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Letzter Wille

„Du musst mehr haschen, dann geht es dir besser,“, sagte Caroline, aber sie hatte unrecht. Haschen half nicht gegen die Unbehaustheit. Haschen löste keine Probleme, es dämpfte allenfalls die Schmerzen, aber wenn Johannes ehrlich war, dann musste er zugeben, dass die Betäubung die Schmerzen immer weniger in Schach hielt. Dass die Schmerzen dumpf durch die Wolkigkeit drangen, die ihnen die Droge vorzugaukeln versuchte. Dass die Droge die Probleme ansonsten eher verschlimmerte als löste, denn wenn die Apothekendosis aufgebraucht war, wenn die heimlichen Treffen mit dem schmuddligen Dealer im Stadtwald anstanden, wenn das Geld dafür akribisch eingeteilt werden musste, das Johannes in besseren Zeiten angespart hatte …

Caroline wusste nichts von diesem Geld, und er würde ihr nichts davon sagen. Er mochte sie gern, aber er traute ihr nicht. Nicht, wenn es um Geld ging. Nicht, wenn es um Drogen ging. Und sonst … nun, sonst auch nicht. Aber er würde nicht derjenige sein, der ihr sagte, dass Haschen der Anfang einer Rutschbahn sein konnte, einer Rutschbahn ins Nichts, wo einen nicht einmal die Dunkelheit mehr auffing. Er war nicht ihr Vater und nicht ihr Großvater. Sie würde ihm keine Silbe glauben.

Schade um das Mädchen, dachte der alte Mann schwermütig und horchte dem Müllfahrzeug nach, das an der Eisenbahnbrücke vorbeifuhr, unter der er saß. Vorüberwehender Verwesungsgeruch ließ ihn würgen. Johannes fror und dachte daran, dass Caroline keine Chance hatte, niemals eine gehabt hatte, niemals eine haben würde.

Warum machte ihm das ein schlechtes Gewissen? Weil er seine Chance gehabt und genutzt, weil er sein Leben gelebt und bis zur Neige ausgekostet hatte?

Vielleicht sollte er Caroline den jämmerlichen Rest seines Geldes vererben. Sollte sie doch damit machen, was sie wollte! Er zückte den Kugelschreiber und schrieb sein Testament auf einen Papierrest, den der Herbstwind unter die Brücke geweht hatte.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die zweite: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Kummer-Los

Weglaufen, irgendwohin ins Nichts, weit weg.

Oder sich klein machen, winzig, in einem Mauseloch verschwinden.

Abtauchen, im Meer, auch auf die Gefahr hin, sich vom Geruch des ekelhaft jodhaltigen Seetangs übergeben zu müssen.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nichts denken. Nichts fühlen.

Vor allem nichts fühlen.

Vor der kleinen Kapelle brannte die Oktobersonne auf die kahler werdenden bunten Bäume, und nach dem Regen dampfte der Friedhof wie ein schlecht belüftetes Gewächshaus. In der Kapelle war es kühl und dämmrig gewesen.

Joanna wurde sich bewusst, dass ihr Schwager Alfred an der Wahrheit kein Jota hatte fälschen wollen, damals, vor fünf Jahren, als er ihr versicherte, dass es niemals vorüber sein würde. Niemals?

Nein, er hatte sich geirrt, denn für ihn war es vorbei, seit einer Woche, zumindest nach menschlichem Ermessen. Kein Erinnern mehr an seinen Sohn Bernd, der sich als Fünfzehnjähriger das Leben genommen hatte. Keine Fehlschaltung mehr, dass seine Frau Beate am Wochenende wiederkäme, obwohl sie doch bei der Wanderung damals umgefallen und nicht mehr aufgestanden war.

Alfreds Kränze würden nicht so schnell welken wie vor fünf Jahren die seines Bruders Frieder. Der diesjährige Juli war wie damals heiß gewesen, selten unter 30 Grad im Schatten, fast unerträglich, aber der Juli war vorbei. Und der August. Und der September. Und vieles andere.

Joanna spürte den neu erwachten Seelenschmerz als Mantel um ihren Körper. Saß er links, wo das Herz schlug? Natürlich nicht. Er ergoss sich vom Kopf her in alle Organe, von innen nach außen, erstarrte dort wie die Schale einer Auster.

Rechts saß der körperliche Schmerz. Dort, wo Joannas Lunge nicht mehr komplett war, wo sich unter ihrer Brust eine Narbe bis zum Rücken zog. Wenn sie tief einatmete, spürte sie das Ziehen an den Rippen.

Ja, irgendwann war es wohl vorbei.

Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Jedenfalls bald.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Frank. Die drei Begriffe lauten: Gewächshaus, jodhaltig, fälschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, lieber Frank und liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Diesmal nicht

Nie wieder.

Nie wieder wollte Dietmar in diese Falle tappen, in diese Falle des Nie-wieder-das und Nie-wieder-jenes. Zu nahe lag die Schlussfolgerung eines Alles-ist-aus.

Stattdessen wollte Dietmar das Leben genießen, verdammt noch mal! Er wollte den fiesen, märzlichen Nieselregen genießen, den Wind, der so schneidend um die Häuserecken pfiff, dass nur der Februar ihn geschickt haben konnte, er wollte den Cappuccino genießen, mit drei Päckchen Zucker, jawoll, und in die Doboschtorte beißen, für die das Café Nirgendwo berühmt war.

Er wollte die Osterglocken auf seinem Tischchen bewundern, und er wollte nicht an Herbert denken, der nie wieder mit ihm über die Regenschirme lachen würde, die der Wind gnadenlos zu Waschschüsseln umdrehte.

Dass er sich nie wieder zu einem Halbmarathon anmelden würde, nicht mit und jetzt auch nicht mehr ohne Herbert, nie wieder den Fünfzehn-Kilometer-Berglauf mitmachen – Schwamm drüber.

Dietmar würde auch nie wieder arbeiten können, nicht als Gärtner (die einzige Arbeit, die in seinen Augen sinnvoll war), und er würde nie wieder Bodo hinterherlaufen, wenn der freier als erlaubt durch den Wald stromerte. Bodo war zu schnell, Bodo war zu unberechenbar, Bodo überforderte Dietmar. Er würde Bodo verschenken und sich nie wieder einen Hund anschaffen.

Nie wieder.

Verdammt.

Jetzt war sie doch zugeschnappt, die Falle, die ihm nach Herberts Tod die Lust am Weiterleben verdorben hatte.

Aber diesmal nicht, knurrte Dietmar, so laut, dass seine Tischnachbarn zu ihm hinübersahen.

Diesmal lasse ich mir den Rest Leben nicht vermiesen, den der Krebs mir gelassen hat.

Denn das Leben ist schön, verdammt, jawoll! Und wenn er die Operation letzte Woche nicht überlebt hätte, könnte er nicht zusehen, wie die Frühlingsfliege auf der Papierserviette die Beinchen aneinander rieb.

Nein, nie wieder in diese Falle tappen!

Nicht Dietmar!

Ein Cappuccinotropfen kitzelte seinen Bart. Dietmar fing ihn mit der Zunge auf.

Wieso schmeckte er nach Salz?

(Ich mache nach langen Wochen mal wieder mit beim Schreibprojekt von Christiane. Drei Schlüsselwörter sind mit 297 anderen Wörtern zu einer kleinen Geschichte zu kombinieren. Die Wörter dafür – Café, verdorben, beißen – spendete diesmal Rina. Danke euch beiden!)

Ab heute

Oh, sie liebte ihn, sie liebte ihn so sehr, dass es wehtat, immer noch, nach fast drei Jahren. So vieles erinnerte sie an ihn, profane Dinge, Kleinigkeiten, Düfte, Melodien. Sie sah ihn vor sich, während sie die Möhren und Süßkartoffeln pürierte, denn Gemüse zu pürieren hatte sie von ihm gelernt. Sie dachte an ihn, während sie die Sonnenkollektoren am Dach gegenüber betrachtete. Er hatte auch Sonnenkollektoren für ihr Dach gewollt. Es war nicht mehr dazu gekommen, und sie hatte die Prospekte in den Papiermüll geworfen.

Manchmal war er ein Bruudler gewesen, so nannte ihn zumindest seine Mutter, eine Stuttgarterin, die nun auch schon seit fünf Jahren unter der Erde lag, und tatsächlich bruudelte und brummte er oft wie ein bräsiger Bär. Er mochte es, Dialekte zu mischen, Nord mit Süd, Ost mit West, von allem streute er etwas in seine Sprache.

Quer durch die Republik waren sie gezogen, hatten alle drei Jahre im Schnitt anderswo neu angefangen, hatten jahrzehntelang von April bis Oktober gedacht und von Oktober bis April, von Uni-Semester zu Uni-Semester, bis sie hier gestrandet waren, in diesem Nest in der Pampa von Hinterpfuiteufelshausen, wo es außer der Universität nichts gab, wo sie nie hin gewollt hatten und wo er eines hässlichen Morgens einfach nicht mehr aufwachte.

Da lag jetzt seine Asche auf dem Friedhof unter dem Märzschnee und der schwarzen Steinplatte, und sie stand davor und gratulierte ihm zum Geburtstag und liebte ihn immer noch, und sie spürte den Krampf in ihrem Magen und weinte nicht, denn sein Geburtstag war ein fröhlicher Tag, für den sie dankbar war und den sie nachher feiern würde, mit ihrer Tochter und ihrem Sohn und den Enkelkindern, sie würde eine Tradition daraus machen, nahm sie sich vor, jawohl, eine Tradition – ab heute.

(Mit freundlichem Dank an Christiane für ihre Schreibeinladung zu den abc-Etüden, sowie an   Nina Bodenlosz, von der diesmal die 3 Worte – Sonnenkollektoren, bräsig, pürieren – stammen, die in maximal 10 Sätze zu fassen waren.)

Januarstollen

„Magst du noch ein Stück Christstollen?“

Nicki sah aus dem Fenster in den verregneten Januartag hinaus, der noch vor der kleinen Birke am Gartenzaun im Nebel verschwamm. Die Welt versank, genau wie Nicki selbst, im winterlichen Blues, in einer Melancholie, einer nicht enden wollenden Traurigkeit, von der Nicki langsam befürchten musste, dass sie in eine Depression münden würde. Und sie wusste zu gut, was das bedeutete.

Sie müsste sich ihr Trainingszeugs anziehen und joggen gehen, hinaus in den Nieselregen, eine Stunde oder besser zwei, aber sie hatte nicht mehr genug Willenskraft, das auch zu tun.

Aber Christstollen?

Ihr Magen rebellierte gegen den ganzen Süßkram, den sie seit Ende November von ihrer Tante Evelyn, ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer alten Nachbarin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorgesetzt bekam, gegen die Nikoläuse und Schokoschneemänner, die Dominosteine und Vanillekipferl, die Lebkuchen und den Spekulatiuspudding, in dem die letzten Keksreste „sinnvoll“ verwertet worden waren.

Warum nur glaubten alle, mit dieser Zuckertherapie sei ihr geholfen? Gian-Luca würde nicht wiederkommen, er würde nie erfahren, dass ihr Magen nicht nur wegen des Zuckers rebellierte, dass es keineswegs nur der Magen war, dass sein sehnlichster Wunsch sich erfüllt hatte.

Es war nicht Nickis Wunsch gewesen, dieses Kind, das in ihr wuchs, aber sie wusste, jetzt, da es Gian-Luca nicht mehr gab, würde sie es nicht über sich bringen, es nicht zu bekommen oder nicht zu behalten, und sie hoffte nur, sie würde es lieben und ihm gerecht werden können, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das schaffen sollte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür. Hier ist die Geschichte Nummer 2.)

Weiße Weihnacht

Nie hatte Herr Molinar verstanden, warum seine Rose sich zu Weihnachten Schnee wünschte, denn er selbst vermisste die Sonne und den Strand. Immer noch. Nach achtzig Jahren Nordhalb­kugel. Kindheitserfahrungen ließen sich nicht so leicht auslöschen.

Herr Molinar fröstelte. Es war kalt, nass und windig. Ungemütlich kalt, aber nicht kalt genug für Schnee. Herr Molinar stand am Fenster und sah den kahlen Bäumen zu, die ihre spitzen, schwarzen Äste windgebeutelt in den Himmel stachen. In einen Himmel ohne Farbe und Struktur, aus dem unablässig der Winterregen tropfte. Seit Tagen schon. Oder waren es Wochen? Manchmal peitschte der Wind das Wasser in Schnüren vor sich her wie heute, manchmal sickerte es einfach durch die Luft und durchdrang die ganze Welt.

Auf der Fensterscheibe sammelten sich die Regentropfen und rannen in kleinen Bächen abwärts, seltsam schräge Wege sich bahnend, bis sie sich im Nichts des Glases verloren oder unten am Fensterrahmen sammelten. Regenbäche. Tränenbäche des Himmels.

Herr Molinar hatte keine Tränen mehr. Er hatte sich leer geweint in den letzten Wochen, in den letzten Monaten. Wie viele Wasserflaschen hatte er ausgetrunken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen? Er wusste es nicht mehr, er hatte nicht mitgezählt. Aber er wusste, dass der Vorrat im Keller fast aufgebraucht war. Für das Auffüllen des Vorrats war Rose verantwortlich gewesen. Sobald der Vorrat aufgebraucht war, würde Herr Molinar das Wasser aus dem Hahn trinken. Es war gutes Wasser, und Herr Molinar hatte das Sprudelwasser, das Rose bevorzugte, ohnehin nicht so gern gemocht wie sie.

Niemand hatte Herrn Molinar je weinen gesehen. Wie auch? Herr Molinar lebte allein, sein Haus war kilometerweit entfernt von den zwei nächsten Nachbarhäusern. Seit er nicht mehr Auto fuhr (er würde Roses Wagen demnächst verkaufen müssen) und die Balance auf dem Fahrrad nicht mehr halten konnte, kam er nicht so einfach in die Stadt. Und niemand kam zu ihm heraus. Bei den Videotelefonaten mit der Tochter zeigte er sich stark, das war er seinem Mädchen schuldig. Sie konnte und sollte nicht von Amsterdam in seine Eifel-Wildnis reisen, um ihm beizustehen. Er wollte das nicht. Er schaffte es allein.

Marita hatte ihre Tochter, ihre Enkelkinder, ihren Mann, und dazu immer noch ihren Beruf, ihre Aktivität in der Friedensbewegung. Das war mehr als genug für einen einzelnen Menschen. Sie sollte sich nicht zusätzlich um ihren alten Vater sorgen. Manchmal wirkte sie recht müde am Bildschirm. Herr Molinar erinnerte sich noch gut an seine eigenen letzten Jahre vor dem Ruhestand. Es war nicht einfach gewesen, mit den jüngeren Kollegen mitzuhalten.

„Bist du an Heiligabend bei uns?“ fragte Marita bei ihrem vorletzten Videotelefonat.

„Nein“, sagte er, „bei euch ist mir ein wenig zu viel Trubel, sei mir nicht böse.“

„Wie du willst“, sagte sie. „Ich dachte ja nur. Ich hätte dich gern hier gehabt, das weißt du hoffentlich. Mareike und ihre Familie sind auch da, zugegeben, und ihre Mädels sind vielleicht wirklich ein bisschen wild.“ Mareike war Herrn Molinars Enkelin und Maritas Tochter.

„Ich weiß“, sagte er. Marita sollte nicht einmal daran denken, dass er sich vor der Bahnfahrt nach Amsterdam fürchtete. Und sie sollte nicht wissen, dass er sie schonen wollte.

Rose hatte diese Bahnfahrten immer organisiert. Sie besorgte die Fahrkarten im Internet, sie packte die Koffer, sie bestellte den Haus-zu-Haus-Service, sie dachte an alles. Sie fand sich auf den fürchterlichen Baustellen zurecht, die sich heutzutage Bahnhöfe nennen, sie fand immer auf Anhieb die reservierten Sitzplätze und vergaß niemals, die Karten mitzunehmen und ihren Personalausweis einzustecken. Sie dachte auch an Herrn Molinars Ausweise. Sie hatte immer alle Medikamente dabei, und sie wusste, wo sie selbst und Herr Molinar die Krankenkassen-Karten hatten.

Zugegeben: Wenn Herr Molinar nachdachte, wusste er es meistens auch. Er war zu Recht stolz auf sein immer noch gutes Gedächtnis. Und er konnte auf Roses Checklisten zurückgreifen. Seine Augen waren noch gut genug, um ihre klare, große Handschrift lesen zu können. Sie hatte mit schwarzen Stiften geschrieben, weil sie zum Lesen starke Kontraste brauchte, wegen ihrer Makula-Degeneration. Das kam jetzt auch Herrn Molinar zugute, obwohl er sich das nicht so gern eingestand. Starke Kontraste halfen definitiv beim Sehen.

Er dachte in letzter Zeit oft an den Traum, den er jahrelang immer wieder in abgewandelter Form geträumt hatte, nachdem er schon lange mit Rose zusammengekommen war. Es war kein echter Albtraum gewesen, er hatte sich sogar ein bisschen tröstlich angefühlt, und doch …

In dem Traum war er wieder allein, ohne Rose, wie zu der Zeit, bevor er mit ihr zusammengekommen war, und er konnte alles machen, was er früher gemacht hatte. Er traf sich mit Freunden, er lachte mit ihnen, er grillte mit ihnen, er scherzte mit ihnen und probierte neue Backrezepte aus, für sich und seine Freunde, und er ging diszipliniert seiner Arbeit nach. Herr Molinar war Gärtner. Nein, nicht gewesen: Gärtner blieb man sein Leben lang, fand Herr Molinar. Es war nicht einfach ein Beruf wie jeder andere.

„Einmal Gärtner, immer Gärtner!“, sagte er oft. Es war nicht wirklich schrecklich, dass Rose nicht mehr da war, fand Herr Molinar in seinen Träumen. Es ging alles auch ohne sie. Es war nur … es war … es war eben keine Rose mehr da. Wie schön es gewesen war, dann aufzuwachen und Rose neben sich zu sehen!

„Was wünschst du dir zu Weihnachten?“ Maritas Frage beim vorletzten Telefonat machte es Herrn Molinar schmerzlich bewusst, dass es diesmal kein Aufwachen gab wie sonst.

„Deine Mama soll wieder da sein“, sagte er. Maritas Schweigen in der Leitung war schwerer zu ertragen als ihre verspätete Antwort.

„Du weißt, dass das nicht geht, Papa.“

„Ich weiß.“ Von dort, wo Rose jetzt war – zumindest hoffte Herr Molinar, dass sie irgendwo war, dass es sie irgendwie noch gab – von dort kam niemand zurück.

Niemals wieder würde Herr Molinar in ihrer gemeinsamen Wohnküche für sie kochen oder backen, niemals mehr würde er mit ihr über den Kater Karle lachen und ihm schimpfend verbieten, lebendige Mäuse von der Terrasse ins Esszimmer zu schleppen. Niemals würde er sie wieder bitten, die alte Hündin nicht unter dem Tisch mit Leckerbissen zu mästen und sich nie wieder mit ihr darum kabbeln, wer dran war, die Dusche sauberzumachen.

Meist hatte Herr Molinar diese Kabbelei verloren. Er wusste, dass er viel öfter duschte als Rose, die lieber badete, also war es nur recht und billig, dass er auch öfter die Dusche schrubbte. Es fiel ihm nur zunehmend schwerer, und Rose war noch so jung! Sie bückte sich, ohne zu ächzen, sie rannte jeden Morgen bis zur Nachbarin und mit ihr dann noch fünf Kilometer durch den Wald, sie fuhr, wenn es sein musste und zu viel Gepäck zu schleppen gewesen wäre, noch hunderte Kilometer allein mit dem Auto, sie erledigte die Post und den Einkauf, führte den Geburtstagskalender und fütterte die Tiere. Sie mähte sogar den Rasen, wenn Herrn Molinars Rücken mal wieder nicht so wollte wie Herr Molinar es gern gehabt hätte, und sie schnitt nach seiner Anweisung die Hecke, die zwei Meter hoch das Grundstück einfriedete.

Klar, all das konnte Herr Molinar selbst, wenn er gerade keine Schmerzen hatte und wenn er nicht vergaß, was noch alles zu tun war. Er hatte es vor sechzig Jahren auch gekonnt, ehe er Rose kennenlernte. Sie wusste vieles damals noch nicht, aber sie lernte schnell.

„Ist doch gar nicht schwer, mein Kürbis“, sagte sie oft.

Als sie ihn zum ersten Mal „Kürbis“ nannte, war er beleidigt.

„Wieso Kürbis?“ fragte er.

„Weil du so aussiehst“, sagte sie und lachte. „Orange Haare, oranger Anzug, rundum rund und unten dran ein Doppelstiel. Ich liebe Kürbisse! Und ich liebe dich!“

Den orangen Anzug trug er damals, weil er bei der Autobahnmeisterei arbeitete und für die Gärtnerarbeit am Mittelstreifen von Autobahnen zuständig war. Eine gefährliche Arbeit. Mehr als einen Kollegen hatte es während der vielen Jahre seiner Tätigkeit dort erwischt. Einer war von einem Lastwagen gestreift worden, ein anderer hatte den Crashkurs eines Ferraris nicht überlebt, ein weiterer war unter die Räder eines wild gewordenen Busses geraten. Herr Molinar selbst war auch einmal in einen Unfall verwickelt gewesen, ein Motorrad durchbrach damals die Leitplanke, aber er war mit Rippenbrüchen und einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen. Danach ging er die restlichen fünf Jahre jeden Tag mit Angst an seinen Arbeitsplatz.

Dreißig Jahre war das inzwischen wieder her, unglaublich! Dreißig Jahre lang im eigenen Garten, ohne Angst vor rasenden Autos, ohne ihren ständigen Lärm in den Ohren. Herr Molinar genoss die Stille, die im Sommer hinter den Vogelstimmen und dem Grillenzirpen wohnte, irgendwo jenseits des Gartenzauns an den grünen Hängen der Berge.

Grüngrau sahen sie jetzt aus. Schmutziggrau. Rose hasste die Eifel in schneelosen Wintern.

„Wie begraben ist man hier!“, sagte sie immer. „Ich will das nicht! Ich will raus hier – ich fühle mich noch nicht alt genug für diesen Friedhof!“ Und dann fuhren sie, ganz spontan, nach Köln oder Koblenz, nach Luxemburg oder wenigstens nach Bad Münstereifel. Rose liebte den Trubel der Städte, die Einkaufsstraßen, die Lichter, die Theater, Konzert- und Ballettvorstellungen. Sie ging gern in Vorträge oder trank einfach einen Latte macchiato in einem netten Café. Nur zwanzig Jahre war sie älter als ihre gemeinsame Tochter Marita, und sie war ständig aktiv und „fit wie ein Turnschuh“, wie die Nachbarin zu sagen pflegte, mit der sie jeden Morgen joggte.

„Ihre Frau steckt mich locker in die Tasche mit ihrem Tempo, Herr Molinar, obwohl ich fünfzehn Jahre jünger bin als sie“, behauptete sie einmal, und Herr Molinar konnte sich das gut vorstellen. Es passte zu Rose. Als Ballettlehrerin musste sie immer fit sein und immer fit bleiben, und bis zuletzt hatte sie einzelnen Schülerinnen in Bad Münstereifel das Tanzen beigebracht. Auch Ballettlehrerin war kein Beruf wie jeder andere, fand Herr Molinar.

Er hatte nie mit seiner Frau getanzt.

„Macht nichts“, sagte sie, „du bist doch mein Kürbis. Und Kürbisse tanzen nicht. Aber sie sind süß! Tänzer habe ich genug, wo immer ich hinkomme. Aber einen Kürbis wie dich gibt es nur einmal.“

Nie wieder würde jemand „Kürbis“ zu ihm sagen, und niemand wusste um diesen Spitznamen, nicht einmal Marita.

„Kürbis“, murmelte Herr Molinar in seinen Bart und beobachtete weiter die Tropfen, die am Fenster zu Regenbächlein zusammenflossen. Der weiße Bart war ein wenig verschmiert vom gestrigen Frühstücksei und dem Spinat, der heute Mittag bei „Essen auf Rädern“ dabei gewesen war. Das hätte Rose nicht geduldet.

„Kürbis“, hätte sie gesagt, „du musst deinen Bart sauber machen. Der Postbote braucht nicht zu wissen, was du gegessen hast!“

Sein Vater früher formulierte ähnliche Kritik weniger freundlich: „Wie ein Schwein siehst du aus, Sohn“, sagte er, wenn der Junge mit marmeladeverschmiertem Kindergesicht von der Schule heimkam. „Wenn du nicht besser aufpassen kannst, wie du isst, gibt es künftig nur noch trocken Brot in die Brotdose!“ Eine schlimme und nie wahrgemachte Drohung für den Jungen, der am liebsten nur die Marmelade vom Brot geschleckt und das Brot in den Abfall geworfen hätte.

„Kürbis“, sagte Rose oft, „das Brot verdient der Mensch am schwersten. Aber du lässt es einfach stehen, alles andere ist dir wichtiger. Dabei ist Brot so praktisch. Nie würde es dir den Bart verschmieren.“

Aber Herr Molinar mochte trocken Brot nach wie vor nicht, und was der Postbote wusste oder dachte, war ihm gleichgültig.

Er drehte sich weg vom Fenster und sah in das dämmerdunkle Wohnzimmer. Kein Tannengrün in diesem Jahr, kein Weihnachtsstern, kein Winterstrauß, kein Adventskranz. Das war immer Roses Zuständigkeit gewesen. Unnütz und geschlossen stand der Flügel in einer Ecke, ungespielt seit Monaten. Keine Rose entlockte ihm mehr Weihnachtsmusik.

Wie sie früher zusammen gelacht hatten über das Lied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“! Herr Molinar stellte sich immer Rose dabei vor, Rose bei einem ihrer beeindruckenden Ballettsprünge, deren Namen er sich niemals merken konnte. Er war und blieb halt, dachte er und grinste schief dazu, doch ein Kürbis.

Warum hatte Rose bloß umfallen müssen, beim Joggen, einfach so? Warum hatte genau in dem Moment ein Auto kommen müssen? Warum war da diese überfrorene Pfütze gewesen, diese einzige, die das Auto am Anhalten hinderte? Obwohl der ganze Rest des Weges nicht überfroren war? Es war doch schon April! Warum war Rose gerade an diesem Tag allein gejoggt statt mit der Nachbarin?

Morgen, wenn es Herrn Molinar wieder besser ging und sein Rücken nicht mehr so höllisch weh tat, würde er für seine Rose ein Tannenbäumchen aus dem Garten holen und zum Friedhof bringen. Vielleicht fiele ihm sogar ein, wo sie den Baumschmuck immer hin räumte, dann würde er es auch schmücken. Das gefiele ihr gut, war sich Herr Molinar sicher. Auch wenn heute schon der zweite Weihnachtstag war. Am Heiligabend hatte Herr Molinar per Videotelefonat den bunt beleuchteten Baum von Marita gesehen, das hatte ihm genügt. Aber Rose hätte einen eigenen Baum haben wollen. Nur … der Rücken …

„Herr“, betete Herr Molinar und sah dabei blicklos zum Foto von Rose, das in der Dunkelheit kaum mehr zu erkennen war, „Herr im Himmel, wenn schon Rose nicht wiederkommen kann, dann schicke diesmal wenigstens Schnee. Schnee, der ihr Grab bedeckt. Sie hat Schnee so geliebt, Herr.“

Der Sturm rüttelte so heftig an der Terrassentür des alten Hauses, dass die beiden Tiere sich unter dem Couchtisch versteckten. Durch alle Ritzen drang die Kälte ins Wohnzimmer. Fröstelnd tastete sich Herr Molinar wieder zum Fenster zurück, um die Rollläden hinunter zu kurbeln. Er wollte das Licht im Wohnzimmer anschalten, kam aber an den Schalter fürs Terrassenlicht.

Und da sah er es: Schneeflocken, dichte, große Schneeflocken wirbelten durch die Nacht, setzten sich aufs Dach des Gartenhauses, überzuckerten die Backsteine der alten Terrasse. Es würde wohl doch eine weiße Weihnacht geben. Diese Nacht des zweiten Weihnachtstages. Eine Weihnacht nach Roses Geschmack.

„Danke, Gott“, murmelte Herr Molinar.

Rosa Wolken

„Wegrennen müsstest du“, empfiehlt der Schmerz.

„Nein. Du gehörst ins Mauseloch, ganz tief hinten hinein, in ein Versteck, in dem dich keine Katze findet“, widerspricht der Kummer.

„Du musst schreien, das hilft“, sagt die Traurigkeit.

„Genau. Und einen Sandsack hauen“, schreit die Wut.

„Nein“, beharrt der Schmerz, „du musst rennen, rennen, rennen. Rennen, bis du nicht mehr kannst. Bis die Puste dir ausgeht. Bis du zusammenbrichst und nur noch Sterne vor den Augen siehst.“

„Ja“, stimmt das Leid zu. „Rennen hilft. Aber weit weg muss es sein. Irgendwohin, wo niemand dich kennt, wo die Sonne scheint, wo nichts mehr wehtun kann.“

„Hilft nicht“, meldet sich wieder der Kummer. „Versteck dich einfach in der Badewanne. Schließ ab, damit niemand dich stören kann. Lass warmes Wasser über dich fließen und denk an nichts. Wenn du das nicht kannst, lies ein Buch und denk an die Probleme anderer Menschen.“

„Quatsch! Du musst funktionieren. Alles andere ist nicht wichtig“, schimpft aus dem Hintergrund die Pflicht. „Du bist schließlich nicht allein auf der Welt. Du hast gesunde Arme und Beine und Augen und Ohren  und Hände und überhaupt, du hast ein Dach über dem Kopf und genug zu essen, was willst du eigentlich?“

„Du gehörst ins Bett“, bestimmt die Depression, „du kannst sowieso nicht arbeiten. Und ob du etwas isst oder nicht, kann dir egal sein. Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen.“

„Blödsinn“, brüllt der Hunger aus der Küche, „essen ist wichtig! Viel Zucker, das hilft! Eis wäre gut. Und Schokolade. Und Kuchen.“

„Du solltest ein wenig lustiger sein“, flüstert die Lebensfreude, wird aber sofort vom Selbstmitleid und der Angst ausgemobbt, wie immer, wenn sie versucht, sich mit ihrem leisen Stimmchen in die Diskussion einzubringen. Brutal tritt ihr die Verzweiflung gegen das Schienbein, leert ihr den spärlich gefüllten und abgegriffenen rosa Ranzen aus und dreht ihr die mageren Arme auf den Rücken.

„Also bleiben wir unten?“, fragen die Jalousien.

„Also deckt mich niemand für den Tag um?“, erkundigt sich das Bett.

„Ich weiß nicht“, sagt der Verstand, „ich kann euer Chaos nicht mehr ordnen.“

„Das stimmt auffällig“, bestärken ihn die Tränendrüsen, „da hilft nur eine gründliche Feuchtreinigung.“

„Es gibt keine Antworten“, verkündet die Todessehnsucht. „Aber es gibt ein Ende.“

„Auf jeden Fall“, traut sich die Lebensfreude nicht auszusprechen, „nur noch nicht jetzt.“

Und heimlich, still und leise holt sie ihre alte Sprühdose aus dem Versteck in der Seitentasche ihres in die Ecke geworfenen Ranzens und sprüht rosa Wolken in den Raum, die für einen kurzen Moment nach Sommer und Vanille duften, ehe die Nacht sie erstickt.

Novembergebet

Zu viele Tränen nicht geweint,
zu viel gesagt und nicht gemeint,
zu viel gewollt und nicht geschafft,
zu viel gesollt, zu wenig Kraft.

Zu viel Gezerre her und hin,
zu viel gemusst, zu wenig Sinn,
zu viel Gewölk vorm Sonnenlicht,
zu steil der Weg, zu wenig Sicht.

Zu grau der Tag, zu schwarz die Nacht,
auch viel zu selten laut gelacht
und nie gedankt für gute Stunden
oder verheilte alte Wunden.

Von Stürmen, die vorüberwehten,
zu viel verschwiegen in Gebeten …
Wir Menschen gehen, wie wir kamen.
Gott, steh uns bei und hilf uns! Amen.

Löwenzahnblüten

So ein Umzug konnte alles verdrehen und verderben, das hatte Natalie in ihrem Leben schon fünfmal erfahren müssen, alle zwei Jahre einmal, immer, wenn die Bundeswehr ihre Mama wieder anderswohin versetzte; zwei Jahre – das war der Normalfall beim Generalstab. Nicht einmal die Sprache stimmte dann mehr, und das nicht nur, wenn der Umzug mal wieder ins Ausland führte, nach Amsterdam, nach Paris oder  Washington, das galt auch für Stuttgart oder Köln.

Pissnelken sagten sie hier im Rheinischen zu den Milchlingen, die sie von Stuttgart her kannte, es schüttelte Natalie, wenn sie es hörte. Pissebloem, sagten sie in Amsterdam, und auch das fand das Mädchen abstoßend. In Paris waren es die Pissenlits gewesen, manger les pissenlits par la racine,  die Veilchen von unten riechen, auf der anderen Seite des Seins.

Natalie spürte wieder, wie das Weinen in ihr hochkroch, aus dem Brustkorb in den Hals, in den Hinterkopf, in die Ohren, hinter die Stirn, bis es vor den Augen haltmachte, die Tränen stauend wie einen Wasserfall an einem Wehr, manger les pissenlits par la racine, wie der Papa es seit zweieinhalb Jahren tat, der Papa, der immer mitgekommen war, von Ort zu Ort, der seine Musik von überallher hatte komponieren können, der jeden Tag eine andere Melodie auf den Lippen führte, der Natalie über alles Unverständliche und Fremdartige hinwegtröstete, der den Kuchen mit Pudding mischte, wenn er Mama zu krümelig geriet, der jedes Mittagessen essbar machte, das Natalie und Mama versalzten oder verkochten, der Papa, der jetzt in Paris in einem Urnengrab wohnte, per manger les pissenlits par la racine, wie Madame Bertrand und Monsieur Lefebvre es abfällig nannten, weil sie nicht wussten, dass Natalie zuhörte und sie verstand, und weil sie Papa und sein Trompetenspiel nie hatten leiden können.

Pissnelken – wie konnte man die sonnengelben Milchlinge so nennen? Für Natalie kündigten sie den Frühling an, zackten mit ihren dunkelgrünen Blättern freche Inselchen aus dem langweiligen Rasen, trugen als Pusteblumen auf ihren weißen Fallschirmchen die Beschwingtheit der erwachenden Natur in himmelblaue Tage.

„Was stehst du hier im Weg herum, du Pissnelke, du ausländische“, bellte hinter ihr eine heisere Stimme, „verzieh dich, oder ich brat dir eine über!“

Natalie versuchte, den Strauß Löwenzahnblüten in ihrer rechten Hand mit der linken zu schützen, aber der Junge, der sie verfolgte, scherte sich nicht darum und schlug ihr die Blumen aus der Hand, sodass sie auf den staubigen Asphalt fielen, wo er mit seinen schweren Stiefeln darauf herumtrampelte, bis sie aussahen wie ein Häufchen gelbgrüner Matsch.

 

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die mit den Wörtern „Pissnelke“, „krümelig“, „verdrehen“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren. Sie stammen diesmal übrigens von Bettina.)

Totensonntag

du

bleibst einzigartig

und unersetzlich und

in mir drin als

lücke