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Wunschdenken

„Du willst eine Discokugel klauen? Bist du wahnsinnig?“

Hilke sah mich an, als wolle sie gleich die 112 wählen, um die Männer in den weißen Kitteln auf mich zu hetzen.

„Habe ich das gesagt?“, verteidigte ich mich. „Ich will das doofe Ding doch nur ausleihen, es verschwinden lassen, es verstecken, damit ich es nicht mehr sehen muss, begreifst du das denn nicht?“

„Dann besuch doch einfach nicht mehr diese blöde Disco, ich kapiere ohnehin nicht, was du da jeden Donnerstag willst!“

War es so schwer zu verstehen, dass ich Adrian sehen wollte, nicht trotz, sondern gerade wegen der Dinge, die er mir in dieser Disco an den Kopf geworfen hatte, nachdem er zunächst so getan hatte, als wolle er mit mir flirten, dass ich Adrians Gesichtsausdruck sehen wollte, aber eben nicht die Discokugel? Ah, ich wäre so gespannt gewesen, wie er darauf reagieren würde, wenn sein Lieblings-Blinkeblanke-Dingens fehlte!  Und die Lautsprecher hätte ich auch ausgetauscht, ha, damit das Geplärre nur noch in Kammermusiklautstärke zu hören gewesen wäre.

„Hätte, wäre, würde“ blieb aber Wunschdenken, denn leider benötigte ich für meine Racheaktion Hilkes Hilfe, weil ich auf den Rollstuhl angewiesen bin, und Hilke ließ mich verständnislos abblitzen.

(Eine abc-Etüde, mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung, diesmal die mit den Wörtern „Discokugel“,  „wahnsinnig“ und „klauen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Sabine.)

Schön war’s

„Zweibrücken – Zweibrücken – Zweibrücken“, murmelte die alte Dame und nestelte nervös an ihrer Brille, die an einem silbernen Kettchen befestigt war und ihr wie ein zu groß geratenes Schmuckstück über dem flachen Busen baumelte, genau oberhalb des Perlenschmetterlings, der ihren zartrosa Mohairpulli zierte, „nun hilf mir mal, Roman“, es klang ungeduldig, „da war doch was, damals, in Zweibrücken, du weißt es sicher noch, du weißt ja sonst auch immer, was ich meine!?“

„Ich bin nicht Roman, Frau Eichhorster“, antwortete der junge Mann mit geschulter Ruhe in der Stimme und hob die fadenscheinig gewordene Seidendecke mit dem eingewebten Familienwappen vom peinlich sauberen PVC-Fußboden auf, drapierte sie vorsichtig so, dass sie die Räder des Rollstuhls nicht berührte und steckte sie rechts und links an Frau Eichhorsters magerem Körper fest.

„Aber wenn du nicht Roman bist, wer bist du dann, und was wollen Sie hier in Zweibrücken, junger Mann?“

Die alte Dame guckte irritiert zum kleinen Gitterkreuzfenster hin, wo, unsichtbar für ihre unbebrillten Augen, am Horizont die Alpen schwarzgezackt in den Abendhimmel ragten.

„Bist du Silviu?“

„Ich heiße Ahmed“, sagte der junge Mann, „Ahmed Aytulun, und ich arbeite hier, und Sie sind in der Residenz Abendsonne, in Radfeld, und wir kennen uns seit fünf Jahren.“

Frau Eichhorsters Hand wischte ruhelos über die Seidendecke, der Gedanke an Zweibrücken ließ sie nicht los, da war doch etwas gewesen, verdammt, sie wusste es genau, aber sie hatte vergessen, was es war, und dieser Junge, Roman oder Silviu oder Ahmed (sie erinnerte sich nicht, einen Enkel namens Ahmed zu haben, eigenartig), der wollte ihr nicht auf die Sprünge helfen wie sonst, oder er konnte es nicht, oder … Die alte Dame fasst nach einer nicht mehr vorhandenen Haarsträhne, um sie mit gewohnter Geste hinter ihr linkes Ohr zu wickeln, fasste ins Leere, starrte einen Augenblick verwundert auf ihre Handfläche, hob die Hand dann trotzig zum Ohr und hielt sich leicht zitternd am Ohrläppchen fest, grenzenlos erstaunt über diese seltsame Welt, die so gar nicht mehr schien, wie sie einmal gewesen war.

Ja, damals, in Zweibrücken, damals, als … als …

Mit trüben, halbblinden Augen, die dritten Zähne (oder die fünften, es spielte keine Rolle) knirschend aufeinandergepresst, gab sie es vor sich selbst zu, dass es weg war, das Damals, fortgeweht auch aus ihrer Erinnerung, und sie bemühte sich, das Gefühl der Freude trotzdem weiter zu spüren, das damit verbunden blieb, denn sie wusste, das, was sich in Zweibrücken abgespielt hatte, irgendwann in einem früheren Leben, das war schön gewesen, sehr schön – was immer es gewesen sein mochte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 3 mit den Wörtern „verdammt“, „Zweibrücken“, „grenzenlos“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)