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Unkontrollierbar

Die Mondsichel schnitt in die Gewitterwolken wie ein scharfes, schimmerndes Gemüsemesser. Marietta sah aus dem Fenster, während sie das Abendessen zubereitete, Möhren zerkleinerte, Zwiebeln, Gurken, Lauch, Petersilie. Sie knipste das Licht über der Arbeitsplatte an, zusätzlich zur Deckenbeleuchtung. Die Küche war dunkel, da konnte Jonathan sagen, was er wollte.

Wolken zogen vorbei wie schwarzer Blumenkohl, ballten sich bauschig zusammen, jagten den Himmel entlang, an den Bergspitzen entlang, zack, Schnitt, Zäsur, unter den Sternen durch, von denen einige Flugzeuge waren, rotes Blinken verriet sie, die Wolken rasten zur tödlichen Sichel hinüber, Zäsur, Zusammenballen, Schnitt …

Marietta schüttete das Gemüse in die Pfanne, hörte zu, wie das heiße Fett aufbrutzelte, stellte die Dunstabzugshaube auf Position zwei. Sie rief nach Jonathan, der noch irgendwo im Garten Johannisbeeren erntete und sicher glaubte, er habe alles unter Kontrolle, denn das glaubte er eigentlich immer.

„Es geht gleich los!“, rief sie, und sie wusste selbst nicht, ob sie das Abendessen meinte oder das Gewitter. Blitze durchzuckten die Nacht, ließen Sichel und Sterne vergessen, aus der Pfanne spritzte Fett auf die heiße Herdplatte, loderte flammend hoch, verfing sich in Mariettas offenem Haar, brachte den Brandmelder zum Schrillen. Manche Dinge, dachte Marietta mit einem absurden Gefühl von Triumph, konnte eben nicht einmal Jonathan kontrollieren.

(Mit Dank an „Christiane“ für ihre Schreibeinladung  und an „autopict“ für die Wortspende dazu, die diesmal „Mondsichel, Zäsur, kontrollieren“ lautete.)

Großstadtdämmern

Draußen, am Jahrmarkt, bei der Achterbahn hatte die Sonne Christine so geblendet, dass sie nach ihrer Sonnenbrille kramte und sich selbst verfluchte, weil sie keine dabei hatte. Jetzt, in der Straßenschlucht zwischen den nichtssagenden neunziggeschossigen Bürotürmen schien die Dämmerung bereits in Nacht überzugehen. Die sechsspurige Autostraße, flankiert von zwei fahrspurbreiten Gehwegen, war zwischen den Hochhausriesen so eingeklemmt, dass sie selbst zum Atmen fast zu eng wirkte.

Christine war ein Großstadtmensch, aber diese Schlucht erinnerte sie an einen Urlaub in den Bergen, als sie aus einer Klamm nur mit Mühe und Not wieder herausgefunden hatte, ehe der Schneesturm die Klamm unpassierbar machte. Die Autos rauschten vorbei wie damals der Bergbach, unablässig, unaufhaltsam, mit auf- und abwallendem Basso continuo. Hinter einer leichten Linkskurve verschwand der Jahrmarkt mitsamt seinen Gerüchen nach Maronen und Zuckermandeln, Bratwurst und Erbseneintopf.

Nichts daran war einzigartig. Nichts hielt irgendeines der Versprechen, die Peter ihr gegeben hatte.

Christine ging in die Dunkelheit hinein und genoss das Geflirre der Scheinwerfer und Bremslichter, der Leuchtreklamen und Verkehrsampeln, wie sie es bei jedem Landeanflug nach Nachtflügen genoss, die diamantbunten Lichtpunkte im Samtschwarz funkeln zu sehen.

Wer, bitte, war schon Peter?!

 

(Eine abc-Etüde in 10 Sätzen, Reizwörter: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig. Mit Dank an „Bruni“ Brunhilde Kantz, www.wortbehagen.de für die „Wortspende“, sowie an „Christiane“, Irgendwas ist immer.)

 

Sabotage

„Ich hab mal einen Flugkapitän gekannt“, sagte Franziska und ließ ihr Strickzeug sinken. Eine Masche löste sich von der Nadel, dann noch eine und noch eine, aber sie schien es nicht zu bemerken. Regenschnüre rannen die Fenster des Kaffeehauses hinunter und lösten sich zu Tropfen auf, die einander mal schräg, mal krumm nach unten verfolgten, bis sie irgendwo, meist lange vor dem Ziel, ihre Absicht vergaßen und stehenblieben, ehe sie sich mit anderen Tropfen zusammentaten und sich erst schwerfällig und dann schneller wieder in Bewegung setzten.
„Einen Lug-Agenten?“ Johannes nestelte an seinem Hörgerät und klopfte mit dem Kopf seiner Pfeife so unkoordiniert wie unbeabsichtigt auf den Kaffeehaustisch. „Entschuldige“, murmelte er erklärend dazu, „Parkinson.“ Die Pfeife roch nach kalter Asche. Seit Jahren hatte niemand mehr daraus geraucht.
„Einen Flug-ka-pi-tän“, wiederholte Franziska, so laut es ihre Stimme hergab, und strich sich eine weiße Haarsträhne von der Wange. „Der hat gesagt, Fliegen ist im Prinzip wie Busfahren, nur schneller und höher.“
„Ich fahre gern Bus“, sagte Johannes und versuchte, die Pfeife aufzuheben, die ihm aus den Händen gerutscht war. Es gelang ihm nicht. Franziska nahm einen Schluck von dem koffeinfreien Kaffee, den die Pflegerin ihr eingegossen hatte.
„Was wollte ich denn … ach ja, Georg, so hieß der Flugkapitän. Wir haben uns bei der Diakonie getroffen, im Altkleiderladen. Da war er schon seit Jahren in Pension. Einmal in der Woche hat er dort ausgeholfen, im Laden.“
„Als Flugkapitän?“ Roselies nestelte ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfach ihres Rollstuhls und tupfte sich damit den Speichel aus dem Mundwinkel. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie den Speichelfluss nicht mehr kontrollieren.
„Hörst du nicht zu? Das war er damals schon lange nicht mehr.“ Franziska versuchte vergeblich, ihren Rücken geradezubiegen. „Ich war dort Praktikantin, hatte eben die letzte Klasse abgeschlossen.“
Wer war die fremde Alte im gegenüberliegenden Kaffeehausspiegel? Der Spiegel war halb blind, und das war gut, denn er zeigte Franziska ohnehin nicht die junge Frau mit blondem Haarkranz, klaren Augen und glatter, sommerbrauner Haut, die er hätte zeigen sollen.
„Sabotage ist das“, sagte sie und bemühte sich vergebens, die Maschen ihrer Strickarbeit wieder aufzunehmen.
„Was? Die Laufmaschen?“ Roselies lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und schloss die Augen. „Sabotage“ war Franziskas Lieblingswort.
„Das ganze Leben ist Sabotage. Irgendwer ist immer da, der einer Steine in den Weg legt, Sand ins Getriebe streut oder die Suppe versalzt.“
„Damals im Krieg …“, begann Johannes. „Wir haben dafür sorgen müssen, dass kein Flugzeug den Flughafen verlassen konnte. Ich habe die Motoren ausgebaut, manipuliert und wieder eingebaut, mein Kumpel Jonathan hat Schmiere gestanden und meine Mutter hat uns heimlich Stullen mit selbst gemachter Bratwurst in den Hangar geschleppt …“
„Sag ich ja. Sabotage.“ Franziska schnitt dem blinden Kaffeehausspiegel eine Grimasse, eine pubertäre Gesichtsverrenkung, eingebettet in blassgraue, zerklüftete Haut.
„Pflichterfüllung“, widersprach Johannes. „Es war ein Befehl der Partei!“
„So etwas Ähnliches hat meinen Flugkapitän fast das Leben gekostet“, erzählte Franziska den Blümchen auf ihrer Kaffeetasse.
„Er hat die Maschine in die Luft gebracht und zu spät gemerkt, dass etwas damit nicht in Ordnung war. Nur mit großer Mühe hat er sie wieder landen können. Sie ist wohl verbrannt, aber er konnte sich retten. Danach konnte er nie wieder fliegen.“
„War das hier am Flughafen Wiesental?“, fragte Johannes. „Georg hieß der also? Lebt er noch?“
„Nein“, sagte Franziska.

Strohhalm im Dung

Erst vorgestern, zwei Stunden vor ihrem ersten gemeinsamen Auftritt als Clowns, hatten sie, Maria und ihr Mann Martin, 28 Störche gezählt. Noch niemals hatte Maria so viele auf einem Haufen gesehen. Sie war heim gelaufen, um ihr Smartphone zu holen (zum Kuckuck, gerade heute hatte sie es vergessen), aber als sie wieder an der Brache am Bach ankam, waren die Vögel fort.

Stattdessen fiel ihr dieses Etwas auf, das sie für ein Vogelnest hielt, vielleicht von einer Ackerhummel, das müsste sie im Internet nachschlagen. Sie fotografierte das Nest und prüfte das Foto, und es WAR das Nest einer Ackerhummel.

Heute stand Maria wieder vor dem Nest, und es war immer noch da, und es war immer noch das Nest einer Ackerhummel, und der Augusthimmel war immer noch blau, und der Bach stank immer noch nach Abwasser, und der Sommer surrte durch die Hochspannungsleitung, als könne er nie vergehen.

Aber Maria wusste, dass er vergehen würde, alles verging, das hatte sie heute Mittag auf der Intensivstation gelernt, als sie den Ärzten erlaubte, die Herz-Lungen-Maschine auszuschalten, weil sie Martins Körper nicht  mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen konnte.

Maria griff mit beiden Händen nach vorn, griff nach dem Strohhalm im Dung, auf dem ein Distelfalter wippte, als wollte sie den Falter mitnehmen in ihre leer gewordene Wohnung. Der Distelfalter schwebte davon, irgendwohin ins Licht, über den Bach, über die Brache, und Maria sah ihm nach, bis sie den Punkt aus den Augen verlor.

Es war sinnlos, alles, es würde sinnlos bleiben und war immer schon sinnlos gewesen.

(Für die Anregung zu dieser Etüde danke ich (unbekannterweise) „Karin“, https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/25/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-26-17-wortspende-von-karin.

Sie hat die Reizwörter „Vogelnest, sinnlos und Auftritt“ in die Runde geworfen.

Gestrandet

Marietta schmeckte das Badesalz auf den Lippen. Badesalz. Kein Meersalz. In diesem Sommer würde sie kein Meerwasser sehen.

Nachdenklich, aber nicht mehr traurig betrachtete sie auf ihrem Handy-Display das Strandfoto vom letzten Jahr. Hankas Körper beulte breit und flundernplatt den Sand aus, ölig, fast leblos unter der Sommerbräune. Daneben stand Sven, breitbeinig, ein Lehrmeister, der seine Schülerin dahin gebracht hat, wo er sie hin haben wollte, ein Sklavenhalter vor seiner erschöpften Sklavin.

Marietta streichelte sich über die Hüften und lächelte dem Bild ihres molligen Selbst im Badezimmerspiegel zu. Es gab keinen Sven mehr in ihrem Leben, und das war gut so. Sie hoffte für Hanka, dass auch sie den Absprung irgendwann schaffen würde.

Zu zweit allein

Die Sommerblüten in der trüben Glasvase auf dem Schreibtisch waren so trocken, dass der Luftzug, den Marianas Eintreten verursachte, einen Teil davon zu Staub zerfallen ließ, und in dem fensterlosen Raum war es so still, dass sie das Auftreffen der Blütenteilchen auf den Aktenblättern hören konnte. Das Knistern klang bedrohlich wie fernes Donnergrollen.

„Ich habe Kaffee organisieren können“, sagte der alte Mann und strich sich die zu langen Seitenhaare über die verschwitzte Glatze. „Ich habe sogar Zucker, extra für Sie.“

Es klang zynisch, aber Mariana hatte Durst, großen Durst, sie hätte jedes Getränk angenommen, und wenn es Gift gewesen wäre. Sie setzte die Tasse an die Lippen und trank einen langen Schluck.

Der Kaffee schmeckte bittersüß.

„Und jetzt zu uns“, flüsterte der Alte. Es klang in ihren Ohren wie das Zischen einer Schlange, aber Mariana biss die Zähne zusammen und ging um den Schreibtisch herum, wie sie es jedes Mal tat, wenn er sie rief.

Außerhalb dieses schalldicht abgeschlossenen Bunkers, das wusste sie, konnte niemand es hören, wenn sie schrie.

Bittersüß

Weißt du noch, die Margeriten am Bunker?
Der Mohn?
Der lila Klee und das Zittergras, die Glockenblumen und Königskerzen?
Wir lagen auf unserer Picknickdecke mitten in den Sommerblüten, zerknitterten sie, zerquetschten ihre Schönheit, atmeten ihren bittersüßen Duft.
Über uns der gläserne Himmel, dunkelblau, mit einem gleißenden Lichtfleck schräg oben.
Wattewolken, nur zwei oder drei, auf Wanderschaft vom Wald zum Dorf, bauschig, gemächlich treibend im Wind.
Unter uns Verfall, Schimmelpilze, baumdurchwachsene Schutzräume, unsprengbare Erinnerung an Bomben und Krieg.
In meinem Einkaufsnetz ein Schwarzbrot, ein Stück Speck und ein Bund Lauchzwiebeln.
In der Tasche deiner Jeans dein Westpass.
Und – datiert auf den folgenden Tag – die Rückflugkarte in deine heimische Freiheit.

Aufbruch

Sie ging noch einmal durch alle Räume des großflächigen, ebenerdigen Hauses.

Sie ging weder langsam noch hastig.

Wie oft hatte sie diesen Weg schon zurückgelegt, früher, als noch Möbel in allen Ecken standen?

Sie wusste es nicht, und sie fragte sich nicht danach.

Sie ging zu den gardinenlos gewordenen Fenstern und sah hinaus. Wie schütter die alten Apfelbäume belaubt waren! Jetzt, im August! Und die Äpfel waren winzig. Früher waren sie größer gewesen. Oder schien ihr das nur so, weil sie selbst früher kleiner war?

In Deutschland gab es riesengroße Äpfel, so groß wie Männerfäuste. Ihre Kusine hatte ihr vor zwei Wochen erst einen geschenkt, einen solchen Apfel, rotbackig, knackig-frisch, herrlich saftig. In Deutschland gab es auch im Winter Äpfel, hatte ihre Mutter erzählt, die vor zwei Jahren auf einer Besuchsreise in Deutschland gewesen war. Nicht so kleine verschrumpelte Äpfel aus Kellerregalen, sondern richtig frisches Obst, das man im Laden kaufen konnte.

Seltsam war das. Sie konnte es sich nicht so recht vorstellen.

Sie schloss im Schlafzimmer der Großeltern das mit mattgelb gestrichenem Holz gerahmte Flügelfenster und sah durch die leicht verschmutzten Scheiben hinaus. Über die kahlen Hügeln malte die Augustsonne, noch hinter dem Horizont, eine heller werdende Umrisslinie.

Am Bach entlang duckten sich grellblaue, baufällige Hütten ins Tal. Irgendwo, auf einem Misthaufen, krähte ein Hahn. Andere Hähne und ein paar Hunde antworteten ihm, sonst war es still. Keine Motorsägen, keine Traktoren,keine  Lastwagen, keine Lautsprecher.

Sie genoss die Stille.

Im Weinlaub versteckt, das sich an einem Geländer entlang der Hauswand bis zum Dach hinaufzog, schilpte ein Sperling. Im Nussbaum drüben turtelte eine Lachtaube.

Welche Filmmusik würde wohl zu dieser Szene passen?  Es wäre eine sentimentale Szene. Eine melancholische Melodie könnte einsetzen, während die Hauptdarstellerin mit unbewegtem Gesicht die Rollläden schloss.

Sie konnte ihr Gesicht nicht sehen, während sie langsam die Hand zu den Gurten ausstreckte, um die Jalousien mit leisem Rattern zwischen das leere Zimmer und die überalterten Apfelbäume gleiten zu lassen. Es gab keinen Spiegel mehr in diesem Zimmer.

Die Apfelbäume hätten zwölf Jahre tragen sollen, das wusste sie von ihrem Großvater, der sie vor 45 Jahren gepflanzt hatte. Ihre Mutter und ihr Onkel waren darin herumgeklettert, sie selbst, ihre Schwester, ihr Bruder, ihre Cousins und Cousinen. Der neue Eigentümer würde sie abholzen. Das war vernünftig.

Sie ging am Telefon vorbei, das nackt am kahlen Boden stand.

War sie erleichtert? Belustigt? Traurig? Enttäuscht? Besorgt? Gespannt?

Sie war nichts davon.

Der schwarze Apparat, der immer noch an die Rufnummer Unu-schepte-tschintsch angeschlossen war, 1-7-5, klingelte nicht. Es war ein Telefon für manuelle Vermittlung, ohne Wählscheibe, und immer wieder kam es vor, dass eine Stimme ein Gespräch unterbrach mit der Frage „Sprechen Sie noch?“.

Privatgespräche, wusste sie, führte man besser nicht per Telefon.

In ihrem Mädchenzimmer, vor ihrem matratzenlosen Bettgestell, blieb sie länger stehen. Es war ein gutes Bett. Sie war dem Käufer fast böse, dass er es noch nicht abgeholt hatte. Nur um ihr Pianino tat es ihr noch mehr leid. Das Pianino war schon lange fort, gleich am zweiten Tag der Haushaltsauflösung war der Ehemann der Käuferin mit einem geliehenen Pferdefuhrwerk vorgefahren, um es abzutransportieren. Ein heller Fleck an der gekalkten Wand bezeichnete die Stelle, an der das Instrument zuletzt gestanden hatte.

Sie öffnete die Tür zur Speisekammer, über die man durch eine Luke in der Decke das Dachgeschoss erreichen konnte. Halbvolle Marmeladengläser, die niemand hatte kaufen wollen, standen verlassen in den leeren Lattenregalen. Auf dem Holzgestell, das ihr Vater eigens für den winzigen Kühlschrank gezimmert hatte, lag Staub.

Als sie zum Fenster ging, um es zu schließen, sah sie von draußen ihre Mutter winken: Komm doch, komm doch endlich, was machst du denn so lange.

Im Geländewagen, der früher der Dienstwagen ihres Vaters gewesen war, wartete schon der Kraftfahrer, der ihn jahrzehntelang zu den kranken Kühen und Pferden auf den abgelegensten Dörfern gefahren hatte. Die Koffer des Handgepäcks waren zwischen den seitlich verlaufenden Sitzbänken aufgetürmt und festgezurrt.

Sie öffnete die schwere neue Eichentür des alten Hauses und schloss sie wieder hinter sich. Fröstelnd schloss sie die Knöpfe ihres Sommermantels. Sie hatte zu wenig geschlafen, und der Augustmorgen wärmte sich erst langsam.

Sie hatte Angst. Angst, dass sie die Fahrt in dem alten Geländewagen nicht vertragen würde. Schon einmal, erinnerte sie sich, war sie darin unterwegs gewesen, über holprige Erdwege, und sie hatte sich in ein Maisfeld übergeben müssen. Aber vielleicht wäre es anders, wenn das Fahrzeug die Hauptstraßen entlang in die Kreisstadt fuhr.

Was hast du so lange gemacht? fragte ihre Mutter.

Ich habe die Rollläden heruntergelassen, antwortete sie. Damit das Haus richtig verlassen aussieht, wenn wir weg sind.

 

Zwischenzeit

Der Himmel klirrt, verbrannt zu blauen Scherben,
auf die Wegewartensterne vor der Stadt,
und durch die Birken geht ein gelbes Sterben,
weil der Regen sie vergessen hat..

Grellweiße Häuser schaun durch stumme Fenster
auf Asphaltwege, die verglutend weichen.
Die Luft fließt säulenhohe Flirrgespenster
in die Fabrik, die sie zermorst zu wirren Zeichen.

Die Welt verflimmert qualvoll in den Krallen
aus gleißendgelbem, hartem Sonnenlicht,
das sich in tödlichheißen Platinstrahlen
durch Parks und Wohnblocks in die Erde bricht.

Die Wälder brennen dem Gestirn entgegen,
die Städte lohen rot zu ihm empor.
Doch hinten löscht schon schwarzer, schwerer Regen
die Sommerfarben heimlich aus dem Moor.

Bald wolken Nebel grau durch graue Gassen,
in denen graue, müde Häuser stehen,
und graue Pfützen sprühn den grauen, blassen,
versengten Blättern nach, die erdwärts wehn.