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Aprilgewitter

In dem braunen Kleid mit den weiten Ärmeln sah Serena einer Fledermaus zum Verwechseln ähnlich, fand Stefan. Ohnehin war sie ein Wesen der Nacht, aber kein Glitzerwesen, eher eines, das sich in dunklen Torbögen unsichtbar machte. Und das war auch besser so, für alle Beteiligten.

Denn Serena war nach Stefans Meinung alles andere als eine Schönheit, und wenn sie den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, wurde der Eindruck nicht besser, sondern viel, viel schlechter. Es war, als könne sie keine drei sinnvoll zusammenhängenden Wörter von sich geben.

Wie schwül es heute war! Und das im April! Bestimmt würde es nachher noch ein Gewitter geben.

„Aber ich werde den Teufel tun, das Serena zu verraten“, sagte Stefan zu seinem Freund Martin mit einem schrägen Blick auf die unscheinbare Frau vor ihnen, die bitte unscheinbar bleiben sollte.

Gewitter jedoch machten aus der stillen Serena ein Aschenbrödel in goldenen Schuhen, das im Regen tanzte und gegen den Donner ansang mit der beeindruckenden Stimmkraft einer Opernsängerin – die sie auch war.

(Für die Textwoche 28.18 hat Natalie aus dem Fundevogelnest die drei Wörter Fledermaus, schwül und verraten gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

 

Fremdes Jetzt

Als Harald den Garten wiedersah, nach über 60 Jahren, war es kein Garten mehr, und statt Beeten voller Bartnelken und Pfingstrosen, Gartenmargeriten und Sonnenhut, Schneeball-Hortensien und Phlox gab es nur noch eine spärlich begraste Wiese mit einzelnen Pimpinellen, weißem Klee, Löwenzahn, Spitzwegerich, Huflattich und Gänseblümchen. Auch der Himmel war nicht so tiefblau, wie er ihn die ganzen Jahrzehnte über in seiner Erinnerung gespeichert hatte, kein Grillenzirpen stand in der windstillen Sommerluft, keine Sperlinge zankten sich unter der rissigen Holzbank, deren grüne Farbe irgendwann mit rot übermalt worden, jetzt aber nur noch als abblätternde Kleckse auf grauem Naturgrund erkennbar war. Der Augusttag war im Gegenteil so kalt und stürmisch, so wolkengrau und nass, wie Harald nie gedacht hatte, dass ein Sommernachmittag in dem Dorf sein könnte, das er vor so langer Zeit verlassen hatte.

Der gebeugt dastehende, magere Mann mit dem zerfurchten Gesicht zog die Kapuze seiner Windjacke etwas fester zu, versuchte den Knirps-Regenschirm so in den Sturm zu halten, dass er nicht durch dessen Kraft umgedreht wurde, schaffte es nicht, schloss das nutzlose Ding und stopfte es in seine Jackentasche. Er hörte den Regen aus der halb herabhängenden Dachrinne auf die bröckelnde Zementtreppe glucksen, sah dem Rinnsal zu, dass sich zwischen den Grasbüscheln durchschlängelte, von denen die Treppe durchsetzt war, zog die Schultern fröstelnd zusammen und bemerkte mit einem Anflug von Melancholie ein einsames Moosröschen dazwischen, eines von der Sorte, die seine Großmutter so geliebt und in ihrem Steingarten gehegt und gepflegt hatte.

Das Haus seiner Kindheit, das die Eltern damals an irgendeinen reichen Unbekannten verkauft hatten, der sein Geld mit Gott-weiß-was-für Geschäften auf kaum legale Art erworben hatte, lag leer und verfallen hinter dem zusammengebrochenen Gartenzaun, der die verwilderte Wiese noch teilweise umgab und so das Grundstück markierte, das derzeit keinem Menschen zu gehören schien.

Die alte Birke stand nicht mehr an ihrem Platz, auch der Nussbaum war verschwunden, nur einige der Apfelbäume kämpften gegen die Witterung, die meisten grau, vertrocknet und unbelaubt. Ein Fliederbusch war noch da, ein einzelner, übrig geblieben aus der dichten Fliederhecke von einst, und seine Äste peitschten nass gegen die Mauerreste, die das Grundstück von der Brache trennten, auf der damals das Haus der Nachbarin gestanden hatte, in die er als Junge – er lächelte, ohne es zu merken – heimlich verliebt gewesen war.

Harald strich sich das Wasser aus dem Gesicht, stützte sich schwer auf seinen Gehstock und mühte sich durch den Matsch zurück zur gepflasterten Straße, auf der er sein luxuriöses Wohnmobil abgestellt hatte,  mit dem er seit Hermines Tod allein durch die Weiten Europas fuhr, weil er nicht irgendwo daheim im Bett nicht mehr aufwachen wollte, wo es noch unwahrscheinlicher war, dass ihn jemand fand, als auf irgendeinem Parkplatz an der Straße eines einsamen Weilers. Er wusste nicht, ob es damals richtig gewesen war, den Ort zu verlassen, an dem er groß geworden war, aber er wusste, dass er nie wieder zurückkommen konnte (oder wollte), dass es niemals ein Zurück gab, weil nichts so blieb, wie es gewesen war, und weil das, woran er sich erinnerte, dieser Mix aus Zeit und Ort und Menschen, nur in seinem Kopf existierte, schöner und klarer und blauer und wärmer und lebendiger und jünger, und dort, in seinen Gedanken, genauso bleiben würde, wie es war, solange er lebte.

(Mit einem Dankeschön für ihre Schreibeinladung an Christiane und für die aktuelle Wortspende an Petra Schuseil. Die drei Wörter, die zu zehn Sätzen zu verbinden waren, lauteten diesmal „Pimpinelle, stürmisch und glucksen“.)

Der erste Brief

„Gänse sind das, Gänse, mein Mädchen. G-ä-n-s-e. Gigaga machen die.“

„Giga.“

„Ja. Gi-ga-ga. Magst du es der Oma schreiben, dass wir die gesehen haben?“

„Sseiben.“

„Der Oma?“

„Oma. Oma sseiben!“

„Fein. Was schreiben wir noch?“

„Liebe Oma?“

„Genau. Liebe Oma – magst du es auch dem Opa schreiben?“

„Opa.“

„Gut. Liebe Oma, lieber Opa …“

„Wir haben Giga-giga-giga?“

„… Gänse gesehen, in der Pfütze vor unserem Küchenfenster …“

„Nein!“

„Nein? Was nein? Warum denn nicht? Da sind doch die Gänse, und es regnet, und sie baden in der Pfütze?“

„Nein. Will nicht!“

„Aber was willst du dann?“

„Liebe Oma …“

„… und lieber Opa?“

„… Opa …“

„Und dann?“

„Wir haben …“

„Wir haben?“

„Giga-giga-giga! Fättich aus! Von Mama und Maus.“

„Von Erika und Mama?“

„Sstimmt. Fättich aus. Ssumachen. Ssumachen und wegdamit!“

(Diese Geschichte entstand als Reizwortgeschichte während eines Schreibworkshops bei der Lektorin und Schreibtrainerin Maike Frie in Münster. Es gab mehrere Reizwörter, gewonnen aus einem Schreibspiel ähnlich dem Spiel „Stadt-Land-Fluss“. Die Wörter durften, mussten aber nicht alle verwendet werden. Ich wählte in diesem Fall das Wort „Gänse“.) 

Neuanfang

Veronika stopfte die Badelatschen ihres Mannes in den blauen Müllsack neben der Eingangstür, in dem schon die quietschgelben Schwimmflügel von Marion und der kaputte Ventilator lagen. Sie strich sich eine widerspenstige graue Strähne aus dem Gesicht und stellte dabei erstaunt fest, dass die tiefen Furchen, die von ihren Augen zum Mund hin führten, nass waren wie kleine Rinnsale. Sie merkte schon lange nicht mehr, wenn sie weinte.

Eigentlich war sie froh, die Badelatschen loszuwerden. Schon vor Jahren (oder waren es Jahrzehnte?) hatte sie ihren Mann bei jeder Altkleider-Aufräumaktion gebeten, die Schuhe dazuzulegen. Deren Farbe war verblichen, das Material (billiges Plastik) vor Altersschwäche spröde und rissig geworden. Aber Joachim hatte sich nie von Schuhen trennen können. Eine Schwäche, die Veronika immer gehasst hatte. Und die sie jetzt vermisste, oh, so sehr … noch einmal diesen Streit, bitte, noch einmal, nur noch einmal!

Es war ein dummer Wunsch. Das Leben hatte Joachim endlich von den Schuhen und von so vielem anderen getrennt, das er nicht hatte loslassen wollen. Erst war er vom Läufer zum Rollstuhlfahrer geworden, hatte die Badelatschen nur noch angucken können, voller Wehmut und Selbstquälerei. Dann wurde aus dem aktiven Rollstuhlfahrer ein passiver Rollstuhlnutzer. Vor einem Jahr, vier Monaten und 22 Tagen hatte Veronika seinen letzten Wunsch erfüllt und seine Asche ins Meer streuen lassen. Wie absurde Sommersprossen hatten die schwarzgrauen Körnchen eine Weile auf den gleißenden Wellen getanzt, ehe sie in die Tiefe gesunken waren.

Aus.

Vorbei.

Auch Marion würde an ihren Schwimmflügeln nie wieder Interesse zeigen, an diesen Gummidingern, die keine zehn Minuten mehr die eingepumpte Luft halten konnten. Veronika sah Joachim und das Kind damit im Uferwasser planschen, in den Gischt brechender Wellen springen, hörte Marions Jauchzen und Joachims beruhigend tiefe Stimme, wenn Marion vor Angst brüllte, weil sie eine Qualle gesichtet hatte, freute sich, wenn er sie in seinen starken Armen auffing und mit ihr zum Liegestuhl gerannt kam, dass um sie herum das Wasser nur so spritzte. Zu dem Liegestuhl, in dem Veronika saß und ihren Studienbrief bearbeitete. Zu dem Liegestuhl, den gestern der Sperrmüllwagen abgeholt hatte.

Was Marion wohl im Moment tat und dachte? Zum Glück hatte sie nicht den Typen geheiratet, den Veronika insgeheim immer den „Wassermaler“ nannte, weil er ihr so windig vorkam wie der Schneider, der weiland dem berühmten Kaiser die neuen Kleider verpasst hatte, die niemand sah. Ein Luftikus, der mit immer neuen „Projekten“ ohne Inhalt viel Geld verdienen wollte und es niemals tat. Viel Qualm um nichts. Rauch ohne Flammen.

Irgendwo in Südamerika war Marion stattdessen gelandet, Veronika wusste nicht einmal das Land. Irgendwo in einem Dorf im Urwald, in dem es weder Internet noch Telefon, weder Strom noch eine Poststation gab. Missionarin war sie geworden, der kleine Wildfang, ausgerechnet. Nur ganz selten erhielt Veronika über ihre Zentrale eines dieser Rundschreiben, in dem sie aller Welt (und darunter auch ihrer Mutter) erzählte, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte. Und immer ging es dabei um die Menschen in ihrem Dorf, ihre Krankheiten, ihren Alltag, ihren Glauben. Nie um Marion selbst. Ob sie inzwischen einen Partner hatte? Kinder vielleicht? Oder eine Partnerin? Ob sie noch lebte? Veronika wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass Marion nicht zurückkommen würde, obwohl es niemals einen ernsthaften Streit zwischen Mutter und Tochter gegeben hatte. Sie hatte sich nur eben für diesen seltsamen Lebensweg entschieden, und Veronika hatte sich damit abfinden müssen. Marion und die Tropen. Eine abwegige Vorstellung – und doch Realität. Wie sehr hatte Marion immer unter zu heißen Sommern gelitten! Wenn es in der Schule „hitzefrei“ gab, verkroch sie sich im kühlen Keller, mit einer Tüte voller Butterkekse und einer Karaffe mit Wasser, in die sie die gesamten Eiswürfel aus dem Gefrierschrank warf, und einem Abenteuerroman zweifelhafter Qualität, den die Mutter lieber nicht sehen sollte. Auf Spanisch oder Portugiesisch. Damit die Eltern nicht beurteilen konnten, was sie las.

Veronika betrachtete die blutrünstig aussehenden Titelseiten der zerlesenen Taschenbücher und schichtete sie in den Karton zu dem übrigen Altpapier. Gehäckselte Kontoauszüge, Uralt-Steuererklärungen, Liebesbriefe von Joachims erster Frau aus der Zeit vor seiner ersten Ehe, Mietverträge für Wohnungen, die seit dreißig oder mehr Jahren von anderen bewohnt wurden, Studienunterlagen, Schulhefte, Postkarten aus aller Welt, zerfledderte Notenblätter. So vieles sammelte sich an, wenn der Platz dafür vorhanden war.

Aus.

Vorbei.

In Zukunft würde Veronika keinen Platz mehr für das ganze Zeugs haben. Nur das Nötigste durfte mit. Nie wieder Hitzefrei. Dort, wo sie hinging, gab es kein Meer, keine Terrasse, keinen Balkon, keinen Garten, keinen Sommer. Nur Eis und Schnee. Und zwei hoffentlich gut beheizte Zimmer, eines zum Wohnen, eines zum Arbeiten. Ohne Mobilfunk. Ohne Festnetzanschluss. Nur ein Hubschrauber würde einmal wöchentlich landen, um die Post einer Woche mitzubringen (hoffentlich manchmal auch eine Nachricht von Marion!) und ihre Arbeitsergebnisse der letzten Tage zu ihren Auftraggebern zu befördern.

„Es ist nicht viel anders als bei meiner Tochter“, hörte sich Veronika zum Capo des Entrümpelungsunternehmens sagen, der gerade neben ihr Kaffeepause machte. „Nur kälter. Viel kälter. Und nicht so religiös. Aber sonst …“ Der Capo sog an seiner Zigarette und schwieg. Sollte er doch. Der Qualm würde Veronika nicht mehr lange stören.

Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt, sprühte aus den Pfützen wolkenwärts, tanzte schnürend im Wind. Die Pappeln verneigten sich und winkten mit den Ästen, als wollten sie sich von Veronika verabschieden, während die sich vom Taxi zum Flughafen fahren ließ. Oben auf den Hügeln entlang des Weges hatten die Höhenfeuer Mühe, sich gegen das herabströmende Wasser zu behaupten.

„Das war’s dann hier“, sagte Veronika zu der Taxifahrerin, ehe sie ausstieg und zum Gate ging. Noch einmal machte sie sich auf ins Unbekannte, zu einem großen, letzten Abenteuer. Warum auch nicht? Sterben konnte sie überall gleich gut.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein dritter Versuch dazu.)

Feuerwasser

Ioana sah wieder einmal zum Himmel hinauf. Stahlblau wölbte er sich über das zundertrockene Land. Keine Wolke in Sicht. Sie ging zurück ins Haus, schloss die Terrassentür, sperrte die brüllende Hitze aus.

„Wie ist die Wetterprognose?“, fragte sie ihren Bruder zum siebtenmal. Sie hatten schon seit zwei Wochen hitzefrei, bei Temperaturen über 40 Grad konnte in dem kleinen Betrieb kein Mensch arbeiten. Zumal es dort keine Klimaanlage gab.

Mihail zückte das Handy, wischte mit dem Finger über den kleinen Bildschirm.

„Mist! Kein Netz!“ Er schüttelte das Gerät, als könne er dadurch die Verbindung herstellen.

„Lass das!“, sagte seine Schwester genervt. „Mach lieber den Fernseher an, gleich müssen Nachrichten kommen.“

Während Mihail nach der Fernbedienung suchte, änderte sich irgendwas am Geräusch des Deckenventilators. Das Surren wurde leiser, unregelmäßiger, stockte. Ungläubig starrte Ioana hoch zur Zimmerdecke. Kein Zweifel – der Ventilator stand still.

„Stromausfall“, stellte ihr Bruder fest, als er vergeblich mit der Fernbedienung hantierte.

„Auch das noch!“

Sie schlüpfte aus ihren Badelatschen und versuchte, ihre Füße in der lauwarmen Brühe des Plastik-Planschbeckens zu kühlen, das sie ins Zimmer geholt hatte, damit es auf den glühenden Steinen des Terrassenbodens nicht schmolz, so wie die Schwimmflügel sich aufgelöst hatten. Es gelang ihr nicht recht. Die Eiswürfel, die sie aus dem Gefrierfach genommen und in das Becken geworden hatte, waren längst geschmolzen.

Als sie die Füße wieder auf die Terracottafliesen setzte, zuckte sie zurück, verzog das Gesicht vor Schmerz und angelte nach den Badelatschen. Mihail versuchte sich derweil als Wassermaler, tropfte aus einer grünen Flasche Muster auf die Fliesen, sah zu, wie sie sich änderten, dünner wurden, verschwanden.

„Wir werden hier noch lebendig gebraten“, murmelte Ioana. Ihr Bruder brauchte ihr Gejammer nicht zu hören. Der war ohnehin geladen bis zum Gehtnichtmehr, und auf seine Explosion aus Schimpfwörtern konnte sie gut verzichten. Sie kuschelte sich im Liegestuhl zusammen und versuchte, die heißen Plastiklehnen nicht zu berühren. Aus ihren Sommersprossen schien Schweiß zu quellen wie aus einem porösen Schlauch.

Über die Terrasse hinweg beobachtete sie den Wald und betete, dass kein Tourist dort im Vorbeifahren eine Zigarette aus dem Fenster werfen möge. Durch den Wald führte die Europastraße, die in der warmen Jahreszeit viel befahren war. Touristen waren seltsame Leute. Nicht einmal die Quallenplage hielt sie davon ab, im Sommer her zu kommen. Bah! Fast wäre Ioana heute Vormittag auf eine Qualle getreten. Zu Hunderten lagen sie in den Sanddünen, seit die Lagune verdunstet war, und verbreiteten einen Höllengestank.

Besorgt prüfte sie wieder den Wald mit den Blicken.

„Da!“ Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Hügelkette. Qualm schlängelte sich ins Stahlblau, eine dünne, windzerzauste Rauchsäule stieg aus dem Wald auf. Dann schlugen Flammen aus dem Laub, leckten am wolkenlosen Himmel, breiteten sich aus, fraßen sich weiter ins Land, bildeten bald ein Höhenfeuer aus roten, gelben, orangen Zungen, sprühten Funken, die als Feuerregen vom Wind weitergetragen wurden.

„Da hat mal wieder einer eine Kippe zur Unzeit aus dem Fenster geworfen“, sagte Mihail, als plötzlich ein greller Blitz hinter den Geschwistern aufzuckte, gefolgt von einem Donner, der ihnen fast das Trommelfell zerriss. In kürzester Zeit wurde der Himmel schwarz, und die Wolken zerrissen, als hätte jemande eine Schleuse geöffnet. Ein Stausee stürzte auf die Hügel, auf das Haus, auf den brennenden Wald, zischte auf den Steinen der Terrasse, sammelte sich in den ausgedörrten Schlammrillen zu Sturzbächen, sprudelte meerwärts über tote Grasbüschel und rissige Holzzäune, löschte den Waldbrand, schwemmte die Quallen ins Meer zurück, füllte die Lagune, überschwemmte den Keller. Und hörte so abrupt auf, wie er begonnen hatte.

Ioana öffnete die Terrassentür. Frische strömte ins Haus, und am Horizont zauberte die Abendsonne die letzten Wolkenfetzen lila. Hinter Ioana surrte es – der Ventilator nahm seinen Dienst auf, der Fernseher sprang an, und Mihail hatte auf seinem Smartphone wieder eine Internetverbindung.

„Sie warnen vor Waldbränden und Gewittern“, teilte er Ioana mit. Und grinste.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt; diese Geschichte ist mein zweiter Versuch dazu.)

Jubiläumsfeuer am Wasserturm

Höhenfeuer – die Kinder in Dollingen denken, das habe es hier immer schon gegeben. Dabei ist das erste erst 1967 angezündet worden, genau an meinem elften Geburtstag. Beim Wasserturm. Ich erinnere mich noch gut an das Rennen der Traktoren und Landmaschinen – Mähdrescher, Eggen, Pflüge, was weiß ich was noch … Das fand damals auch zum ersten Mal statt. Am 15. Juli 1967.

Es war ein Samstag, ein Schultag, denn unsere Sommerferien fingen erst am 22. Juli an, und die Samstage waren damals noch nicht zu freien Tagen erklärt.  Wir hatten auf „hitzefrei“ gehofft, aber das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung, denn das Thermometer zeigte nicht mehr als 18 Grad, und die Schwimmflügel samt den Badelatschen blieben im Hausflur stehen, wo Mama sonst ihre Gummistiefel hinstellte. Am Freitag hatten wir die Badelatschen und Schwimmflügel noch getragen, als wir schlammbraun aus dem Wasser des Dollbachs stiegen, um uns von der Sonne trocknen zu lassen. Heiß war es gewesen, fast wie am Meer, nur ohne Quallen, was ich sehr gut fand. Bei einem einmaligen Kurzbesuch an der Adria hatte ich Bekanntschaft mit einer Qualle gemacht, und seither hatte ich eine Heidenangst vor diesen Biestern. Mamas Stiefel standen am Vortag noch, verkrustet mit Gartenerde, in der Scheune, aber dann kam das Gewitter, und der Sommer machte eine Pause.

So konnte ich meinen Liegestuhl nicht auf die Bummerwiese schleppen (warum die so hieß, weiß ich auch nicht, niemand hat es mir je erklären können), von wo aus man das Höhenfeuer besonders gut sehen sollte. Nicht nur, weil die Bummerwiese über Nacht zum Sumpf geworden war, sondern auch, weil der Gewittersturm den Liegestuhl gegen die Hauswand geworfen hatte, wo er in drei bis fünf Stücke brach, je nachdem, ob man die kleinen Holzsplitter mitzählte oder nicht. Das Holz, das wir zwei Tage früher am Rand des Zupfenwaldes gesammelt hatten, war so nass, als hätten wir es durch den Dollbach geschleift, aber ein anderes Holz gab es nicht, und so würden wir mit dem Qualm leben müssen.

Wir sahen ihn von unserem Wohnzimmerfenster aus, das Mama weit geöffnet hatte, um die Zimmer ein wenig herunterzukühlen nach den vergangenen heißen Tagen. Aber bald schloss sie es wieder, denn der Qualm war tatsächlich so dicht und grau, dass ich fürchtete, daran zu ersticken. Dazu kam der nebligkalte Nieselregen, der in alle Poren drang und mir das Sommerkleid am Leib festklebte. Ich holte meine Strickjacke, die am Haken über dem Schalter hing, mit dem man den Ventilator anschalten konnte, der jetzt natürlich nichts zu tun hatte.

„Nicht einmal deine Sommersprossen kann ich mehr sehen“, versuchte Papa zu scherzen.

„Ha-ha“, kommentierte ich diesen missratenen Versuch, mich aufzuheitern. In den Qualm des Höhenfeuers mischte sich Dieselgestank, als die schweren Maschinen den Berg hoch tuckerten. Gerade noch hatte ich mich gefreut, dass ich wegen der Kühle wenigstens vom Krach des Ventilators verschont geblieben war, aber dessen Geräusch war nichts gegen dieses Gebrumme und Gedröhne.

Der Regen betätigte sich als Wassermaler und zeichnete abstrakte Muster an unsere Fensterscheiben. Dadurch konnten wir kaum erkennen, was sich alles die Straße entlang plagte.

„Da kann ich ja gleich Hausaufgaben machen“, maulte ich. Dafür also hatten meine Freundinnen mir abgesagt? Der Qualm und der Nebel waren so dicht, dass wir nicht einmal den Wasserturm mehr erkennen konnten.

„Das wiederholen die bestimmt nicht“, sagte Papa, „nach diesem Reinfall!“ Er war zufrieden damit, denn er hatte im Vorfeld befürchtet, dass ihm die Maschinen wegen nichts und wieder nichts – eines bloßen Spektakels wegen – für die Ernte nicht zur Verfügung stünden. Das war jetzt egal, denn das Wetter hätte eine Feldarbeit ohnehin unmöglich gemacht, aber wer konnte schon sagen, was für ein Wetter im nächsten Jahr sein würde?

Meine Freundinnen, Anne und Mariele, sind dann übrigens doch gekommen, über die Felder, nass wie Katzen. Wir haben Kekstorte und Erdbeerkuchen gegessen und Flaschendrehen gespielt, und die Hausaufgaben mussten warten.

Auch heute wollen sie kommen, Anne mit ihrem Mann wie die letzten 40 Jahre, Mariele zum ersten Mal allein, denn ihr Mann ist seit letztem November tot. Es ist so kühl wie vor 50 Jahren, aber wir werden unsere Liegestühle zur Bummerwiese fahren lassen, von meinem Schwiegersohn (es gibt jetzt eine asphaltierte Straße dahin, die Wiese ist mit Rasensteinen befestigt, und die Freiwillige Feuerwehr hat Zelte aufgebaut). Dann werden wir, in unsere Regenjacken gehüllt, zum Wasserturm hinüber gucken, wo die Leute vom Schützenverein das Höhenfeuer anzünden werden, wir werden den Qualm riechen, uns über den Nebel ärgern und gegen den Krach der Landmaschinen anschreien. Zum 50. Mal.

Denn Papa, Gott hab ihn selig, hat nicht Recht behalten. Und die Kinder von Dollingen glauben wirklich, das Höhenfeuer habe es schon immer gegeben.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt)

Regenlied

Platze, pletze, plotze, plutze, plitze,
es regnet auf den Spielplatz eine Pfütze,
der Baum beguckt am Gehweg sich sein Spiegelbild,
mein Sandeleimer ist mit Wasser halb gefüllt …
Und ICH darf nicht raus
aus dem Haus!
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, pletze, plitze, plotze, plutze,
mein Regenmantel hat eine Kapuze,
und meine Gummistiefel mit dem grünen Stern
hab ich vom Papa, und ich mag sie schrecklich gern.
Doch ich darf nicht raus
aus dem Haus.
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Pletze, plitze, plotze, plutze, platze,
ich schneide meiner Puppe eine Glatze,
den Spielzeugbagger schmeiß ich an der Wand kaputt,
ich hab ganz einfach eine riesengroße Wut.
Denn ich darf nicht raus
aus dem Haus.
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, pletze, plitze, plutze, plotze,
jetzt ist der Papa sauer, weil ich trotze,
die Mama macht ihr „Du-bist-aber-bös“-Gesicht,
WARUM ich bös bin, das verstehn die beiden nicht.
Ich darf doch nicht raus
aus dem Haus!
Das find ich fies.
Wo ich den Regen doch so genieß!

Platze, plitze, plotze, plutze, pletze,
wie Perlenschleier sind die Spinnennetze,
und wie ein Bär patscht Papa durch das hohe Gras,
die Mama hält den Schirm schief, und ihr Haar wird nass,
und ich renn voraus
und ums Haus.
Das find ich fein.
So sollt ein Regentag immer sein!

 

Sabotage

„Ich hab mal einen Flugkapitän gekannt“, sagte Franziska und ließ ihr Strickzeug sinken. Eine Masche löste sich von der Nadel, dann noch eine und noch eine, aber sie schien es nicht zu bemerken. Regenschnüre rannen die Fenster des Kaffeehauses hinunter und lösten sich zu Tropfen auf, die einander mal schräg, mal krumm nach unten verfolgten, bis sie irgendwo, meist lange vor dem Ziel, ihre Absicht vergaßen und stehenblieben, ehe sie sich mit anderen Tropfen zusammentaten und sich erst schwerfällig und dann schneller wieder in Bewegung setzten.
„Einen Lug-Agenten?“ Johannes nestelte an seinem Hörgerät und klopfte mit dem Kopf seiner Pfeife so unkoordiniert wie unbeabsichtigt auf den Kaffeehaustisch. „Entschuldige“, murmelte er erklärend dazu, „Parkinson.“ Die Pfeife roch nach kalter Asche. Seit Jahren hatte niemand mehr daraus geraucht.
„Einen Flug-ka-pi-tän“, wiederholte Franziska, so laut es ihre Stimme hergab, und strich sich eine weiße Haarsträhne von der Wange. „Der hat gesagt, Fliegen ist im Prinzip wie Busfahren, nur schneller und höher.“
„Ich fahre gern Bus“, sagte Johannes und versuchte, die Pfeife aufzuheben, die ihm aus den Händen gerutscht war. Es gelang ihm nicht. Franziska nahm einen Schluck von dem koffeinfreien Kaffee, den die Pflegerin ihr eingegossen hatte.
„Was wollte ich denn … ach ja, Georg, so hieß der Flugkapitän. Wir haben uns bei der Diakonie getroffen, im Altkleiderladen. Da war er schon seit Jahren in Pension. Einmal in der Woche hat er dort ausgeholfen, im Laden.“
„Als Flugkapitän?“ Roselies nestelte ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfach ihres Rollstuhls und tupfte sich damit den Speichel aus dem Mundwinkel. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie den Speichelfluss nicht mehr kontrollieren.
„Hörst du nicht zu? Das war er damals schon lange nicht mehr.“ Franziska versuchte vergeblich, ihren Rücken geradezubiegen. „Ich war dort Praktikantin, hatte eben die letzte Klasse abgeschlossen.“
Wer war die fremde Alte im gegenüberliegenden Kaffeehausspiegel? Der Spiegel war halb blind, und das war gut, denn er zeigte Franziska ohnehin nicht die junge Frau mit blondem Haarkranz, klaren Augen und glatter, sommerbrauner Haut, die er hätte zeigen sollen.
„Sabotage ist das“, sagte sie und bemühte sich vergebens, die Maschen ihrer Strickarbeit wieder aufzunehmen.
„Was? Die Laufmaschen?“ Roselies lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und schloss die Augen. „Sabotage“ war Franziskas Lieblingswort.
„Das ganze Leben ist Sabotage. Irgendwer ist immer da, der einer Steine in den Weg legt, Sand ins Getriebe streut oder die Suppe versalzt.“
„Damals im Krieg …“, begann Johannes. „Wir haben dafür sorgen müssen, dass kein Flugzeug den Flughafen verlassen konnte. Ich habe die Motoren ausgebaut, manipuliert und wieder eingebaut, mein Kumpel Jonathan hat Schmiere gestanden und meine Mutter hat uns heimlich Stullen mit selbst gemachter Bratwurst in den Hangar geschleppt …“
„Sag ich ja. Sabotage.“ Franziska schnitt dem blinden Kaffeehausspiegel eine Grimasse, eine pubertäre Gesichtsverrenkung, eingebettet in blassgraue, zerklüftete Haut.
„Pflichterfüllung“, widersprach Johannes. „Es war ein Befehl der Partei!“
„So etwas Ähnliches hat meinen Flugkapitän fast das Leben gekostet“, erzählte Franziska den Blümchen auf ihrer Kaffeetasse.
„Er hat die Maschine in die Luft gebracht und zu spät gemerkt, dass etwas damit nicht in Ordnung war. Nur mit großer Mühe hat er sie wieder landen können. Sie ist wohl verbrannt, aber er konnte sich retten. Danach konnte er nie wieder fliegen.“
„War das hier am Flughafen Wiesental?“, fragte Johannes. „Georg hieß der also? Lebt er noch?“
„Nein“, sagte Franziska.

Vasenblume

Ich sehe ihn vor mir, den dunkelblauen Himmel mit den weißen Wolken oder den grauen, regenschweren.

Ich spüre die Tautropfen auf meinen Blättern –

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Um mich ist Kristall.

Kristall, in Mustern geschliffen. Hart und sehr schwer, klar und rein und ein wenig bläulich.

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Die Rosenknospen: rot und gelb und rosa und weiß und orange.

Die Stiefmütterchen: lila und blau. Klein und bunt und lustig.

Ein Schmetterling –

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Die Muster im Kristallglas stellen Blumen dar. Stilisiert. Tulpen und Nelken.

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Der Himmel: Das ist eine dunkelblaue Glasglocke, rund und leuchtend und weit, weit, unendlich, und so klar, mit schneeigen Wolken darauf –

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Der Himmel. Eine flache Decke aus Beton.

Ich beginne zu vergessen, wann meine Blätter zuletzt vom Regen berührt wurden.

Regen: kühle, graue Tropfen, fröhlich singend und übereinanderkollernd –

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Regen. Leitungswasser mit viel Chlor.

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Ich kann mich noch an die Bäume erinnern, groß und dunkelgrün, blätterrauschend im Wind. Die vielen tausend kleinen Lichter am Himmel und die Silberscheibe, die sie Mond nennen! Der Tau komme und kühlt die Blätter –

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Am Betonhimmel hängt ein umgekehrter Blumentopf, der Lampe heißt.

Keine Sterne.

Kein Mond.

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Ich bewundere Kristallglas. Aber ich muss immer an die Rosen denken. An ihren Duft. Und an die stillen Sommernachmittage, warm, singende Luft, irgendwo eine summende Hummel –

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Hier ist es niemals still. Ich habe fast schon vergessen, dass Luft singen kann.

Manchmal singt die elektrische Leitung. es ist ein hässliches, störendes Singen.

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Wenn ich an die Rosen denke, sehe ich ihre Farben: dunkelrot, fastschwarz, feuerfarben, mildorange-rosa, rosahauchzart, weiß, ins Bläuliche spielend. Kristallweiß. Klar und durchsichtig.

Ich habe vergessen, wie es war, wenn ich die Sonne auf den Blättern fühlte. Ich weiß nur, dass es sehr schön war. Ich habe vergessen, wie sich Tautropfen anfühlen, die in der Nacht auf die Blätter fallen. Auch das war schön, erinnere ich mich; aber ich kann die Empfindung nicht zurückrufen, die ich dabei hatte –

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Ich bewundere Kristallglas. Auch wenn es zu hart ist für Wurzeln. Woher kommt nur dieser schwarze Sand?

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Man kann nur frei sein, wenn man –

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Schwarzer Sand, darüber ein dunkelkristallblauer Himmel, mit Blumenmustern und sehr hart. Schneeige Wolken darauf. Kein Wasser.

Wurzeln sind Fesseln.

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Die Luft… eine überblühte, entblätternde Rose oder viele… sie dreht sich, aber sie singt nicht. Die elektrische Leitung singt, aber hässlich.

Es ist zu warm.

Die graue Sonne verbrennt den Tau, der in regenbogenfarbenen Plastikkugeln niederfällt, trocken und hart und sehr schön, ein glitzerndes, grandioses Farbenspiel von finster, brennend, leuchtend, strahlend, kalt und hart.

Vor allem Rot ist viel.

Rot-rot-rot-rot in allen Schattierungen. Es wirbelt und schreit und steigt und fällt und dreht sich und schmerzt unsäglich.

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Wenn nur die geschliffenen Diamanten nicht wären!

Sie betauen klirrend die Kristallvase. Millionenfach brechen und spiegeln sie das Licht, das die sterbenden Rosen senden.

Und der Himmel mit dem Blumenmuster: die Wolken darauf und der Sand ringsum, lichtlos, irgendwo hinter dem Farbgeflirr, ein Punkt im Tanz.

Zwei Punkte.

Drei.

Und viele –

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Flecken und Flächen durchbrechen schwarz den Flammenwirbel, und durch die Rosenfarben scheint deutlich die Sandwüste. Die schwarze Sandwüste, der dunkelkristallblaue Himmel darüber und die schneeigen Wolken darauf.

Aber vielleicht sind die Weißen auch Rosen. Sie duften so.

Es ist eine schwarze Fläche mit roten Flecken. Der Himmel wird dunkler und dunkler und schwarz. Aber keine Sterne sind darauf und kein Mond, und die Wolken sind doch Rosen gewesen, denn jetzt sind sie weg, und die roten Flecken werden kleiner und die Punkte weniger und –

ich weiß: Wenn der letzte rote Punkt verschwunden ist, ist es vorbei.

Jetzt ist noch einer.

Zwischenzeit

Der Himmel klirrt, verbrannt zu blauen Scherben,
auf die Wegewartensterne vor der Stadt,
und durch die Birken geht ein gelbes Sterben,
weil der Regen sie vergessen hat..

Grellweiße Häuser schaun durch stumme Fenster
auf Asphaltwege, die verglutend weichen.
Die Luft fließt säulenhohe Flirrgespenster
in die Fabrik, die sie zermorst zu wirren Zeichen.

Die Welt verflimmert qualvoll in den Krallen
aus gleißendgelbem, hartem Sonnenlicht,
das sich in tödlichheißen Platinstrahlen
durch Parks und Wohnblocks in die Erde bricht.

Die Wälder brennen dem Gestirn entgegen,
die Städte lohen rot zu ihm empor.
Doch hinten löscht schon schwarzer, schwerer Regen
die Sommerfarben heimlich aus dem Moor.

Bald wolken Nebel grau durch graue Gassen,
in denen graue, müde Häuser stehen,
und graue Pfützen sprühn den grauen, blassen,
versengten Blättern nach, die erdwärts wehn.