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Bühne frei

Die Bühne ist leer. Leer wie die Bäume des Freilichttheaters, die sie umgeben. Dürres Laub liegt auf den Stufen, die ehemals Sitzplätze waren, durchnässt und matschig fault es vor sich hin. Ein Geruch nach Moder liegt in der Luft, der Wind peitscht die Regenschnüre wie Nadeln in die Haut. Sturmwolken jagen einander über den Himmel, die Nacht sinkt zu früh auf die Landschaft. Kein Mond wird sie erhellen, keine Sterne funkeln durch die Wolkendecke.

Ein Fuchs streicht einsam zwischen den Büschen hindurch. Zweige biegen sich, ohne zu knacken. Nass sind sie, geschmeidig, unfähig zum kleinsten Geräusch. Eine Eule schreit ihr dumpfes Schuhu in die Dunkelheit. Schwarz liegt die Bühne am Boden des Theaterrunds, kein Lichtschimmer flirrt über die Wasserfläche, die sich darauf kräuselt. Als die Eule mit kaum hörbarem Flügelschlag die Szene verlässt, drängt sich das Rauschen der Autobahn in den entleerten Vordergrund, mischt sich mit dem Strömen des Herbstregens.

Es wird keinen Schnee geben. Die Temperaturen halten sich knapp, aber zuverlässig gerade so weit über dem Nullpunkt, dass die weißen Sterne graue Tropfen bleiben. Nichts wird das Bühnenbild verzaubern, nichts gnädig seine Öde verdecken. Kein Schauspieler kommt aus den Kulissen, keine Sängerin traut sich in die Kälte, niemand schaut dem ausbleibenden Schauspiel zu. Nur eine Schnecke versucht von der untersten Stufe aus nach oben zu gelangen. Und wieder heult die Eule.

Sonst geschieht nichts.

(Dieser Beitrag beruht auf einem Schreibimpuls, den ich dem Online-Workshop „Schreibrausch 2020“ von Dr. Eva-Maria Lerche verdanke, an dem ich sehr gern teilgenommen habe.)