleicht nie) leben würden. Ob sie für seine getragene Pudelmütze  etwas gäben? Für sein rattenbenagtes Bärenfell?

Herr Weniger fror und träumte stöhnend von dem letzten Glas mit richtig gutem Rotwein, das er vom Erlös kaufen wollte.

(Dies ist ein verspäteter Beitrag zu Christianes Adventüden, frei nach dem Spruch: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt …“. Verarbeitet sind die Schlüsselwörter „Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende“ in 300 Wörtern.)

 

 

Novemberschnee

Ihre Unbehaustheit hatte Codruta im Sommer nichts ausgemacht. Unbehaustheit – das Wort gefiel ihr besser als Obdachlosigkeit, und es passte auch besser auf ihre Situation, fand sie. Sie wohnte in Mihaelas Gästezimmer, das deren Mutter und Schwester vielleicht nie brauchen würden. Und im Winter hoffte sie, als Haushüterin unterzukommen, im Haus von Schuster-János, der mit seiner Frau, wie jeden Winter, in seiner Nürnberger Sozialwohnung leben würde. Das hatte im letzten Winter auch geklappt. Und im vorletzten.

Dann, Ende August, als es so heiß war, dass sie Mihaelas neue Klimaanlage zu schätzen wusste (Mihaela war wirklich reich!), hatte sie vom Verkauf des Schuster-Hauses erfahren. Die Schusters waren alt, 85 und 92, sagte der Kurator der Kirchengemeinde. Sie konnten nicht mehr herkommen, um sommers in ihrem Haus zu wohnen. Ein Ehepaar aus Bukarest habe 15.000 Euro dafür gezahlt, einen Spottpreis, meinte der Kurator.

Ein Vermögen. Codruta sagte es nicht. Kein Winterquartier mehr. Aber noch war Sommer. Kein Grund, schwermütig zu werden! Es gab viele Häuser, die leer standen, natürlich, wie in den meisten Dörfern, aus denen die ehemals hier ansässigen Familien ausgereist waren. Aber niemand benötigte eine Haushüterin. Auch nicht im Nachbardorf, das Codruta per Bus aufsuchte (ihre Arthritis machte ihr zu schaffen). Der Versuch, nach einer kostenlosen Winterbleibe zu haschen, war fehlgeschlagen.

Ende Oktober, die Sommerhitze war Nieselregen gewichen, erfuhr Codruta, dass Mihaelas Familie aus Berlin hierher ziehen würde, nicht nur für den Winter wie sonst. Eine Eigenbedarfskündigung. In Berlin gab es keine Wohnungen, die Mihaelas Mama von der Sozialhilfe bezahlen konnte. „Und ich habe auch nicht so viel Geld“, sagte Mihaela. Vielleicht war sie doch nicht wirklich reich.

Morgen nun – morgen würde Dezember sein – sollten Mihaelas Verwandte ankommen. Codruta wärmte ihren wehen Rücken am Kachelofen. Ab morgen war Unbehaustheit ein Synonym für Obdachlosigkeit.

Draußen ging der Nieselregen in Schneegestöber über.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die dritte: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Kummer-Los

Weglaufen, irgendwohin ins Nichts, weit weg.

Oder sich klein machen, winzig, in einem Mauseloch verschwinden.

Abtauchen, im Meer, auch auf die Gefahr hin, sich vom Geruch des ekelhaft jodhaltigen Seetangs übergeben zu müssen.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nichts denken. Nichts fühlen.

Vor allem nichts fühlen.

Vor der kleinen Kapelle brannte die Oktobersonne auf die kahler werdenden bunten Bäume, und nach dem Regen dampfte der Friedhof wie ein schlecht belüftetes Gewächshaus. In der Kapelle war es kühl und dämmrig gewesen.

Joanna wurde sich bewusst, dass ihr Schwager Alfred an der Wahrheit kein Jota hatte fälschen wollen, damals, vor fünf Jahren, als er ihr versicherte, dass es niemals vorüber sein würde. Niemals?

Nein, er hatte sich geirrt, denn für ihn war es vorbei, seit einer Woche, zumindest nach menschlichem Ermessen. Kein Erinnern mehr an seinen Sohn Bernd, der sich als Fünfzehnjähriger das Leben genommen hatte. Keine Fehlschaltung mehr, dass seine Frau Beate am Wochenende wiederkäme, obwohl sie doch bei der Wanderung damals umgefallen und nicht mehr aufgestanden war.

Alfreds Kränze würden nicht so schnell welken wie vor fünf Jahren die seines Bruders Frieder. Der diesjährige Juli war wie damals heiß gewesen, selten unter 30 Grad im Schatten, fast unerträglich, aber der Juli war vorbei. Und der August. Und der September. Und vieles andere.

Joanna spürte den neu erwachten Seelenschmerz als Mantel um ihren Körper. Saß er links, wo das Herz schlug? Natürlich nicht. Er ergoss sich vom Kopf her in alle Organe, von innen nach außen, erstarrte dort wie die Schale einer Auster.

Rechts saß der körperliche Schmerz. Dort, wo Joannas Lunge nicht mehr komplett war, wo sich unter ihrer Brust eine Narbe bis zum Rücken zog. Wenn sie tief einatmete, spürte sie das Ziehen an den Rippen.

Ja, irgendwann war es wohl vorbei.

Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Jedenfalls bald.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Frank. Die drei Begriffe lauten: Gewächshaus, jodhaltig, fälschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, lieber Frank und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Unterwegs zum Opahaus

„Variabel“, erklärte Célestine ihrem Brüderchen Roman, „das heißt, es kann auch anders sein. Also, es ist nicht immer gleich, weißt du? Manchmal ist es so, und manchmal so.“

Der Zweijährige nickte: „Manmal so“, versuchte er nachzuplappern.

„Nein“, sagte die Vierjährige, „eben nicht. Das habe ich falsch gesagt, entschuldige. Manchmal ist es so, manchmal anders, wollte ich sagen. Das ist variabel.“

„Waja-el“, echote Roman.

“Genau. Und jetzt erkläre ich dir, was harmlos ist.“

„Hamloo“, wiederholte der Kleine und sah seine Schwester interessiert an. Wie schlau sie war! So schlau wollte er auch werden, wenn er groß war.

„Eine Blume ist harmlos”, sagte Célestine, „siehst du dieses Gänseblümchen? Das ist harmlos. Denn es tut niemandem weh. Wenn du niemandem wehtust, bist du harmlos. Verstehst du das?”

„Ja. Oman hamloo.”

Célestine lachte nachsichtig und sah ihren Opa an: „Wie niedlich er ist, nicht wahr, Opa?“

Der alte Mann verkniff sich ein Schmunzeln und stimmte der Enkelin zu. Roman war tatsächlich niedlich in seinem Bestreben, endlich sprechen zu lernen – aber Célestine war ebenso niedlich als seine Sprachlehrerin.

Die drei waren auf dem Weg von Célestines Kindergarten zum Opahaus, in dem die Kinder heute zum ersten Mal wieder spielen durften, seit der Opa aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

„Bist du jetzt wieder ganz gesund, Opa?“, fragte Célestine.

„Gesund genug, um auf euch aufzupassen, wenn ihr mich nicht allzu sehr ärgert und provoziert“, antwortete der alte Mann. Er würde nie wieder ganz gesund werden, aber Célestine hatte erleben müssen, dass ihre Oma gestorben war, sie musste nicht alles wissen.

„Ich mag es auch nicht, wenn Roman mich provoziert“, sagte das kleine Mädchen. „Weißt du, was das heißt, Roman? Das ist, wenn du mich so ärgerst, dass ich mit dir schreien muss, obwohl ich nicht will. Das stimmt doch, Opa, oder?“

„Ja“, sagte der alte Mann.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Alice und ihrem Blog Make a choice Alice. Die drei Begriffe lauten: Roman, variabel, entlassen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Alice und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

Neuanfang

Veronika stopfte die Badelatschen ihres Mannes in den blauen Müllsack neben der Eingangstür, in dem schon die quietschgelben Schwimmflügel von Marion und der kaputte Ventilator lagen. Sie strich sich eine widerspenstige graue Strähne aus dem Gesicht und stellte dabei erstaunt fest, dass die tiefen Furchen, die von ihren Augen zum Mund hin führten, nass waren wie kleine Rinnsale. Sie merkte schon lange nicht mehr, wenn sie weinte.

Eigentlich war sie froh, die Badelatschen loszuwerden. Schon vor Jahren (oder waren es Jahrzehnte?) hatte sie ihren Mann bei jeder Altkleider-Aufräumaktion gebeten, die Schuhe dazuzulegen. Deren Farbe war verblichen, das Material (billiges Plastik) vor Altersschwäche spröde und rissig geworden. Aber Joachim hatte sich nie von Schuhen trennen können. Eine Schwäche, die Veronika immer gehasst hatte. Und die sie jetzt vermisste, oh, so sehr … noch einmal diesen Streit, bitte, noch einmal, nur noch einmal!

Es war ein dummer Wunsch. Das Leben hatte Joachim endlich von den Schuhen und von so vielem anderen getrennt, das er nicht hatte loslassen wollen. Erst war er vom Läufer zum Rollstuhlfahrer geworden, hatte die Badelatschen nur noch angucken können, voller Wehmut und Selbstquälerei. Dann wurde aus dem aktiven Rollstuhlfahrer ein passiver Rollstuhlnutzer. Vor einem Jahr, vier Monaten und 22 Tagen hatte Veronika seinen letzten Wunsch erfüllt und seine Asche ins Meer streuen lassen. Wie absurde Sommersprossen hatten die schwarzgrauen Körnchen eine Weile auf den gleißenden Wellen getanzt, ehe sie in die Tiefe gesunken waren.

Aus.

Vorbei.

Auch Marion würde an ihren Schwimmflügeln nie wieder Interesse zeigen, an diesen Gummidingern, die keine zehn Minuten mehr die eingepumpte Luft halten konnten. Veronika sah Joachim und das Kind damit im Uferwasser planschen, in den Gischt brechender Wellen springen, hörte Marions Jauchzen und Joachims beruhigend tiefe Stimme, wenn Marion vor Angst brüllte, weil sie eine Qualle gesichtet hatte, freute sich, wenn er sie in seinen starken Armen auffing und mit ihr zum Liegestuhl gerannt kam, dass um sie herum das Wasser nur so spritzte. Zu dem Liegestuhl, in dem Veronika saß und ihren Studienbrief bearbeitete. Zu dem Liegestuhl, den gestern der Sperrmüllwagen abgeholt hatte.

Was Marion wohl im Moment tat und dachte? Zum Glück hatte sie nicht den Typen geheiratet, den Veronika insgeheim immer den „Wassermaler“ nannte, weil er ihr so windig vorkam wie der Schneider, der weiland dem berühmten Kaiser die neuen Kleider verpasst hatte, die niemand sah. Ein Luftikus, der mit immer neuen „Projekten“ ohne Inhalt viel Geld verdienen wollte und es niemals tat. Viel Qualm um nichts. Rauch ohne Flammen.

Irgendwo in Südamerika war Marion stattdessen gelandet, Veronika wusste nicht einmal das Land. Irgendwo in einem Dorf im Urwald, in dem es weder Internet noch Telefon, weder Strom noch eine Poststation gab. Missionarin war sie geworden, der kleine Wildfang, ausgerechnet. Nur ganz selten erhielt Veronika über ihre Zentrale eines dieser Rundschreiben, in dem sie aller Welt (und darunter auch ihrer Mutter) erzählte, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte. Und immer ging es dabei um die Menschen in ihrem Dorf, ihre Krankheiten, ihren Alltag, ihren Glauben. Nie um Marion selbst. Ob sie inzwischen einen Partner hatte? Kinder vielleicht? Oder eine Partnerin? Ob sie noch lebte? Veronika wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass Marion nicht zurückkommen würde, obwohl es niemals einen ernsthaften Streit zwischen Mutter und Tochter gegeben hatte. Sie hatte sich nur eben für diesen seltsamen Lebensweg entschieden, und Veronika hatte sich damit abfinden müssen. Marion und die Tropen. Eine abwegige Vorstellung – und doch Realität. Wie sehr hatte Marion immer unter zu heißen Sommern gelitten! Wenn es in der Schule „hitzefrei“ gab, verkroch sie sich im kühlen Keller, mit einer Tüte voller Butterkekse und einer Karaffe mit Wasser, in die sie die gesamten Eiswürfel aus dem Gefrierschrank warf, und einem Abenteuerroman zweifelhafter Qualität, den die Mutter lieber nicht sehen sollte. Auf Spanisch oder Portugiesisch. Damit die Eltern nicht beurteilen konnten, was sie las.

Veronika betrachtete die blutrünstig aussehenden Titelseiten der zerlesenen Taschenbücher und schichtete sie in den Karton zu dem übrigen Altpapier. Gehäckselte Kontoauszüge, Uralt-Steuererklärungen, Liebesbriefe von Joachims erster Frau aus der Zeit vor seiner ersten Ehe, Mietverträge für Wohnungen, die seit dreißig oder mehr Jahren von anderen bewohnt wurden, Studienunterlagen, Schulhefte, Postkarten aus aller Welt, zerfledderte Notenblätter. So vieles sammelte sich an, wenn der Platz dafür vorhanden war.

Aus.

Vorbei.

In Zukunft würde Veronika keinen Platz mehr für das ganze Zeugs haben. Nur das Nötigste durfte mit. Nie wieder Hitzefrei. Dort, wo sie hinging, gab es kein Meer, keine Terrasse, keinen Balkon, keinen Garten, keinen Sommer. Nur Eis und Schnee. Und zwei hoffentlich gut beheizte Zimmer, eines zum Wohnen, eines zum Arbeiten. Ohne Mobilfunk. Ohne Festnetzanschluss. Nur ein Hubschrauber würde einmal wöchentlich landen, um die Post einer Woche mitzubringen (hoffentlich manchmal auch eine Nachricht von Marion!) und ihre Arbeitsergebnisse der letzten Tage zu ihren Auftraggebern zu befördern.

„Es ist nicht viel anders als bei meiner Tochter“, hörte sich Veronika zum Capo des Entrümpelungsunternehmens sagen, der gerade neben ihr Kaffeepause machte. „Nur kälter. Viel kälter. Und nicht so religiös. Aber sonst …“ Der Capo sog an seiner Zigarette und schwieg. Sollte er doch. Der Qualm würde Veronika nicht mehr lange stören.

Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt, sprühte aus den Pfützen wolkenwärts, tanzte schnürend im Wind. Die Pappeln verneigten sich und winkten mit den Ästen, als wollten sie sich von Veronika verabschieden, während die sich vom Taxi zum Flughafen fahren ließ. Oben auf den Hügeln entlang des Weges hatten die Höhenfeuer Mühe, sich gegen das herabströmende Wasser zu behaupten.

„Das war’s dann hier“, sagte Veronika zu der Taxifahrerin, ehe sie ausstieg und zum Gate ging. Noch einmal machte sie sich auf ins Unbekannte, zu einem großen, letzten Abenteuer. Warum auch nicht? Sterben konnte sie überall gleich gut.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein dritter Versuch dazu.)

Happy End

Sie sagen mir, das wird nicht mehr.
Ich fühl mich ausgebrannt und leer.
Nur die Maschine hinter mir
bewegt jetzt noch das Blut in dir.

Obwohl du jede Regung sparst,
ich lieb den Menschen, der du warst,
und selbst den Rest, der von dir blieb,
hab ich noch immer schrecklich lieb.

Ich spür, du willst nichts als nach Haus.
Sie schalten die Maschine aus.
Ich halt den Ring in meiner Hand,
der uns bis eben noch verband.

Jetzt bist du fort, und ich bin hier,
und alle Tage fehlst du mir.
Nur nachts im Traum kommst du mir nah,
doch morgens bist du nicht mehr da.

Ich lege Rosen auf das Beet,
an dessen Kopf dein Name steht.
Und das, was unsre Ehe trennt,
nennen Geschiedne „Happy End“.