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Schwarze Tasten

Herr Murrmann hatte schon lange aufgehört, die Trauerreden zu zählen, die er gehalten und die Nachrufe zu sammeln, die er geschrieben hatte. So manche Stilblüte fand er in den Entwürfen, die ihm verzweifelte, geschockte, erleichterte, traumatisierte, gleichgültige oder erbgierige Hinterbliebene zum Redigieren überließen.  Der Tod, das wusste Herr Murrmann als professioneller Trauerredner und -texter besser als viele andere, war nichts Besonderes, er war banal, gewöhnlich, alltäglich, jeder Mensch starb irgendwann und fast jeder Mensch sah irgendwann den liebsten Menschen sterben, den Menschen, der nie hätte sterben sollen, den er wider alle Vernunft tiefinnerlich für unsterblich gehalten hatte, und der doch verging, wie wir alle vergehen.

Herr Murrmann brachte es fertig, an einem Tag mehrere Trauerfeiern mit einfühlsamen Worten zu begleiten, zusätzlich zwei bis drei Trauertexte zu verfassen und anschließend bei der Chorprobe des Männergesangsvereins jodeln zu üben. Er war eben ein Profi. Ein Profi durch und durch. Ein Profi der Trauerarbeit, auch als Trauerbegleiter stets gut ausgebucht, nicht umsonst hatte er Psychologie und Theologie studiert und sich in zahlreichen Spezialkursen weitergebildet.

Und jetzt saß er da, in seiner schwarzen Berufskleidung, vor den schwarzen Tasten seiner Computertastatur, und starrte hinaus in den sonnigen Tag, der so herrlich sommerlich blieb, wie die ganzen letzten Wochen es gewesen waren, so hell und warm, als wäre nichts geschehen, als wäre die Welt gestern nicht in Stücke gebrochen, als könne alles weitergehen, einfach so, obwohl nichts mehr so war wie vorgestern noch. Warum konnte er nicht einfach einen schönen Text verfassen wie neulich für Frau Müller, oder letzten Monat für Herrn Meierbier, oder kurz nach Silvester für die kleine Elsa?

Er fand keine Antwort darauf, und er suchte sie auch nicht, denn alles, was ihn noch ausmachte, war die Frage danach, wie es jetzt weitergehen sollte, weitergehen könnte, weitergehen musste – ohne Heidrun, die er für sich seit dem Tag seiner Hochzeit mit ihr nie anders genannt hatte als Frau Murrmann.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Stilblüte“, „banal“, „jodeln“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)