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Der Lauf der Dinge

Nein, ein Papiertiger war Marinescu nie gewesen. Die Informationsschnipsel, die er von seinen informell Mitarbeitenden erhielt (der alte Mann lächelte, als er dieses moderne Wort dachte), mochten ihre Meldungen für belanglos halten. Sie mochten sich einbilden, „niemandem damit geschadet“ zu haben.

„Ein ausländisches Fahrzeug steht im Hof von Frau Schuster. Seit gestern. Das Kennzeichen …“

„Herr Popescu hat einen Brief nach Washington geschrieben. Die Adresse …“

„Cordelia geht jeden Nachmittag zu dieser Klavierlehrerin, von der wir vermuten, …“

„Die Klavierlehrerin hat ein Verhältnis mit einem Italiener. Er heißt …“

Klatsch, jede Mini-Information. Aber Marinescu wusste danach, dass Antonio de Luca sein Fahrzeug, einen Alfa Romeo, Kennzeichen ROMA X17538, im Hof der Klavierlehrerin Schuster parkte, die wöchentlich die kleine Cordelia Popescu mit Czerny-Etüden plagte, und dass Popescu, de Luca und Schuster miteinander von dem Bohnenkaffee tranken, den de Luca aus Rom mitgebracht hatte. Danach war es leicht, Schuster zu überreden, ihm, Marinescu, alles mitzuteilen, was sie in den Klavierstunden von den Kindern erfuhr.

Marinescu würde nie behaupten, diese Informationen hätten niemandem geschadet. Dafür war er zu ehrlich, zu anständig. Die Informationen hatten Menschen ihren Arbeitsplatz gekostet, ihren Beruf, ihre Freiheit, ihre Lebensfreude, ihr Vertrauen in ihre Verwandten und Bekannten. Das war gut so, denn diese Menschen hatten es nicht anders verdient, hatten versucht, sich dem großen Ziel entgegenzustellen.

Marinescu lauschte dem Plätschern des Springbrunnens, während er versuchte, den Kopfschmerzen zu entkommen, die ihn seit Monaten quälten. Hirntumor. Er würde bald sterben. Es war nicht wichtig, denn das große Ziel war ohnehin unerreichbar geworden: Arbeit für alle, Freiheit, Gleichheit, Vertrauen in eine sonnenhelle Zukunft.

Die Schwäne am Weiher zogen unbeirrt weiter ihre Kreise, registrierten es nicht, als der alte Mann auf der Bank sich nicht mehr regte. Ein Lebewesen weniger auf der Welt. Na und? Das war der Lauf der Dinge.

(Noch einmal: Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Donka, die diesmal die Reizwörter – Papiertiger, belanglos, plätschern – gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Raureif

Noch hatte es nicht geschneit.

Neben dem Gewächshaus blühte eine einzelne Rose, weiß mit leichtem Rosaschimmer, zwischen vergilbenden Blättern versteckt. Die Hagebutten um sie herum hatte irgendwer geerntet, vor langer Zeit, als gerade die Astern zu blühen begannen.

Im Gewächshaus selbst, in dem  frühere Eigentümer jodhaltiges Gemüse gezüchtet hatten, Karotten, Broccoli, Spinat, Grünkohl, war es nicht wärmer als draußen, denn das Glas war an mehreren Stellen gebrochen, und in den Beeten wuchsen nur noch Brennnesseln, die niemand erntete und nutzte, und abgeblühte Rosen voller Dornen, unter die sich ängstlich ein Hase duckte.

Auch die Menschen, denen das Gewächshaus gehört hatte, als es ein Wintergarten mit einer farbigen Glaskuppel gewesen war, einer Kuppel, die an trüben Tagen ein trügerisches Blau in den Himmel fälschte, waren fort. Kein verträumtes Kind beobachtete mehr, am Rücken auf der altersgrauen Bank liegend, den Vogelflug und folgte mit den Augen den pfeilförmigen Formationen, die im Frühherbst zwischen den Kondensstreifen der Flugzeuge sonnenwärts zogen, über den Tannenwald hinter dem Gewächshaus, bis sie in den Nebelschwaden verschwanden, die der Wald den Wolken entgegenschickte.

Jetzt war nicht mehr Frühherbst. Die Schwalben und Störche und Graugänse waren weit weg, nur die Kondensstreifen kreuzten sich im klaren Blau des Novemberhimmels. Der Tannenwald am Horizont leuchtete golden im Morgenlicht, zerschnitten vom Band der Autobahn. Wenn der Wind auffrischte, mochte die Tür, die lose in den Angeln hing, hin und her schwingen und den Hasen erschrecken, aber nicht jetzt, nicht, wenn der Morgen den Atem anhielt, um für einen Augenblick ein Bild der Ewigkeit vorzutäuschen. Nichts war vergänglicher als so ein atemloser Augenblick.

Der Raureif, der die verkrümmten Blattreste des einsamen Rosenstocks mit schimmernden Kristallen überzog, war auf der Blüte kaum zu sehen. Sie würde ihn nicht länger überleben, als der Sonnenschein brauchte, um den Reif zu tauen.

Noch hatte es nicht geschneit.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Ulli Gau. Die drei Begriffe lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, Ulli Gau und Christiane, für den Anstoß!) 

Wehrlos

Die Depression war eine Wanderdüne, die das Meer des Lebens Mareike in die Seele gespült hatte, damals, als Joanna anrief, um ihr zu sagen, dass Julius heute nicht heimkommen würde, dass er nie wieder heimkommen würde, weil er heimgegangen war, heim ins Meer, das er so geliebt hatte, manchmal, dachte Mareike, mehr geliebt als sie, seine Ehefrau, vielleicht sogar mehr als Juliane, ihre gemeinsame Tochter, die jetzt irgendwo in Paraguay oder Venezuela wohnte, immer abwechselnd, und die sich nur alle paar Monate über diesen neumodischen elektronischen Kurznachrichtendienst meldete – „alles okay, Mama, hoffe, bei dir auch“ – und Schluss …

Dabei hatte sich Mareike an dem Tag so pudelwohl gefühlt in ihrer Haut, pudelwohl im wahrsten Sinn des Wortes, weil sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, die Pudeldame Fiffi von deren Züchterin abzuholen, um nicht mehr so allein zu sein in den langen Nächten, die Julian auf See verbrachte und Juliane, damals noch ein Teenager, in Diskos durchtanzte oder auf LAN-Partys durchspielte, durchchattete, was wusste Mareike schon von der Welt ihrer Tochter, die so anders war, als es ihre  eigene in deren Alter gewesen war.

Schwer und getränkt von Tränen hatte sich die Traurigkeit im Getriebe ihres Lebens festgesetzt wie feiner, nasser Sand, hatte das Räderwerk ihres Alltags zum Stillstand gebracht, ihre Hoffnungen gelöscht, ihre Träume und Pläne mit einem unhörbaren Hyperknall zum Platzen gebracht, von jetzt auf gleich, einfach so. Irgendwann, viel später, versiegten die Tränen, und Mareike spürte wieder die leichten Brisen, die das Meer übers Land schickte, um den Strandhafer zu streicheln, nur dass sie es versäumt hatte, sich zum Schutz vor der wandernden Düne rechtzeitig Strandhafer vor die Seele zu pflanzen, sie war kein Kind der See, nur eine Landratte, die das Meer wie Treibholz ans Ufer gespült hatte, um sie dort achtlos, aber noch lebendig liegenzulassen.

Nach und nach trockneten die Millionen Sandkörner der Trauer im Getriebe ihrer leer gewordenen Tage, und jeder kleine Wind trieb sie tiefer und tiefer in ihr schutzlos brach liegendes Inneres, aus dem die Tränenströme alles davongetragen hatten, was an Julian (und auch an Juliane) erinnerte. Selbst Fiffi schaffte es bald nicht mehr, gegen die Wellen der Sinnlosigkeit anzubellen, die immer häufiger aus dem Nichts erwuchsen, um in Mareike jeden Lebensmut zu überfluten und zugrunde zu richten.

Jetzt also gab es auch Fiffi nicht mehr, vergiftetes Fleisch hatte ihr jemand gegeben, jemand, der freie Hand brauchte, um Mareikes Erdgeschosswohnung nach Wertsachen zu durchwühlen, vergeblich zu durchwühlen, weil da nichts war, und sie hinterher aus Wut darüber so zu verwüsten, dass sie für Mareike auf Wochen hinaus fast unbewohnbar wurde. Selbst für die Morgentränen zwischen Frühstück und Zähneputzen war Mareike danach zu müde geworden, und mit dem Schreiben der Morgentexte in ihrem Tagebuch hatte sie schon lange aufgehört.

Stumm saß sie da, starrte aufs Meer und spürte dem Brennen in ihrem Körper nach, der so hohl war wie ein Gefäß, dessen Inhalt jemand in den Ausguss gekippt hat, hohl, verschmutzt und von innen her wund, eine einzige entzündete, nicht heilende Verletzung, aber es gelang Mareike nicht mehr, sich zu freuen, dass sie überhaupt noch etwas spürte. Sie wusste, dass die Wanderdüne schon da war, dass sie das Haus ihres Lebens zerquetschen würde, unaufhaltsam, mit grausamer Langsamkeit, und dass sie, Mareike, machtlos darauf warten würde, weil sie nicht mehr wusste, warum sie sich dagegen wehren sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Hyperknall“, „Wanderdüne“, „pudelwohl“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Loslassen

„Wenn du Dinge loslassen kannst, hast du zwei Hände frei“, schrieb er auf einen Zettel für sich selbst, und dahinter, in Klammern und mit Fragezeichen, „chinesisches Sprichwort?“. Er schrieb es, um sich das unaufschiebbar gewordene Aufräumen seines ewig überfüllten Schreibtisches zu erleichtern, das jedes Jahr im August anstand und ihn jedes Jahr dieselbe fast unmöglich zu schaffende Überwindung kostete. Eine ganze Woche reservierte er dafür in seinem elektronischen Kalender, es musste sein, und wäre es nur, um die dankbaren Worte seiner Frau zu hören, die, wie er wusste, unter dem Chaos der papierenen Informationsflut in ihrem gemeinsamen Heimbüro fast körperlich litt und sich jedesmal freute wie ein Kind, wenn Schreibtischfläche und Regale (vom Büroboden ganz zu schweigen) pünktlich zum September leer gefegt waren, noch ehe die Parkbäume vor den bodentiefen Bürofenstern herbstfarbenbunt die warmen Tage verabschiedeten und sich anschickten, zu schwarzen Skeletten verwandelt ins Nebelweiß eines zu tief gesunkenen Himmels zu stechen.

Als erste Aktion stellte er wie immer die Laterne auf seinen Flachbettscanner, die er vor einem Vierteljahrhundert beim Väterbasteln im Kindergarten für ihrer beider Tochter entworfen und gefertigt hatte, ein kunstvolles Gebilde aus Transparentpapier und Federn, das eine Ente darstellte und viele Jahre lang bei jedem Laternenumlauf bewundert worden war. Auch in diesem Jahr würde er die Ente nicht wegwerfen, und seine Frau würde es verstehen, denn vielleicht könnte die Enkeltochter (jetzt noch ein Baby) sie irgendwann vor sich hertragen und stolz den anderen Kindern erzählen, dass ihr Opa die gebastelt habe, für ihre Mama damals, vor undenklichen Zeiten, als die Mama ein Kindergartenkind war.

Er prüfte den Zettel mit dem Spruch noch einmal, überlegte, ob er ihn ordentlicher abschreiben sollte, als bessere Motivation, denn bei den ersten Wörtern hatte der Kugelschreiber nicht recht mitgespielt, aber dann verwarf er die Idee und klemmte den Zettel so, wie er war, mit einer grünen Büroklammer an den Rand der Laternen-Ente; grün wie die Hoffnung, fiel ihm dabei ein, und er grinste still in sich hinein. Zufrieden mit sich und seiner heutigen Leistung fuhr er den Rechner hinunter, schob den Pfeil an seinem Papierkalender einen Tag weiter (es war inzwischen nach Mitternacht), löschte das Licht im Heimbüro und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen, ehe er sich neben seine Frau, die schon seit über einer Stunde schlief, unter die Bettdecke legen würde. Morgen, das hatte er ihr versprochen, würde er mit dem Aufräumen anfangen.

Aber als am nächsten Tag um sechs Uhr der Radiowecker „Danke für diesen guten Morgen“ anstimmte, fand seine Frau ihn leblos neben der Badewanne, mit einem erstarrten Lächeln im Gesicht, die Zahnbürste mit rot-weißer Zahnpasta garniert in der steif angewinkelten rechten Hand. Der Zettel an der Laterne erleichterte es ihr in den folgenden Monaten, all das wegzuräumen, was sie immer so gestört hatte und was sie jetzt bis an ihr Lebensende vermissen würde, all die unnützen Dinge, die ihr das Gefühl gaben, ihren Mann Stück für Stück zu entsorgen, jeden Tag ein bisschen mehr, und die doch zweifellos entsorgt werden mussten, um die Hände, vielleicht, irgendwann wieder frei zu bekommen.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Laterne“, „herbstfarbenbunt“, „loslassen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

Sabotage

„Ich hab mal einen Flugkapitän gekannt“, sagte Franziska und ließ ihr Strickzeug sinken. Eine Masche löste sich von der Nadel, dann noch eine und noch eine, aber sie schien es nicht zu bemerken. Regenschnüre rannen die Fenster des Kaffeehauses hinunter und lösten sich zu Tropfen auf, die einander mal schräg, mal krumm nach unten verfolgten, bis sie irgendwo, meist lange vor dem Ziel, ihre Absicht vergaßen und stehenblieben, ehe sie sich mit anderen Tropfen zusammentaten und sich erst schwerfällig und dann schneller wieder in Bewegung setzten.
„Einen Lug-Agenten?“ Johannes nestelte an seinem Hörgerät und klopfte mit dem Kopf seiner Pfeife so unkoordiniert wie unbeabsichtigt auf den Kaffeehaustisch. „Entschuldige“, murmelte er erklärend dazu, „Parkinson.“ Die Pfeife roch nach kalter Asche. Seit Jahren hatte niemand mehr daraus geraucht.
„Einen Flug-ka-pi-tän“, wiederholte Franziska, so laut es ihre Stimme hergab, und strich sich eine weiße Haarsträhne von der Wange. „Der hat gesagt, Fliegen ist im Prinzip wie Busfahren, nur schneller und höher.“
„Ich fahre gern Bus“, sagte Johannes und versuchte, die Pfeife aufzuheben, die ihm aus den Händen gerutscht war. Es gelang ihm nicht. Franziska nahm einen Schluck von dem koffeinfreien Kaffee, den die Pflegerin ihr eingegossen hatte.
„Was wollte ich denn … ach ja, Georg, so hieß der Flugkapitän. Wir haben uns bei der Diakonie getroffen, im Altkleiderladen. Da war er schon seit Jahren in Pension. Einmal in der Woche hat er dort ausgeholfen, im Laden.“
„Als Flugkapitän?“ Roselies nestelte ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfach ihres Rollstuhls und tupfte sich damit den Speichel aus dem Mundwinkel. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie den Speichelfluss nicht mehr kontrollieren.
„Hörst du nicht zu? Das war er damals schon lange nicht mehr.“ Franziska versuchte vergeblich, ihren Rücken geradezubiegen. „Ich war dort Praktikantin, hatte eben die letzte Klasse abgeschlossen.“
Wer war die fremde Alte im gegenüberliegenden Kaffeehausspiegel? Der Spiegel war halb blind, und das war gut, denn er zeigte Franziska ohnehin nicht die junge Frau mit blondem Haarkranz, klaren Augen und glatter, sommerbrauner Haut, die er hätte zeigen sollen.
„Sabotage ist das“, sagte sie und bemühte sich vergebens, die Maschen ihrer Strickarbeit wieder aufzunehmen.
„Was? Die Laufmaschen?“ Roselies lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und schloss die Augen. „Sabotage“ war Franziskas Lieblingswort.
„Das ganze Leben ist Sabotage. Irgendwer ist immer da, der einer Steine in den Weg legt, Sand ins Getriebe streut oder die Suppe versalzt.“
„Damals im Krieg …“, begann Johannes. „Wir haben dafür sorgen müssen, dass kein Flugzeug den Flughafen verlassen konnte. Ich habe die Motoren ausgebaut, manipuliert und wieder eingebaut, mein Kumpel Jonathan hat Schmiere gestanden und meine Mutter hat uns heimlich Stullen mit selbst gemachter Bratwurst in den Hangar geschleppt …“
„Sag ich ja. Sabotage.“ Franziska schnitt dem blinden Kaffeehausspiegel eine Grimasse, eine pubertäre Gesichtsverrenkung, eingebettet in blassgraue, zerklüftete Haut.
„Pflichterfüllung“, widersprach Johannes. „Es war ein Befehl der Partei!“
„So etwas Ähnliches hat meinen Flugkapitän fast das Leben gekostet“, erzählte Franziska den Blümchen auf ihrer Kaffeetasse.
„Er hat die Maschine in die Luft gebracht und zu spät gemerkt, dass etwas damit nicht in Ordnung war. Nur mit großer Mühe hat er sie wieder landen können. Sie ist wohl verbrannt, aber er konnte sich retten. Danach konnte er nie wieder fliegen.“
„War das hier am Flughafen Wiesental?“, fragte Johannes. „Georg hieß der also? Lebt er noch?“
„Nein“, sagte Franziska.

Strohhalm im Dung

Erst vorgestern, zwei Stunden vor ihrem ersten gemeinsamen Auftritt als Clowns, hatten sie, Maria und ihr Mann Martin, 28 Störche gezählt. Noch niemals hatte Maria so viele auf einem Haufen gesehen. Sie war heim gelaufen, um ihr Smartphone zu holen (zum Kuckuck, gerade heute hatte sie es vergessen), aber als sie wieder an der Brache am Bach ankam, waren die Vögel fort.

Stattdessen fiel ihr dieses Etwas auf, das sie für ein Vogelnest hielt, vielleicht von einer Ackerhummel, das müsste sie im Internet nachschlagen. Sie fotografierte das Nest und prüfte das Foto, und es WAR das Nest einer Ackerhummel.

Heute stand Maria wieder vor dem Nest, und es war immer noch da, und es war immer noch das Nest einer Ackerhummel, und der Augusthimmel war immer noch blau, und der Bach stank immer noch nach Abwasser, und der Sommer surrte durch die Hochspannungsleitung, als könne er nie vergehen.

Aber Maria wusste, dass er vergehen würde, alles verging, das hatte sie heute Mittag auf der Intensivstation gelernt, als sie den Ärzten erlaubte, die Herz-Lungen-Maschine auszuschalten, weil sie Martins Körper nicht  mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen konnte.

Maria griff mit beiden Händen nach vorn, griff nach dem Strohhalm im Dung, auf dem ein Distelfalter wippte, als wollte sie den Falter mitnehmen in ihre leer gewordene Wohnung. Der Distelfalter schwebte davon, irgendwohin ins Licht, über den Bach, über die Brache, und Maria sah ihm nach, bis sie den Punkt aus den Augen verlor.

Es war sinnlos, alles, es würde sinnlos bleiben und war immer schon sinnlos gewesen.

(Für die Anregung zu dieser Etüde danke ich (unbekannterweise) „Karin“, https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/25/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-26-17-wortspende-von-karin.

Sie hat die Reizwörter „Vogelnest, sinnlos und Auftritt“ in die Runde geworfen.

Bittersüß

Weißt du noch, die Margeriten am Bunker?
Der Mohn?
Der lila Klee und das Zittergras, die Glockenblumen und Königskerzen?
Wir lagen auf unserer Picknickdecke mitten in den Sommerblüten, zerknitterten sie, zerquetschten ihre Schönheit, atmeten ihren bittersüßen Duft.
Über uns der gläserne Himmel, dunkelblau, mit einem gleißenden Lichtfleck schräg oben.
Wattewolken, nur zwei oder drei, auf Wanderschaft vom Wald zum Dorf, bauschig, gemächlich treibend im Wind.
Unter uns Verfall, Schimmelpilze, baumdurchwachsene Schutzräume, unsprengbare Erinnerung an Bomben und Krieg.
In meinem Einkaufsnetz ein Schwarzbrot, ein Stück Speck und ein Bund Lauchzwiebeln.
In der Tasche deiner Jeans dein Westpass.
Und – datiert auf den folgenden Tag – die Rückflugkarte in deine heimische Freiheit.

Traumlos

Immer war da irgendwas,

das mich daran hinderte, meine Träume zu leben.

Immer war da irgendwas,

das wichtiger war als ich.

Immer war da irgendwas,

das sich in den Vordergrund schob, wenn ich ich sein wollte.

Immer war da irgendwas,

hinter dem ich mich vor mir verstecken konnte.

Und jetzt ist da nichts mehr als Angst.

 

 

Aufbruch

Sie ging noch einmal durch alle Räume des großflächigen, ebenerdigen Hauses.

Sie ging weder langsam noch hastig.

Wie oft hatte sie diesen Weg schon zurückgelegt, früher, als noch Möbel in allen Ecken standen?

Sie wusste es nicht, und sie fragte sich nicht danach.

Sie ging zu den gardinenlos gewordenen Fenstern und sah hinaus. Wie schütter die alten Apfelbäume belaubt waren! Jetzt, im August! Und die Äpfel waren winzig. Früher waren sie größer gewesen. Oder schien ihr das nur so, weil sie selbst früher kleiner war?

In Deutschland gab es riesengroße Äpfel, so groß wie Männerfäuste. Ihre Kusine hatte ihr vor zwei Wochen erst einen geschenkt, einen solchen Apfel, rotbackig, knackig-frisch, herrlich saftig. In Deutschland gab es auch im Winter Äpfel, hatte ihre Mutter erzählt, die vor zwei Jahren auf einer Besuchsreise in Deutschland gewesen war. Nicht so kleine verschrumpelte Äpfel aus Kellerregalen, sondern richtig frisches Obst, das man im Laden kaufen konnte.

Seltsam war das. Sie konnte es sich nicht so recht vorstellen.

Sie schloss im Schlafzimmer der Großeltern das mit mattgelb gestrichenem Holz gerahmte Flügelfenster und sah durch die leicht verschmutzten Scheiben hinaus. Über die kahlen Hügeln malte die Augustsonne, noch hinter dem Horizont, eine heller werdende Umrisslinie.

Am Bach entlang duckten sich grellblaue, baufällige Hütten ins Tal. Irgendwo, auf einem Misthaufen, krähte ein Hahn. Andere Hähne und ein paar Hunde antworteten ihm, sonst war es still. Keine Motorsägen, keine Traktoren,keine  Lastwagen, keine Lautsprecher.

Sie genoss die Stille.

Im Weinlaub versteckt, das sich an einem Geländer entlang der Hauswand bis zum Dach hinaufzog, schilpte ein Sperling. Im Nussbaum drüben turtelte eine Lachtaube.

Welche Filmmusik würde wohl zu dieser Szene passen?  Es wäre eine sentimentale Szene. Eine melancholische Melodie könnte einsetzen, während die Hauptdarstellerin mit unbewegtem Gesicht die Rollläden schloss.

Sie konnte ihr Gesicht nicht sehen, während sie langsam die Hand zu den Gurten ausstreckte, um die Jalousien mit leisem Rattern zwischen das leere Zimmer und die überalterten Apfelbäume gleiten zu lassen. Es gab keinen Spiegel mehr in diesem Zimmer.

Die Apfelbäume hätten zwölf Jahre tragen sollen, das wusste sie von ihrem Großvater, der sie vor 45 Jahren gepflanzt hatte. Ihre Mutter und ihr Onkel waren darin herumgeklettert, sie selbst, ihre Schwester, ihr Bruder, ihre Cousins und Cousinen. Der neue Eigentümer würde sie abholzen. Das war vernünftig.

Sie ging am Telefon vorbei, das nackt am kahlen Boden stand.

War sie erleichtert? Belustigt? Traurig? Enttäuscht? Besorgt? Gespannt?

Sie war nichts davon.

Der schwarze Apparat, der immer noch an die Rufnummer Unu-schepte-tschintsch angeschlossen war, 1-7-5, klingelte nicht. Es war ein Telefon für manuelle Vermittlung, ohne Wählscheibe, und immer wieder kam es vor, dass eine Stimme ein Gespräch unterbrach mit der Frage „Sprechen Sie noch?“.

Privatgespräche, wusste sie, führte man besser nicht per Telefon.

In ihrem Mädchenzimmer, vor ihrem matratzenlosen Bettgestell, blieb sie länger stehen. Es war ein gutes Bett. Sie war dem Käufer fast böse, dass er es noch nicht abgeholt hatte. Nur um ihr Pianino tat es ihr noch mehr leid. Das Pianino war schon lange fort, gleich am zweiten Tag der Haushaltsauflösung war der Ehemann der Käuferin mit einem geliehenen Pferdefuhrwerk vorgefahren, um es abzutransportieren. Ein heller Fleck an der gekalkten Wand bezeichnete die Stelle, an der das Instrument zuletzt gestanden hatte.

Sie öffnete die Tür zur Speisekammer, über die man durch eine Luke in der Decke das Dachgeschoss erreichen konnte. Halbvolle Marmeladengläser, die niemand hatte kaufen wollen, standen verlassen in den leeren Lattenregalen. Auf dem Holzgestell, das ihr Vater eigens für den winzigen Kühlschrank gezimmert hatte, lag Staub.

Als sie zum Fenster ging, um es zu schließen, sah sie von draußen ihre Mutter winken: Komm doch, komm doch endlich, was machst du denn so lange.

Im Geländewagen, der früher der Dienstwagen ihres Vaters gewesen war, wartete schon der Kraftfahrer, der ihn jahrzehntelang zu den kranken Kühen und Pferden auf den abgelegensten Dörfern gefahren hatte. Die Koffer des Handgepäcks waren zwischen den seitlich verlaufenden Sitzbänken aufgetürmt und festgezurrt.

Sie öffnete die schwere neue Eichentür des alten Hauses und schloss sie wieder hinter sich. Fröstelnd schloss sie die Knöpfe ihres Sommermantels. Sie hatte zu wenig geschlafen, und der Augustmorgen wärmte sich erst langsam.

Sie hatte Angst. Angst, dass sie die Fahrt in dem alten Geländewagen nicht vertragen würde. Schon einmal, erinnerte sie sich, war sie darin unterwegs gewesen, über holprige Erdwege, und sie hatte sich in ein Maisfeld übergeben müssen. Aber vielleicht wäre es anders, wenn das Fahrzeug die Hauptstraßen entlang in die Kreisstadt fuhr.

Was hast du so lange gemacht? fragte ihre Mutter.

Ich habe die Rollläden heruntergelassen, antwortete sie. Damit das Haus richtig verlassen aussieht, wenn wir weg sind.

 

Zinnsoldaten

Hans hatte nie Soldat werden wollen. Aber eines Tages, Anno 1910, wurde ihm der bunte Rock einfach übergestreift, und niemand fragte danach, ob er das wollte, und er wurde in einen blaugrünen Pappkarton gestopft, der neben einem orangegelben Pappkarton in einer schwarz und rot bedruckten Spanschachtel lag.

„Das ist eure Kaserne“, sagte eine männliche Stimme lachend. Die neue Kleidung war schön warm, und draußen stürmte der Dezember.

„Stillgestanden! Im Laufschritt marsch! Präsentiert das Gewehr!“ Die männliche Stimme klang laut, aber nicht gefährlich, denn im Hintergrund schwang immer noch das Lachen mit.

„Was für unsinnige Befehle!“, sagte Hans zu Klaus, einem Soldaten aus der orangegelben Pappkaserne, und die beiden setzten sich vor ihre Kartonhäuser in der Spanschachtel und spielten Schach mit Figürchen, die noch winziger waren als sie selbst.

Hans trug einen roten Rock, und Klaus trug einen grünen. Die Grünröcke waren die Feinde der Rotröcke, sagte die männliche Stimme, die man von der geschlossenen Spanschachtel aus nicht sehen konnte.

Als die beiden Schachfreunde – genau wie die übrigen Grünen und Roten – gelernt hatten, wie man richtig stillsteht (das war das Wichtigste für Zinnsoldaten), wurde ein Zellophanpapier um die Spanschachtel gewickelt, und ein Pferdefuhrwerk brachte sie mit vielen anderen Schachteln in ein Spielwarengeschäft. Dort durften sie ein paar Tage lang ausruhen und so viel Schach spielen, wie sie wollten.

Aber der Urlaub war bald vorbei.

„Ich hätte gern eine Schachtel Zinnsoldaten für meinen Buben“, sagte eine weibliche Stimme. Sie gehörte der Mutter von Thomas, die auch die Tochter von Thomas war. Den großen Thomas hatte sie nie gekannt. Er war sieben Monate vor ihrer Geburt in Frankreich gefallen. „Die Soldaten sehen ein bisschen aus wie mein Vater auf dem alten Bild, das bei meiner Mutter im Schlafzimmer hängt“, fand sie. „Deshalb soll mein Bub sie zu Weihnachten bekommen.“ Sie packte die Schachtel in ihr Einkaufsnetz und legte sie zu Hause unter den Tannenbaum.

„Oh! Wie das strahlt!“, rief der kleine Thomas am Abend, als auch seine großen Brüder zu Besuch da waren. „So viele Geschenke! Und da! die schwarzrote Schachtel – oh! Zinnsoldaten!“

„Die hast du dir doch so gewünscht“, sagte die Mutter und lächelte. „Sehen sie nicht aus wie der Opa?“

Thomas antwortete nicht. Mit großen, gespannten Kinderaugen betrachtete er die Spanschachtel, öffnete sie, nahm die Figürchen heraus.

„Oh! Wie schön!“, sagte er.

Für Hans und Klaus waren seine Augen die eines gefährlichen, riesengroßen, unberechenbaren Ungeheuers. Denn gleich am Weihnachtsabend begann Thomas aufgeregt mit den beiden feindlichen Armeen Krieg zu spielen. Er ließ den rotberockten Hans gnadenlos auf seine grünberockten Schachfreunde losgehen, kommandierte „lauflauf!“ und „schieß-doch-endlich!“, und wenn einer nicht schießen wollte, warf er den Feigling einfach um.

Hans nahm das Zinngewehr fest in die Hand und zielte sorgfältig auf Klaus. Aber er drückte nicht ab. Die Welt drehte sich plötzlich vor seinen Augen, ihm wurde übel, und er ließ sich ins Bodenlose fallen, das unter dem Küchentisch lag.

„Tot! Tot!“, hörte er das Ungeheuer jubeln, das der kleine Thomas für ihn war.

Den Ruf hörte er noch oft, denn Thomas wurde es nicht müde, mit seinen zinnernen Armeen blutige Schlachten zu schlagen. Die Grünberockten und die Rotberockten, auch Klaus und Hans, bekamen Flecke und Risse davon, Schrammen und Wunden, aber Thomas schien das sogar zu freuen. Er spielte jahrelang mit seinen Zinnsoldaten. 1911. 1912. 1913. Erst als seine Stimme tiefer wurde, ließ er die Figürchen eine Weile in ihrer Schachtel.

Hans und Klaus genossen die Zeit, spielten Schach und vermissten Thomas nicht. Erst 1916 nahm der sie wieder in die Hand. Die Zinnsoldaten zitterten und fürchteten sein Spiel, aber er holte nur einen nach dem anderen aus der Schachtel, strich mit dem Finger über die rissig gewordenen Uniformen, legte sie wieder zurück und schwieg. Dann räumte er die Schachtel wieder ins Küchenregal neben das alte Brot, zog seinen Uniformrock gerade, richtete sich steif auf und ging fort aus der Küche seiner Mutter.

„Komm bald wieder, Junge!“, rief sie ihm nach. „Pass auf dich auf!“

„Bis bald!“ rief er. „Der Krieg wird bald gewonnen sein!“

Aber er irrte. Die Mutter sah Thomas niemals wieder. Dass auch der Krieg verloren ging, schien ihr dabei fast unwichtig.

Das Leben in der Spanschachtel war ohne die Schlachten und Feldzüge gut zu ertragen. Hans und Klaus ließen die Figürchen auf ihrem Schachbrett gegeneinander antreten. Schwarz gegen Weiß. Sie schlugen einander die Bauern vom Feld, bedrohten ihren  jeweiligen König, schoben die Damen hin und her, verrückten die Burgen und ließen die Rösser springen. Manchmal gewann Hans, manchmal Klaus. Lustig war es immer.

Im Winter 1932 entdeckte Thomas‘ Schwester, die nach dem Tod der Mutter die Wohnung aufräumte, die verstaubte Spanschachtel mit den alten Zinnsoldaten. Sie öffnete den leicht beschädigten rotschwarzen Deckel und betrachtete die Figürchen gerührt.

„Wenn man sie ein wenig aufpoliert“, sagte sie zu ihrem Mann, “ dann wären die doch ein wunderhübsches Geschenk für Heiner!“

„Ja“, stimmte der zu. „In dieser schweren Zeit wird es wohl auch das einzige Weihnachtsgeschenk bleiben, das er bekommt.“

So zogen sie den kleinen Soldaten neue Uniformen an, rote und grüne, reparierten die Schachtel, packten sie in braunes Packpapier und legten sie unter den Christbaum.

Was an Heiligabend passierte, war für Hans und seine Freunde keine so große Überraschung wie für den kleinen Heiner: Dessen große, strahlende Kinderaugen glitzerten genauso gefährlich wie damals die von Thomas. Sofort brachte er die Roten gegen die Grünen in Stellung.

„Lauflauf!“ brüllte er. „Schieß doch endlich, Feigling!“

Er brüllte es 1933, 1934, 1935, 1936 … Dann wurde es wieder still. Lange.

Erst 1950 öffnete Heiner die Schachtel wieder, mit den zwei Fingern seiner linken Hand. Er zeigte die Figürchen den Kindern, die jetzt in seinem alten Zimmer wohnten. Andreas und Hannelore, Annemarie und Peter, Josefine und Michael, Franziska und Heinz-Otto staunten: „Zinnsoldaten!“, rief Andreas. „Dürfen wir damit spielen?“, fragte Josefine. Sie durften.

Als Heiner starb – er lebte nicht mehr lange – behielt Josefine die Figuren. Zu Weihnachten 1975 schenkte sie die alte Spanschachtel ihrer kleinen Monique.  „Da steckt Geschichte drin, mein Mädchen“, sagte ihr Mann Henri zu seiner Tochter.

Geschichte? Die Zinnsoldaten Hans und Klaus rechneten ihr Alter nach. 65 Jahre. War das Geschichte?

Monique spielte nie mit den Zinnsoldaten. Sie stellte sie nur in ihr Mädchenzimmer in ein Regal neben Väschen und Döschen und staubte sie manchmal ab, wenn ihre Oma zu Besuch kam, weil Oma immer schimpfte, wenn der Staub nicht gewischt war. Als sie das Zimmer 2005 für ihre Zwillinge herrichtete, verschwanden die Figuren in ihrer Spanschachtel, und die Spanschachtel fand einen Platz am Kellerboden.

Dort entdeckten sie die Zwillinge im Dezember 2014.

„Wahnsinn“, sagte Natalie zu ihrem Bruder Marcel. „Zinnsoldaten!“

„Wie toll“, sagte Marcel, „die kann man nämlich gerade eintauschen – da läuft eine Tauschaktion ‚Kriegsspielzeug gegen Friedensspielzeug‘, vielleicht kriegen wir auf die Art einen Elektrobaukasten.“

„Au ja“, Natalie freute sich, „dann kann ich endlich Strom verlegen in meinem Puppenhaus!“

Sie packten die Spanschachtel mit den Zinnsoldaten, gaben sie am Tauschplatz ab und zogen wenig später tatsächlich mit ihrem neuen Elektrobaukasten davon. Hans und Klaus aber fanden sich wieder zwischen vielen anderen Zinnsoldaten, umgeben von Panzerchen, Krachpistolen, Kampfflugzeuglein und Datenträgern mit Ballerspielen.

„Was passiert mit uns?“, fragten sich die Zinnsoldaten und vergaßen ganz, miteinander Schach zu spielen.

„Was passiert mit uns?“, fragte auch Hans seinen Freund Klaus, auf den er noch nie hatte schießen können. Aber Klaus wusste es auch nicht.

Sie begriffen es erst, als die riesige Walze langsam, schwer und drohend auf sie zurollte.

„Das können sie doch nicht tun!“ sagte Klaus. „Wir sind doch Geschichte!“

Dann fuhr die Walze krachend über ihre kleinen Körper und drückte ihre Köpfchen flach auf den gepflasterten Rathausplatz.

Ein Mädchen in rosa Jogginghosen, einer zu großen grünbraunen Windjacke und schlammbespritzten gelben Gummistiefeln stand am Straßenrand und sah mit großen Augen zu.

„Aber die Püppchen“, sagte es leise zu einer alten Frau, die neben ihm stand. „Aber Oma – die Püppchen! Oh, Oma – sie machen die Püppchen ja tot!“

„Das sind Zinnsoldaten“, sagte die Frau. „Und du weißt doch, was mit Soldaten passiert, wenn sie verlieren.“

„Nicht nur bei uns daheim?“, fragte das kleine Mädchen.

„Nein“, sagte die Oma. „Überall. Überall auf der ganzen Welt.“