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Im falschen Kurs

Wie lächerlich das ist! Faxen machen auf einem Pferderücken, während das Tier sich langsam an einer Leine im Kreis herum bewegt, hinter dieser Trulla, deren viel zu enges Kleid, giftgrün mit pinken Riesenpunkten, aus den Nähten zu platzen droht.

Voltigieren ist definitiv etwas für geistig zurückgebliebene Mädchen, die sich einbilden, damit ließe sich das eigene Selbstbewusstsein aufmöbeln. Ich jedenfalls wüsste mir bessere Nachmittagsbeschäftigungen, als dieser aufgeblasenen Mutti zu folgen, während ich mich abmühe, auf dem stinkenden Vieh einen Handstand hinzukriegen.

Ich habe doch keinen Ödipuskomplex, oder wie das heißt, wenn man es mit der eigenen Mutter treibt. Die würde mir im Übrigen auch etwas husten, meine Mutter, wenn ich das je versuchen sollte. Die ist nämlich nicht so eine, die ist eine ganz feine Frau, aber oho!

Nur mein Erzeuger, der hat sie nicht mehr alle. Mich zu diesem idiotischen Kurs anzumelden, nur damit er am Vater-Sohn-Wochenende nicht schon wieder mit mir in den Zoo muss, aber na warte! Das, mein Lieber, erzähle ich heute Abend der Mama, dann kannst du was erleben beim nächsten Abholen, jawoll!

(Die Wortspende der Textwoche 25.18 kam von Frau Myriade, danke dafür. Sie bestand diesmal aus den Wörtern Ödipuskomplex, giftgrün und voltigieren, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

 

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Nie wieder

„So ein Beichtstuhl, puh!“, sagte Marin und schüttelte sich, „das wäre die Hölle für mich. Jeden Tag erzählen müssen, was du in der Schule erlebt hast? In echt jetzt?“

Johanna saß auf der Holztreppe ihres elterlichen Reihenhauses, derselben Treppe, in der sie seit Jahren zu sitzen pflegte, wenn sie aus der Schule nach Hause kam, um ihrem Papa von ihrem Tag zu erzählen, während der gemütlich die Eier in die Pfanne schlug oder die Kartoffeln zu Brei stampfte, und sah Marin mit großen Augen an, denn sie wusste nicht recht, was er meinte.

„Wieso Beichtstuhl – ich habe doch Erzähltreppe gesagt?“

„Ist dasselbe, wenn du immer alles beichten musst, was du angestellt hast“, behauptete Marin und stopfte sich eine der Schoko-Rum-Bomben in den Mund, die er Knutschkugeln nannte, weil er sie so „fett“ fand, was, wie Johanna inzwischen gelernt hatte, „gut“ oder in diesem Fall „wohlschmeckend“ bedeutete.

Warum nur wirkte Marin hier, in ihrem Elternhaus, so anders als auf dem Campus, so – unpassend – so … Wann hatte diese Verwandlung vom coolen Typen (ob das in seiner Sprache wohl „geiler Bock“ hieße, fragte sich Johanna) zum überheblichen Proleten genau stattgefunden? Wie auch immer, sie mochte es nicht, dass Marin sie jetzt anfasste, hochhob, die Erzähltreppe hinaufzuschleppen drohte und dieses blödsinnige „du willst es doch auch“ in ihr Ohr zischte.

Aber sie mochte es, dass plötzlich Papa mit dem Kräuterbund da war, das er aus dem Garten geholt hatte, ihr starker, geliebter Papa, der sie Marin aus den Armen riss und ihm mit so unmissverständlicher Geste und noch viel unmissverständlicherem Drohen in Augen und Mundwinkeln klar machte, dass er sich hier NIE – NIE – NIE wieder blicken lassen sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal mit den Wörtern „Beichtstuhl“, „Knutschkugel“ und „Verwandlung“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)