Blog-Archive

Loslassen

„Wenn du Dinge loslassen kannst, hast du zwei Hände frei“, schrieb er auf einen Zettel für sich selbst, und dahinter, in Klammern und mit Fragezeichen, „chinesisches Sprichwort?“. Er schrieb es, um sich das unaufschiebbar gewordene Aufräumen seines ewig überfüllten Schreibtisches zu erleichtern, das jedes Jahr im August anstand und ihn jedes Jahr dieselbe fast unmöglich zu schaffende Überwindung kostete. Eine ganze Woche reservierte er dafür in seinem elektronischen Kalender, es musste sein, und wäre es nur, um die dankbaren Worte seiner Frau zu hören, die, wie er wusste, unter dem Chaos der papierenen Informationsflut in ihrem gemeinsamen Heimbüro fast körperlich litt und sich jedesmal freute wie ein Kind, wenn Schreibtischfläche und Regale (vom Büroboden ganz zu schweigen) pünktlich zum September leer gefegt waren, noch ehe die Parkbäume vor den bodentiefen Bürofenstern herbstfarbenbunt die warmen Tage verabschiedeten und sich anschickten, zu schwarzen Skeletten verwandelt ins Nebelweiß eines zu tief gesunkenen Himmels zu stechen.

Als erste Aktion stellte er wie immer die Laterne auf seinen Flachbettscanner, die er vor einem Vierteljahrhundert beim Väterbasteln im Kindergarten für ihrer beider Tochter entworfen und gefertigt hatte, ein kunstvolles Gebilde aus Transparentpapier und Federn, das eine Ente darstellte und viele Jahre lang bei jedem Laternenumlauf bewundert worden war. Auch in diesem Jahr würde er die Ente nicht wegwerfen, und seine Frau würde es verstehen, denn vielleicht könnte die Enkeltochter (jetzt noch ein Baby) sie irgendwann vor sich hertragen und stolz den anderen Kindern erzählen, dass ihr Opa die gebastelt habe, für ihre Mama damals, vor undenklichen Zeiten, als die Mama ein Kindergartenkind war.

Er prüfte den Zettel mit dem Spruch noch einmal, überlegte, ob er ihn ordentlicher abschreiben sollte, als bessere Motivation, denn bei den ersten Wörtern hatte der Kugelschreiber nicht recht mitgespielt, aber dann verwarf er die Idee und klemmte den Zettel so, wie er war, mit einer grünen Büroklammer an den Rand der Laternen-Ente; grün wie die Hoffnung, fiel ihm dabei ein, und er grinste still in sich hinein. Zufrieden mit sich und seiner heutigen Leistung fuhr er den Rechner hinunter, schob den Pfeil an seinem Papierkalender einen Tag weiter (es war inzwischen nach Mitternacht), löschte das Licht im Heimbüro und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, ehe er sich neben seine Frau, die schon seit über einer Stunde schlief, unter die Bettdecke legen würde. Morgen, das hatte er ihr versprochen, würde er mit dem Aufräumen anfangen.

Aber als am nächsten Tag um sechs Uhr der Radiowecker „Danke für diesen guten Morgen“ anstimmte, fand seine Frau ihn leblos neben der Badewanne, mit einem erstarrten Lächeln im Gesicht, die Zahnbürste mit rot-weißer Zahnpasta garniert in der steif angewinkelten rechten Hand. Der Zettel an der Laterne erleichterte es ihr in den folgenden Monaten, all das wegzuräumen, was sie immer so gestört hatte und was sie jetzt bis an ihr Lebensende vermissen würde, all die unnützen Dinge, die ihr das Gefühl gaben, ihren Mann Stück für Stück zu entsorgen, jeden Tag ein bisschen mehr, und die doch zweifellos entsorgt werden mussten, um die Hände, vielleicht, irgendwann wieder frei zu bekommen.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Laterne“, „herbstfarbenbunt“, „loslassen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)