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Verbotener Abschied

Für Mama war die Impfung zu spät gekommen.

Die Tochter, selbst schon alt, hastete über das Kopfsteinpflaster, beide Hände schützend an ihren Ohren. Dass die Lautsprecher noch funktionierten!?

Die Rundfunkgeräte – Radio, Fernseher – waren außer Funktion.

Systemausfall.

Die Handys kamen nicht mehr ins Netz. Die Computer zeigten nur noch blaue Schrift vor orangem Hintergrund. Unlesbare Schrift in einer Sprache, die der Frau nicht bekannt war. Warum orange? Warum blau? Sie wusste es nicht. Früher, erinnerte sie sich, in einem anderen Leben, war die Schrift orange gewesen, oder grün, oder weiß, auf schwarzem Grund.

Kaum jemand wusste das noch.

Sie hastete weiter, blieb fast an einem losen Stein hängen, versuchte vergeblich, das Geplärre der Lautsprecher auszublenden.

„Bleiben Sie daheim! Bleiben Sie daheim!“

Gleich würde einer dieser Schutzanzugleute sie nach ihrem Passierschein fragen.

„Gehen Sie zur Arbeit? Lässt die sich nicht im Homeoffice erledigen? Müssen Sie zum Arzt? Pflegen Sie eine Angehörige? Ist Ihr Gang systemrelevant?“

Sie stolperte weiter, würde sich nicht erschüttern lassen. Wie, fragte sie sich, sollte irgendwer im Homeoffice arbeiten? Ohne Internet? Ohne Handy? Ja, früher, in dem anderen Leben (dem mit der orangen Schrift vor schwarzem Grund), da war es möglich gewesen. Da hatte sie das Telefon ausgestöpselt, verbotenerweise, versteht sich, um beim Schreiben nicht gestört zu werden. Ihre Texte speicherte sie auf Disketten, auf Floppy Disks, wie viereckige Schallplatten sahen die aus, und schickte sie per Schneckenpost zum Verlag.

Nur dass die Schneckenpost damals „Post“ genannt wurde. Damals, als man Nachrichten noch nicht postete. Wäre ihre Arbeit heute systemrelevant? Wenn sie denn noch arbeiten würde? Wohl kaum. Wer brauchte schon technische Fachtexte?!

Es war nicht einmal wichtig, dass sie ihrer toten Mutter ein letztes Mal die faltige Wange berühren, ihr das schüttere Haar aus der Stirn streichen wollte, erklärte ihr das Wesen im Schutzanzug.

Tränen durchnässten ihre Maske.

(Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Jahres 2021 stiftete Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern. Zu verarbeiten waren diese 3 Begriffe auf Einladung von Christiane in maximal 300 Wörtern. Danke für die Einladung und die Wortspende!)

Das Apartmenthaus

Im letzten Jahr hatte die Nachbarin Zetermordio geschrien, ehe die Polizei kam. Und der Krankenwagen. Und schließlich das Fahrzeug des Bestattungsunternehmens. Ihr Geschrei hatte die Böller übertönt, das Grölen der Jugendlichen vor dem Apartmenthaus, den Gesang der Betrunkenen von den Balkonen. Herr Hamsterbacke hatte, weichmütig, wie er war, den Notruf selbst abgesetzt. Mit dem brutalen Lebenspartner der Nachbarin mochte er sich nicht anlegen. Herr Hamsterbacke war nicht lebensmüde, trotz seiner Schmerzen und des Rollstuhls. 

In diesem Jahr war es still in der Nachbarwohnung. Sie stand seit zwölf Monaten leer. Niemand wollte sie haben, trotz der Wohnungsnot. Obwohl es Blödsinn war zu glauben, dass die Geister der Frau und ihrer Zwillinge darin herumspukten. Die Geräusche, die durch die Wand schnitten, waren anderen Ursprungs, sagte sich Herr Hamsterbacke jede Nacht. Er wollte nicht weg aus dem Apartmenthaus, das er seit über siebzig Jahren bewohnte. Nicht wie Frau Popescu aus dem Dachgeschoss, nicht wie Familie Popovic aus dem Souterrain, nicht wie die zwei Jungs, deren Namen er weder aussprechen noch sich merken konnte. Liebe Jungs, höflich, hilfsbereit. Manchmal hatten sie ihn besucht, um mit ihm einen Kuchen zu backen. Jetzt kamen sie nicht mehr, wohnten weiß-Gott-wo, am anderen Ende der Stadt oder der Welt.

Kein Mensch kam mehr außer dem Pfleger, der jetzt sein Gesicht hinter der Maske verstecken musste, was kein Verlust war. Nie hatte Herr Hamsterbacke den Mann lächeln sehen. Vermutlich hatte er nichts, das ihm ein Lächeln hätte entlocken können. Schon gar nicht jetzt, in der Pandemie.

Herr Hamsterbacke war dankbar, dass weder er noch sein Pfleger sich bisher angesteckt hatten. Und dass der Silvester diesmal ruhig sein würde. Schon um halb zehn hievte er sich aus dem Rollstuhl ins Bett und erwachte um Mitternacht nicht. 

Auch nicht danach. 

Nie mehr.

Endlich war das Apartmenthaus leer und ließ sich verkaufen.

(Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2021 stiftete Ludwig Zeidler. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen. Zu verarbeiten waren diese 3 Begriffe auf Einladung von Christiane in maximal 300 Wörtern. Danke für die Einladung und die Wortspende!)

Und wenn schon!

Es war nicht die Sonne, die Codrutas Haar letztlich doch gebleicht hatte. Und nein, blond geworden war es davon nicht, und silbrig schimmernde Locken würden auch nie daraus werden. Eher sahen die Strähnen aus wie schmutziger Schnee auf einem Feldweg im Frühling, fahles Grau in glanzlosem Schwarz.

Die alt werdende Frau betrachtete sich nachdenklich im spiegelnden Schaufenster des Ladens, der irgendwann in den letzten drei Wochen eröffnet worden sein musste, als sie in der Sommerküche von Erzsébet gegen ihre Grippe ankämpfte. Erzsébet war alt, mindestens neunzig, und nein, sooo alt war Codruta noch nicht. Sah man ihr das an? Dass sie dreißig Jahre jünger war als Erzsébet?

Die Grippe hatte weitere Falten in Codrutas hageres Gesicht gegraben. Neue Altersflecken schienen sich auf ihren Handflächen auszubreiten. Codruta wollte nicht überlegen, ob das auf Hautkrebs hinwies. Grübeln hatte noch nie jemandem geholfen.

Sie war eine harte Frau, hart im Nehmen, „stark“, sagten manche, „eiskalt“ fanden andere ihre Art. Vielleicht, weil es ihr nicht lag, „süße“ Tierlein auf den Schoß zu holen oder fremder Leute Babys zu knuddeln. Ihre eigene Tochter hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ob sie Kinder hatte?

***

„Knuddeln“. Was für ein idiotisches Wort. So doof wie „Frauchen“ oder „Gassi gehen“. Codruta hasste Verniedlichungen. Sie hasste Erzsébets Zwergspitz und sein widerliches Gebell, sein weißes „Fellchen“, die „Leckerlis“, die Erzsébet ihm immer zusteckte. Sie hasste auch Erzsébets „Miezekatze“ (– miez-miez! – Jere ide (komm her)!).

Seit ihre Mutter – Mamica – gestorben war, verabscheute Codruta die Viecher, diese ekligen Wesen, die mit ihren Knopfaugen alle Menschen verrückt machten.

Viecher wie den Zwergspitz Fifirica und die Siamkatze Miuta, die ihr Vater und ihre Stiefmutter mitnahmen, als sie Codruta bei der Nachbarin zurückließen.

Weil Codrutas Haar nicht so blond war wie das ihrer Stiefmutter? ihre Augen nicht so katzengrün?

***

Pfff. Und wenn schon.

(Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Alice, die diesmal die Reizwörter – Grippe, gebleicht, knuddeln– gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Der Lauf der Dinge

Nein, ein Papiertiger war Marinescu nie gewesen. Die Informationsschnipsel, die er von seinen informell Mitarbeitenden erhielt (der alte Mann lächelte, als er dieses moderne Wort dachte), mochten ihre Meldungen für belanglos halten. Sie mochten sich einbilden, „niemandem damit geschadet“ zu haben.

„Ein ausländisches Fahrzeug steht im Hof von Frau Schuster. Seit gestern. Das Kennzeichen …“

„Herr Popescu hat einen Brief nach Washington geschrieben. Die Adresse …“

„Cordelia geht jeden Nachmittag zu dieser Klavierlehrerin, von der wir vermuten, …“

„Die Klavierlehrerin hat ein Verhältnis mit einem Italiener. Er heißt …“

Klatsch, jede Mini-Information. Aber Marinescu wusste danach, dass Antonio de Luca sein Fahrzeug, einen Alfa Romeo, Kennzeichen ROMA X17538, im Hof der Klavierlehrerin Schuster parkte, die wöchentlich die kleine Cordelia Popescu mit Czerny-Etüden plagte, und dass Popescu, de Luca und Schuster miteinander von dem Bohnenkaffee tranken, den de Luca aus Rom mitgebracht hatte. Danach war es leicht, Schuster zu überreden, ihm, Marinescu, alles mitzuteilen, was sie in den Klavierstunden von den Kindern erfuhr.

Marinescu würde nie behaupten, diese Informationen hätten niemandem geschadet. Dafür war er zu ehrlich, zu anständig. Die Informationen hatten Menschen ihren Arbeitsplatz gekostet, ihren Beruf, ihre Freiheit, ihre Lebensfreude, ihr Vertrauen in ihre Verwandten und Bekannten. Das war gut so, denn diese Menschen hatten es nicht anders verdient, hatten versucht, sich dem großen Ziel entgegenzustellen.

Marinescu lauschte dem Plätschern des Springbrunnens, während er versuchte, den Kopfschmerzen zu entkommen, die ihn seit Monaten quälten. Hirntumor. Er würde bald sterben. Es war nicht wichtig, denn das große Ziel war ohnehin unerreichbar geworden: Arbeit für alle, Freiheit, Gleichheit, Vertrauen in eine sonnenhelle Zukunft.

Die Schwäne am Weiher zogen unbeirrt weiter ihre Kreise, registrierten es nicht, als der alte Mann auf der Bank sich nicht mehr regte. Ein Lebewesen weniger auf der Welt. Na und? Das war der Lauf der Dinge.

(Noch einmal: Danke an Christiane, die diese abc-Etüden betreut, und an Donka, die diesmal die Reizwörter – Papiertiger, belanglos, plätschern – gespendet hat. Wie immer waren die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu einem sinnvollen Text zu verbinden.)

Nachhaltigkeitsmarkt

Die Leute vom Letzte-Wünsche-Mobil des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten seinen Wunsch abgelehnt, aber Herr Weniger wollte nicht aufgeben.

Er sortierte seine Sachen für den veganen Nachhaltigkeitsflohmarkt, der nach den Feiertagen am Rathausplatz stattfinden sollte. Da waren die veganen Vanillekugeln, die eine Bäckereiverkäuferin ihm in den Hut geworfen hatte. Ihr Verfallsdatum war nicht abgelaufen. War Zellophan nachhaltig? Und was, wenn jemand eine Nussallergie hatte? Egal. „Nüsse“ stand auf der Ingredienzienliste des Etiketts. Man musste nur lesen können. Nur.

Herr Weniger verdrängte seinen Hunger. Vanillekugeln waren nicht gut für …

Er teilte sich lieber den Brotrest mit der Jungratte, die ihn nachts im verfallenen Schuppen neugierig beäugte. Das war besser, als sie an seinem Bärenfell nagen zu lassen, obwohl die das für einen Leckerbissen zu halten schien. Er hatte das Tier entdeckt, als der erste Herbststurm tobte, und war ihm dankbar, weil es ihn von seiner Herbstdepression ablenkte.

Inzwischen war Herrn Wenigers Diagnose abgesichert. Die Prognose: schlecht. Und jetzt hatten Weihnachtszauber und Wintersonnenwende der Winterdepression Platz gemacht.

Schneeflocken wirbelten durch die Steinwüste der Großstadt, glitten über das Glatteis der Gehwege, glitzerten im reklamebunten Licht, dämpften das Rattern der S-Bahn, das Rauschen des Autoverkehrs, das Hundegebell und das Kinderlachen im nahen Park.

Was hatte Herr Weniger noch zu bieten? Das grüne Kuscheltier, das ein Kindergartenkind ihm auf seine Schlafbank gelegt hatte. Unberührt sah es aus, verpackt in plastikbeschichteten Karton mit Guckloch. Ob es zugelassen würde? Die Teekanne, verbeult, hässlich, würde es. Zum Markt kamen vor allem junge Frauen, die alles hatten und sich das Gefühl kaufen wollten, Menschen zu helfen, die in 500 Jahren am anderen Ende der Welt (vielleicht nie) leben würden. Ob sie für seine getragene Pudelmütze  etwas gäben? Für sein rattenbenagtes Bärenfell?

Herr Weniger fror und träumte stöhnend von dem letzten Glas mit richtig gutem Rotwein, das er vom Erlös kaufen wollte.

(Dies ist ein verspäteter Beitrag zu Christianes Adventüden, frei nach dem Spruch: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt …“. Verarbeitet sind die Schlüsselwörter „Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende“ in 300 Wörtern.)

 

 

Letzter Wille

„Du musst mehr haschen, dann geht es dir besser,“, sagte Caroline, aber sie hatte unrecht. Haschen half nicht gegen die Unbehaustheit. Haschen löste keine Probleme, es dämpfte allenfalls die Schmerzen, aber wenn Johannes ehrlich war, dann musste er zugeben, dass die Betäubung die Schmerzen immer weniger in Schach hielt. Dass die Schmerzen dumpf durch die Wolkigkeit drangen, die ihnen die Droge vorzugaukeln versuchte. Dass die Droge die Probleme ansonsten eher verschlimmerte als löste, denn wenn die Apothekendosis aufgebraucht war, wenn die heimlichen Treffen mit dem schmuddligen Dealer im Stadtwald anstanden, wenn das Geld dafür akribisch eingeteilt werden musste, das Johannes in besseren Zeiten angespart hatte …

Caroline wusste nichts von diesem Geld, und er würde ihr nichts davon sagen. Er mochte sie gern, aber er traute ihr nicht. Nicht, wenn es um Geld ging. Nicht, wenn es um Drogen ging. Und sonst … nun, sonst auch nicht. Aber er würde nicht derjenige sein, der ihr sagte, dass Haschen der Anfang einer Rutschbahn sein konnte, einer Rutschbahn ins Nichts, wo einen nicht einmal die Dunkelheit mehr auffing. Er war nicht ihr Vater und nicht ihr Großvater. Sie würde ihm keine Silbe glauben.

Schade um das Mädchen, dachte der alte Mann schwermütig und horchte dem Müllfahrzeug nach, das an der Eisenbahnbrücke vorbeifuhr, unter der er saß. Vorüberwehender Verwesungsgeruch ließ ihn würgen. Johannes fror und dachte daran, dass Caroline keine Chance hatte, niemals eine gehabt hatte, niemals eine haben würde.

Warum machte ihm das ein schlechtes Gewissen? Weil er seine Chance gehabt und genutzt, weil er sein Leben gelebt und bis zur Neige ausgekostet hatte?

Vielleicht sollte er Caroline den jämmerlichen Rest seines Geldes vererben. Sollte sie doch damit machen, was sie wollte! Er zückte den Kugelschreiber und schrieb sein Testament auf einen Papierrest, den der Herbstwind unter die Brücke geweht hatte.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die zweite: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Kummer-Los

Weglaufen, irgendwohin ins Nichts, weit weg.

Oder sich klein machen, winzig, in einem Mauseloch verschwinden.

Abtauchen, im Meer, auch auf die Gefahr hin, sich vom Geruch des ekelhaft jodhaltigen Seetangs übergeben zu müssen.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nichts denken. Nichts fühlen.

Vor allem nichts fühlen.

Vor der kleinen Kapelle brannte die Oktobersonne auf die kahler werdenden bunten Bäume, und nach dem Regen dampfte der Friedhof wie ein schlecht belüftetes Gewächshaus. In der Kapelle war es kühl und dämmrig gewesen.

Joanna wurde sich bewusst, dass ihr Schwager Alfred an der Wahrheit kein Jota hatte fälschen wollen, damals, vor fünf Jahren, als er ihr versicherte, dass es niemals vorüber sein würde. Niemals?

Nein, er hatte sich geirrt, denn für ihn war es vorbei, seit einer Woche, zumindest nach menschlichem Ermessen. Kein Erinnern mehr an seinen Sohn Bernd, der sich als Fünfzehnjähriger das Leben genommen hatte. Keine Fehlschaltung mehr, dass seine Frau Beate am Wochenende wiederkäme, obwohl sie doch bei der Wanderung damals umgefallen und nicht mehr aufgestanden war.

Alfreds Kränze würden nicht so schnell welken wie vor fünf Jahren die seines Bruders Frieder. Der diesjährige Juli war wie damals heiß gewesen, selten unter 30 Grad im Schatten, fast unerträglich, aber der Juli war vorbei. Und der August. Und der September. Und vieles andere.

Joanna spürte den neu erwachten Seelenschmerz als Mantel um ihren Körper. Saß er links, wo das Herz schlug? Natürlich nicht. Er ergoss sich vom Kopf her in alle Organe, von innen nach außen, erstarrte dort wie die Schale einer Auster.

Rechts saß der körperliche Schmerz. Dort, wo Joannas Lunge nicht mehr komplett war, wo sich unter ihrer Brust eine Narbe bis zum Rücken zog. Wenn sie tief einatmete, spürte sie das Ziehen an den Rippen.

Ja, irgendwann war es wohl vorbei.

Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Jedenfalls bald.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Frank. Die drei Begriffe lauten: Gewächshaus, jodhaltig, fälschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, lieber Frank und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Unterwegs zum Opahaus

„Variabel“, erklärte Célestine ihrem Brüderchen Roman, „das heißt, es kann auch anders sein. Also, es ist nicht immer gleich, weißt du? Manchmal ist es so, und manchmal so.“

Der Zweijährige nickte: „Manmal so“, versuchte er nachzuplappern.

„Nein“, sagte die Vierjährige, „eben nicht. Das habe ich falsch gesagt, entschuldige. Manchmal ist es so, manchmal anders, wollte ich sagen. Das ist variabel.“

„Waja-el“, echote Roman.

“Genau. Und jetzt erkläre ich dir, was harmlos ist.“

„Hamloo“, wiederholte der Kleine und sah seine Schwester interessiert an. Wie schlau sie war! So schlau wollte er auch werden, wenn er groß war.

„Eine Blume ist harmlos”, sagte Célestine, „siehst du dieses Gänseblümchen? Das ist harmlos. Denn es tut niemandem weh. Wenn du niemandem wehtust, bist du harmlos. Verstehst du das?”

„Ja. Oman hamloo.”

Célestine lachte nachsichtig und sah ihren Opa an: „Wie niedlich er ist, nicht wahr, Opa?“

Der alte Mann verkniff sich ein Schmunzeln und stimmte der Enkelin zu. Roman war tatsächlich niedlich in seinem Bestreben, endlich sprechen zu lernen – aber Célestine war ebenso niedlich als seine Sprachlehrerin.

Die drei waren auf dem Weg von Célestines Kindergarten zum Opahaus, in dem die Kinder heute zum ersten Mal wieder spielen durften, seit der Opa aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

„Bist du jetzt wieder ganz gesund, Opa?“, fragte Célestine.

„Gesund genug, um auf euch aufzupassen, wenn ihr mich nicht allzu sehr ärgert und provoziert“, antwortete der alte Mann. Er würde nie wieder ganz gesund werden, aber Célestine hatte erleben müssen, dass ihre Oma gestorben war, sie musste nicht alles wissen.

„Ich mag es auch nicht, wenn Roman mich provoziert“, sagte das kleine Mädchen. „Weißt du, was das heißt, Roman? Das ist, wenn du mich so ärgerst, dass ich mit dir schreien muss, obwohl ich nicht will. Das stimmt doch, Opa, oder?“

„Ja“, sagte der alte Mann.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Alice und ihrem Blog Make a choice Alice. Die drei Begriffe lauten: Roman, variabel, entlassen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, liebe Alice und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Lebenslänglich

Aufwachen, den Traum vom Lieblingsmann vertreiben, der längst tot ist, weinen, frühstücken, aufstehen, duschen, Zähne putzen. Vormittagstraining mit Einkaufen.

Einkauf einräumen, Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffnen, lektorieren. Rechner hinunterfahren, Gemüse schnipseln, anbraten, ablöschen, aufessen.

15 Minuten schlafen, Nachmittagstraining (Nordic Walken statt Joggen), Kaffee trinken (ohne Koffein, ohne Kuchenbeilage), Rechner hochfahren, Lektoratsdatei öffen, lektorieren, Rechner hinunterfahren.

Abendessen vorbereiten (auch für Enkelsohn und Schwiegertochter), Abendessen mit Enkel und Schwiegerkind. Spaziergang zum Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Und zurück. Aufräumen, Spülen, Bett aufdecken. Schlafen gehen.

Jeden Tag. Ohne jede Abweichung, unabwendbar.

Anna-Maria hatte, als sie ethnologische Geriatrie studierte, die Wissenschaft vom alltäglichen Umgang der Menschen mit dem eigenen Altern, nie gedacht, dass sich ihre eigene Lebenswelt einmal so verengen könnte, wie sie es jetzt tat. Wie auch ihre Bronchien es taten, wenn sie nicht täglich ihr Bewegungstraining absolvierte, das sie so viel Arbeitszeit kostete.

Oft überlegte sie zwischen zwei zu kürzenden Absätzen ihres Lektoratstextes, heimlich von der Arbeit abschweifend und sie dadurch in die Länge ziehend, warum sie nicht einfach mit der Erwerbstätigkeit aufhören konnte. Manchmal öffnete sie dann hoffnungsvoll ihre Finanzdatei und prüfte die Daten. Und dann wusste sie es wieder: Weil es nicht reichte. Weil die Miete zu hoch war. Und die Rente zu niedrig würde.

Noch zwei Jahre aushalten. Nein, noch zwei Jahre und neun Monate, die 65-Jahres-Frist war ja verlängert worden, und wenn Anna-Maria auch noch nicht zu den Unglücklichen gehörte, die bis zum 67. Lebensjahr arbeiten mussten, bekäme sie doch ihre Rente auch noch nicht mit 65.

Nie hatte sie gedacht, dass sie danach nicht weiterarbeiten wollen würde. Aber dann, jetzt, war sie alt geworden, und krank, und müde, und einsam.

Sie hatte immer bis zum Lebensende arbeiten wollen, auch im Ruhestand, aus Spaß an der Freude. Vielleicht, fürchtete sie, würde ihr das gelingen. Dann gäbe es keinen Ruhestand mehr.

(3 Begriffe – hier: Abweichung, unabwendbar und verengen – in maximal 300 Wörter zu einer kleinen Geschichte verquicken – das war wie immer die Herausforderung von Christiane , diesmal mit der Wortspende von Werner Kastens. Danke euch beiden! Und allen Lesenden zur Information: Ich bin NICHT Anna-Maria.)

Diesmal nicht

Nie wieder.

Nie wieder wollte Dietmar in diese Falle tappen, in diese Falle des Nie-wieder-das und Nie-wieder-jenes. Zu nahe lag die Schlussfolgerung eines Alles-ist-aus.

Stattdessen wollte Dietmar das Leben genießen, verdammt noch mal! Er wollte den fiesen, märzlichen Nieselregen genießen, den Wind, der so schneidend um die Häuserecken pfiff, dass nur der Februar ihn geschickt haben konnte, er wollte den Cappuccino genießen, mit drei Päckchen Zucker, jawoll, und in die Doboschtorte beißen, für die das Café Nirgendwo berühmt war.

Er wollte die Osterglocken auf seinem Tischchen bewundern, und er wollte nicht an Herbert denken, der nie wieder mit ihm über die Regenschirme lachen würde, die der Wind gnadenlos zu Waschschüsseln umdrehte.

Dass er sich nie wieder zu einem Halbmarathon anmelden würde, nicht mit und jetzt auch nicht mehr ohne Herbert, nie wieder den Fünfzehn-Kilometer-Berglauf mitmachen – Schwamm drüber.

Dietmar würde auch nie wieder arbeiten können, nicht als Gärtner (die einzige Arbeit, die in seinen Augen sinnvoll war), und er würde nie wieder Bodo hinterherlaufen, wenn der freier als erlaubt durch den Wald stromerte. Bodo war zu schnell, Bodo war zu unberechenbar, Bodo überforderte Dietmar. Er würde Bodo verschenken und sich nie wieder einen Hund anschaffen.

Nie wieder.

Verdammt.

Jetzt war sie doch zugeschnappt, die Falle, die ihm nach Herberts Tod die Lust am Weiterleben verdorben hatte.

Aber diesmal nicht, knurrte Dietmar, so laut, dass seine Tischnachbarn zu ihm hinübersahen.

Diesmal lasse ich mir den Rest Leben nicht vermiesen, den der Krebs mir gelassen hat.

Denn das Leben ist schön, verdammt, jawoll! Und wenn er die Operation letzte Woche nicht überlebt hätte, könnte er nicht zusehen, wie die Frühlingsfliege auf der Papierserviette die Beinchen aneinander rieb.

Nein, nie wieder in diese Falle tappen!

Nicht Dietmar!

Ein Cappuccinotropfen kitzelte seinen Bart. Dietmar fing ihn mit der Zunge auf.

Wieso schmeckte er nach Salz?

(Ich mache nach langen Wochen mal wieder mit beim Schreibprojekt von Christiane. Drei Schlüsselwörter sind mit 297 anderen Wörtern zu einer kleinen Geschichte zu kombinieren. Die Wörter dafür – Café, verdorben, beißen – spendete diesmal Rina. Danke euch beiden!)