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Vasenblume

Ich sehe ihn vor mir, den dunkelblauen Himmel mit den weißen Wolken oder den grauen, regenschweren.

Ich spüre die Tautropfen auf meinen Blättern –

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Um mich ist Kristall.

Kristall, in Mustern geschliffen. Hart und sehr schwer, klar und rein und ein wenig bläulich.

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Die Rosenknospen: rot und gelb und rosa und weiß und orange.

Die Stiefmütterchen: lila und blau. Klein und bunt und lustig.

Ein Schmetterling –

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Die Muster im Kristallglas stellen Blumen dar. Stilisiert. Tulpen und Nelken.

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Der Himmel: Das ist eine dunkelblaue Glasglocke, rund und leuchtend und weit, weit, unendlich, und so klar, mit schneeigen Wolken darauf –

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Der Himmel. Eine flache Decke aus Beton.

Ich beginne zu vergessen, wann meine Blätter zuletzt vom Regen berührt wurden.

Regen: kühle, graue Tropfen, fröhlich singend und übereinanderkollernd –

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Regen. Leitungswasser mit viel Chlor.

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Ich kann mich noch an die Bäume erinnern, groß und dunkelgrün, blätterrauschend im Wind. Die vielen tausend kleinen Lichter am Himmel und die Silberscheibe, die sie Mond nennen! Der Tau komme und kühlt die Blätter –

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Am Betonhimmel hängt ein umgekehrter Blumentopf, der Lampe heißt.

Keine Sterne.

Kein Mond.

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Ich bewundere Kristallglas. Aber ich muss immer an die Rosen denken. An ihren Duft. Und an die stillen Sommernachmittage, warm, singende Luft, irgendwo eine summende Hummel –

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Hier ist es niemals still. Ich habe fast schon vergessen, dass Luft singen kann.

Manchmal singt die elektrische Leitung. es ist ein hässliches, störendes Singen.

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Wenn ich an die Rosen denke, sehe ich ihre Farben: dunkelrot, fastschwarz, feuerfarben, mildorange-rosa, rosahauchzart, weiß, ins Bläuliche spielend. Kristallweiß. Klar und durchsichtig.

Ich habe vergessen, wie es war, wenn ich die Sonne auf den Blättern fühlte. Ich weiß nur, dass es sehr schön war. Ich habe vergessen, wie sich Tautropfen anfühlen, die in der Nacht auf die Blätter fallen. Auch das war schön, erinnere ich mich; aber ich kann die Empfindung nicht zurückrufen, die ich dabei hatte –

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Ich bewundere Kristallglas. Auch wenn es zu hart ist für Wurzeln. Woher kommt nur dieser schwarze Sand?

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Man kann nur frei sein, wenn man –

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Schwarzer Sand, darüber ein dunkelkristallblauer Himmel, mit Blumenmustern und sehr hart. Schneeige Wolken darauf. Kein Wasser.

Wurzeln sind Fesseln.

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Die Luft… eine überblühte, entblätternde Rose oder viele… sie dreht sich, aber sie singt nicht. Die elektrische Leitung singt, aber hässlich.

Es ist zu warm.

Die graue Sonne verbrennt den Tau, der in regenbogenfarbenen Plastikkugeln niederfällt, trocken und hart und sehr schön, ein glitzerndes, grandioses Farbenspiel von finster, brennend, leuchtend, strahlend, kalt und hart.

Vor allem Rot ist viel.

Rot-rot-rot-rot in allen Schattierungen. Es wirbelt und schreit und steigt und fällt und dreht sich und schmerzt unsäglich.

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Wenn nur die geschliffenen Diamanten nicht wären!

Sie betauen klirrend die Kristallvase. Millionenfach brechen und spiegeln sie das Licht, das die sterbenden Rosen senden.

Und der Himmel mit dem Blumenmuster: die Wolken darauf und der Sand ringsum, lichtlos, irgendwo hinter dem Farbgeflirr, ein Punkt im Tanz.

Zwei Punkte.

Drei.

Und viele –

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Flecken und Flächen durchbrechen schwarz den Flammenwirbel, und durch die Rosenfarben scheint deutlich die Sandwüste. Die schwarze Sandwüste, der dunkelkristallblaue Himmel darüber und die schneeigen Wolken darauf.

Aber vielleicht sind die Weißen auch Rosen. Sie duften so.

Es ist eine schwarze Fläche mit roten Flecken. Der Himmel wird dunkler und dunkler und schwarz. Aber keine Sterne sind darauf und kein Mond, und die Wolken sind doch Rosen gewesen, denn jetzt sind sie weg, und die roten Flecken werden kleiner und die Punkte weniger und –

ich weiß: Wenn der letzte rote Punkt verschwunden ist, ist es vorbei.

Jetzt ist noch einer.