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Oktoberdämmern

Hast du,

die du den Morgen liebst,

die Abenddämmersehnsucht nie gekannt?

Bist du,

die du den Frühling preist,

auf regennassen, blätterbunten Straßen nie gegangen,

wenn kahler Bäume kalte Silbertropfen

in Ringen singend Pfützen schwellen ließen

und schwarze filigrane tote Zweige

den weißen Himmelhintergrund zerstachen

als scharfes Drahtgeflecht vor grauem Tag?

Hast du,

von ersten Buchseiten zu fasziniert,

den Dank der letzten wirklich nie begriffen?

Warst du,

gefesselt starr vom Blick der ersten Liebe,

denn nicht imstand, die letzte zu erfassen,

die große, herb gereifte, viel zu späte,

die erst im letzten Augenblick sich füllt?

Hast du

vielleicht

Septembersommerwärme

mit frühem Junisonnenschein verwechselt

und bist verreist, eh der Oktober kam,

eh deiner Mutter alte Küchenwaage

als wertvolles antikes Schmuckstück galt?

Ach, sieh doch hin,

wir haben jetzt Oktober, Ende Oktober,

und der gelbliche Abend verbrennt die treibenden Wolken zu aschenem Staub.

Ach so –

hast du gedacht, die Welt sei rund?