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Häusliche Idylle

Adrian räumte die weihnachtlichen Lichterketten säuberlich in ihre Originalverpackungen im Kellerkäfig zurück und holte auf dem Rückweg die Wäsche aus dem Trockenraum, samt der Kuschelsocken für Sabine. Er würde nie verstehen, warum die bei diesen Temperaturen ständig fror. Zehn Grad plus – draußen – das war doch kein Kuschelsockenwetter! Schnee kannten sie hier in Marseille ohnehin fast nur vom Hörensagen.

„Zum Glück“, sagte Sabine. Was Adrian mit einem Schulterzucken quittierte. Er hatte es eben im Winter gern knackig kalt. Aber mit Sabine ging das nicht, unter 23 Grad durfte die Innentemperatur nie fallen, weil sie ständig nur bewegungslos am Sofa herumlümmelte, ein Buch las, einen Text in ihren Laptop tippte, ihre Chatnachrichten prüfte oder, wenn’s hochkam, häkelte oder strickte.

„Heute gehe ich zum Handball“, teilte er ihr mit, nachdem er ihr die Socken mit gekonntem Schwung aufs Sofa geworfen hatte, „und warte nicht auf mich, ich esse auswärts“. Sabine brummte nur und schaltete das Fernsehprogramm um und hörte demonstrativ weg, als Adrian sie daraufhin warnte, sie bekäme bald Muskelschwund in den Beinen, ehe er zum zehntenmal in dieser Woche zu seinem geliebten Sport aufbrach, den sie so hasste und ohne den er sich kein Leben vorstellen konnte (viel weniger als ein Leben ohne Sabine).

(Hier ist die Geschichte Nummer 6 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt – Kuschelsocken, Lichterketten, Schnee – und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran.)

Das Lotteriepäckchen

Die zwei Flaschen Glühwein hatten nicht verhindern können, dass Mirjam sich auf der Nasespitze, an den Fingern (unter den eleganten Fingerling-Handschuhen) und Zehen (in den schicken neuen Stiefeletten) Frostbeulen zugezogen hatte. Hässlich sahen die aus, die Beulen, besonders die auf der Nase, die sie nicht verbergen konnte, und von denen sie nicht so recht wusste, ob wirklich der Frost sie verursacht hatte oder doch der Glühwein, der bestimmt für ihr Kopfweh und ihre Übelkeit verantwortlich war.

Oder nein, verantwortlich war sie natürlich selbst. Was für eine Schnapsidee aber auch, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, eine Geschenklotterie im Freien zu veranstalten, und das hier, in Quebec, bei immerhin 20 Grad Minustemperaturen!

„Bei uns“, hatte eine der russisch-orthodoxen Teilnehmerinnen gestern gesagt – Katja hieß sie wohl, aber sie sprach es so seltsam aus, dass Mirjam es kaum verstand – „bei uns daheim wäre das für die Jahreszeit recht warm, im Moment sind dort 45 Grad minus.“

„Prost“, antwortete Mirjam und ertappte sich dabei, dass sie sich nach dem Kölner Regenwetter sehnte, das sie in den letzten sieben Jahren so gehasst hatte. Fünf Grad plus, oder sogar dreizehn, Mirjam zückte das Handy und fragte die Temperatur über eine Wetter-App ab, ja, dreizehn, in der Kölner Innenstadt sogar fünfzehn.

Was war eigentlich in dem Päckchen, fragte sie sich jetzt, als der saure Hering und die Kopfwehtablette langsam zu wirken begannen, was war in dem Päckchen, das sie in der Geschenklotterie gewonnen, das sie aber gestern mit ihren klammen Fingern nicht aufbekommen hatte?

Sie suchte den karg möblierten Raum des Studentinnenwohnheims mit den Augen ab, sah das blauglitzrige Ding am Boden liegen, hob es auf, mühte sich mit den schmerzenden Fingern, die Schnur um die Verpackung zu lösen und das Geschenkpapier zu entfernen. Ein großes, sperriges Paket war es im Grunde (kein Päckchen!), und es enthielt – gefütterte Winterstiefel und ebensolche Handschuhe.

(Hier ist die Geschichte Nummer 4 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran )

Januarstollen

„Magst du noch ein Stück Christstollen?“

Nicki sah aus dem Fenster in den verregneten Januartag hinaus, der noch vor der kleinen Birke am Gartenzaun im Nebel verschwamm. Die Welt versank, genau wie Nicki selbst, im winterlichen Blues, in einer Melancholie, einer nicht enden wollenden Traurigkeit, von der Nicki langsam befürchten musste, dass sie in eine Depression münden würde. Und sie wusste zu gut, was das bedeutete.

Sie müsste sich ihr Trainingszeugs anziehen und joggen gehen, hinaus in den Nieselregen, eine Stunde oder besser zwei, aber sie hatte nicht mehr genug Willenskraft, das auch zu tun.

Aber Christstollen?

Ihr Magen rebellierte gegen den ganzen Süßkram, den sie seit Ende November von ihrer Tante Evelyn, ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer alten Nachbarin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorgesetzt bekam, gegen die Nikoläuse und Schokoschneemänner, die Dominosteine und Vanillekipferl, die Lebkuchen und den Spekulatiuspudding, in dem die letzten Keksreste „sinnvoll“ verwertet worden waren.

Warum nur glaubten alle, mit dieser Zuckertherapie sei ihr geholfen? Gian-Luca würde nicht wiederkommen, er würde nie erfahren, dass ihr Magen nicht nur wegen des Zuckers rebellierte, dass es keineswegs nur der Magen war, dass sein sehnlichster Wunsch sich erfüllt hatte.

Es war nicht Nickis Wunsch gewesen, dieses Kind, das in ihr wuchs, aber sie wusste, jetzt, da es Gian-Luca nicht mehr gab, würde sie es nicht über sich bringen, es nicht zu bekommen oder nicht zu behalten, und sie hoffte nur, sie würde es lieben und ihm gerecht werden können, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das schaffen sollte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür. Hier ist die Geschichte Nummer 2.)

Zwischen den Jahren

Weg damit.

Roselies entfernte die schlanken weißen Kerzenstummel aus den goldglitzernden, sternförmigen Kerzenhaltern, die sie am Adventskranz angeclipt hatte, löste die Halter von dem nadelnden Graugrün, packte mit spitzen Fingern die lilafarbene Schleife und beförderte den Kranz samt versilberter Nuss und ebensolcher Mini-Glaskugel in den grünen Müllsack, in dem sich schon die Windeln ihres Urenkels und die verdorbenen Reste des großfamiliären Weihnachtsessens befanden.

Weg damit, weg, wie die ganze Familie wieder weg war, verstreut in alle Windrichtungen, der älteste Enkel mit seiner jungen Frau in Atlanta, der zweitälteste auf Tournee in Kitchener, der jüngste bei der Verlobten in Manila, die älteste Enkelin samt Familie auf den Kanarischen Inseln, die jüngste bei ihrem Freund in Sydney, der verwitwete Sohn in der psychiatrischen Klinik, mit schwerem depressivem Schub, die frisch geschiedene Tochter am anderen Ende Deutschlands in ihrer winzigen neuen Sozialwohnung, der eigene Ehemann im Pflegeheim …

Roselies war müde, und sie hatte Angst.

Sie wusste, dass sie vergesslich wurde, dass ihr Rücken sie nach und nach im Stich ließ, dass ihre Arme schon längst zu kurz waren, um ihre Fußnägel zu erreichen (gut, dass dieser Fußpfleger ins Haus kam) und bald zu kurz sein würden, ihr beim Anziehen der Stützstrümpfe behilflich zu sein. Sie konnte ihren Wilhelm wirklich nicht mehr pflegen, sie war zu schwach, ihn im Bett umzudrehen, ihn in die Badewanne zu befördern, ihn auch nur aufzusetzen, um ihn zu füttern.

Sie knüllte das Backpapier auf dem leergegessenen Backblech zusammen und beförderte es zum Adventskranz; einen Kuchen würde sie vor Ostern bestimmt nicht mehr backen, vielleicht auch nie mehr.

Und sie fühlte sich oft zu müde, mit dem Bus den weiten Weg zum Pflegeheim zurückzulegen. Zweimal umsteigen, riskieren, dass ein Bus ausfiel, gerade jetzt im Winter, und dann … sie ertappte sich dabei, wie sie überlegte, dass der Friedhof näher wäre, zu Fuß zu erreichen von ihrer Wohnanlage im Betreuten Wohnen aus, gut eine Viertelstunde höchstens, wenn sie den Rollator nutzte, den die Kinder und Enkel ihr zu Weihnachten geschenkt hatten.

Dann verbot sie sich diese bösen Gedanken, seufzte, zog sich den schweren Wintermantel an, quälte sich in die gefütterten Stiefel, holte ächzend die alte Wollmütze von der Hutablage der Garderobe, legte den grünen Müllsack ins Körbchen des Rollators, um ihn unterwegs in die Mülltonne zu befördern, zählte in Gedanken auf, was sie alles brauchte: Kleingeld, Papiergeld, Ausweis, Schlüssel, und worauf alles sie achten musste: Herd – aus, Fenster – zu, Wasserhähne – abgestellt; dann schloss sie die Wohnungstür hinter sich und schob sich Schritt für Schritt Richtung Bushaltestelle, um ihren Wilhelm zu besuchen, der sie, wie immer, nicht erkennen würde, und der doch der einzige Mensch war, der noch zu ihr gehörte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür.)

Weiße Weihnacht

Nie hatte Herr Molinar verstanden, warum seine Rose sich zu Weihnachten Schnee wünschte, denn er selbst vermisste die Sonne und den Strand. Immer noch. Nach achtzig Jahren Nordhalb­kugel. Kindheitserfahrungen ließen sich nicht so leicht auslöschen.

Herr Molinar fröstelte. Es war kalt, nass und windig. Ungemütlich kalt, aber nicht kalt genug für Schnee. Herr Molinar stand am Fenster und sah den kahlen Bäumen zu, die ihre spitzen, schwarzen Äste windgebeutelt in den Himmel stachen. In einen Himmel ohne Farbe und Struktur, aus dem unablässig der Winterregen tropfte. Seit Tagen schon. Oder waren es Wochen? Manchmal peitschte der Wind das Wasser in Schnüren vor sich her wie heute, manchmal sickerte es einfach durch die Luft und durchdrang die ganze Welt.

Auf der Fensterscheibe sammelten sich die Regentropfen und rannen in kleinen Bächen abwärts, seltsam schräge Wege sich bahnend, bis sie sich im Nichts des Glases verloren oder unten am Fensterrahmen sammelten. Regenbäche. Tränenbäche des Himmels.

Herr Molinar hatte keine Tränen mehr. Er hatte sich leer geweint in den letzten Wochen, in den letzten Monaten. Wie viele Wasserflaschen hatte er ausgetrunken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen? Er wusste es nicht mehr, er hatte nicht mitgezählt. Aber er wusste, dass der Vorrat im Keller fast aufgebraucht war. Für das Auffüllen des Vorrats war Rose verantwortlich gewesen. Sobald der Vorrat aufgebraucht war, würde Herr Molinar das Wasser aus dem Hahn trinken. Es war gutes Wasser, und Herr Molinar hatte das Sprudelwasser, das Rose bevorzugte, ohnehin nicht so gern gemocht wie sie.

Niemand hatte Herrn Molinar je weinen gesehen. Wie auch? Herr Molinar lebte allein, sein Haus war kilometerweit entfernt von den zwei nächsten Nachbarhäusern. Seit er nicht mehr Auto fuhr (er würde Roses Wagen demnächst verkaufen müssen) und die Balance auf dem Fahrrad nicht mehr halten konnte, kam er nicht so einfach in die Stadt. Und niemand kam zu ihm heraus. Bei den Videotelefonaten mit der Tochter zeigte er sich stark, das war er seinem Mädchen schuldig. Sie konnte und sollte nicht von Amsterdam in seine Eifel-Wildnis reisen, um ihm beizustehen. Er wollte das nicht. Er schaffte es allein.

Marita hatte ihre Tochter, ihre Enkelkinder, ihren Mann, und dazu immer noch ihren Beruf, ihre Aktivität in der Friedensbewegung. Das war mehr als genug für einen einzelnen Menschen. Sie sollte sich nicht zusätzlich um ihren alten Vater sorgen. Manchmal wirkte sie recht müde am Bildschirm. Herr Molinar erinnerte sich noch gut an seine eigenen letzten Jahre vor dem Ruhestand. Es war nicht einfach gewesen, mit den jüngeren Kollegen mitzuhalten.

„Bist du an Heiligabend bei uns?“ fragte Marita bei ihrem vorletzten Videotelefonat.

„Nein“, sagte er, „bei euch ist mir ein wenig zu viel Trubel, sei mir nicht böse.“

„Wie du willst“, sagte sie. „Ich dachte ja nur. Ich hätte dich gern hier gehabt, das weißt du hoffentlich. Mareike und ihre Familie sind auch da, zugegeben, und ihre Mädels sind vielleicht wirklich ein bisschen wild.“ Mareike war Herrn Molinars Enkelin und Maritas Tochter.

„Ich weiß“, sagte er. Marita sollte nicht einmal daran denken, dass er sich vor der Bahnfahrt nach Amsterdam fürchtete. Und sie sollte nicht wissen, dass er sie schonen wollte.

Rose hatte diese Bahnfahrten immer organisiert. Sie besorgte die Fahrkarten im Internet, sie packte die Koffer, sie bestellte den Haus-zu-Haus-Service, sie dachte an alles. Sie fand sich auf den fürchterlichen Baustellen zurecht, die sich heutzutage Bahnhöfe nennen, sie fand immer auf Anhieb die reservierten Sitzplätze und vergaß niemals, die Karten mitzunehmen und ihren Personalausweis einzustecken. Sie dachte auch an Herrn Molinars Ausweise. Sie hatte immer alle Medikamente dabei, und sie wusste, wo sie selbst und Herr Molinar die Krankenkassen-Karten hatten.

Zugegeben: Wenn Herr Molinar nachdachte, wusste er es meistens auch. Er war zu Recht stolz auf sein immer noch gutes Gedächtnis. Und er konnte auf Roses Checklisten zurückgreifen. Seine Augen waren noch gut genug, um ihre klare, große Handschrift lesen zu können. Sie hatte mit schwarzen Stiften geschrieben, weil sie zum Lesen starke Kontraste brauchte, wegen ihrer Makula-Degeneration. Das kam jetzt auch Herrn Molinar zugute, obwohl er sich das nicht so gern eingestand. Starke Kontraste halfen definitiv beim Sehen.

Er dachte in letzter Zeit oft an den Traum, den er jahrelang immer wieder in abgewandelter Form geträumt hatte, nachdem er schon lange mit Rose zusammengekommen war. Es war kein echter Albtraum gewesen, er hatte sich sogar ein bisschen tröstlich angefühlt, und doch …

In dem Traum war er wieder allein, ohne Rose, wie zu der Zeit, bevor er mit ihr zusammengekommen war, und er konnte alles machen, was er früher gemacht hatte. Er traf sich mit Freunden, er lachte mit ihnen, er grillte mit ihnen, er scherzte mit ihnen und probierte neue Backrezepte aus, für sich und seine Freunde, und er ging diszipliniert seiner Arbeit nach. Herr Molinar war Gärtner. Nein, nicht gewesen: Gärtner blieb man sein Leben lang, fand Herr Molinar. Es war nicht einfach ein Beruf wie jeder andere.

„Einmal Gärtner, immer Gärtner!“, sagte er oft. Es war nicht wirklich schrecklich, dass Rose nicht mehr da war, fand Herr Molinar in seinen Träumen. Es ging alles auch ohne sie. Es war nur … es war … es war eben keine Rose mehr da. Wie schön es gewesen war, dann aufzuwachen und Rose neben sich zu sehen!

„Was wünschst du dir zu Weihnachten?“ Maritas Frage beim vorletzten Telefonat machte es Herrn Molinar schmerzlich bewusst, dass es diesmal kein Aufwachen gab wie sonst.

„Deine Mama soll wieder da sein“, sagte er. Maritas Schweigen in der Leitung war schwerer zu ertragen als ihre verspätete Antwort.

„Du weißt, dass das nicht geht, Papa.“

„Ich weiß.“ Von dort, wo Rose jetzt war – zumindest hoffte Herr Molinar, dass sie irgendwo war, dass es sie irgendwie noch gab – von dort kam niemand zurück.

Niemals wieder würde Herr Molinar in ihrer gemeinsamen Wohnküche für sie kochen oder backen, niemals mehr würde er mit ihr über den Kater Karle lachen und ihm schimpfend verbieten, lebendige Mäuse von der Terrasse ins Esszimmer zu schleppen. Niemals würde er sie wieder bitten, die alte Hündin nicht unter dem Tisch mit Leckerbissen zu mästen und sich nie wieder mit ihr darum kabbeln, wer dran war, die Dusche sauberzumachen.

Meist hatte Herr Molinar diese Kabbelei verloren. Er wusste, dass er viel öfter duschte als Rose, die lieber badete, also war es nur recht und billig, dass er auch öfter die Dusche schrubbte. Es fiel ihm nur zunehmend schwerer, und Rose war noch so jung! Sie bückte sich, ohne zu ächzen, sie rannte jeden Morgen bis zur Nachbarin und mit ihr dann noch fünf Kilometer durch den Wald, sie fuhr, wenn es sein musste und zu viel Gepäck zu schleppen gewesen wäre, noch hunderte Kilometer allein mit dem Auto, sie erledigte die Post und den Einkauf, führte den Geburtstagskalender und fütterte die Tiere. Sie mähte sogar den Rasen, wenn Herrn Molinars Rücken mal wieder nicht so wollte wie Herr Molinar es gern gehabt hätte, und sie schnitt nach seiner Anweisung die Hecke, die zwei Meter hoch das Grundstück einfriedete.

Klar, all das konnte Herr Molinar selbst, wenn er gerade keine Schmerzen hatte und wenn er nicht vergaß, was noch alles zu tun war. Er hatte es vor sechzig Jahren auch gekonnt, ehe er Rose kennenlernte. Sie wusste vieles damals noch nicht, aber sie lernte schnell.

„Ist doch gar nicht schwer, mein Kürbis“, sagte sie oft.

Als sie ihn zum ersten Mal „Kürbis“ nannte, war er beleidigt.

„Wieso Kürbis?“ fragte er.

„Weil du so aussiehst“, sagte sie und lachte. „Orange Haare, oranger Anzug, rundum rund und unten dran ein Doppelstiel. Ich liebe Kürbisse! Und ich liebe dich!“

Den orangen Anzug trug er damals, weil er bei der Autobahnmeisterei arbeitete und für die Gärtnerarbeit am Mittelstreifen von Autobahnen zuständig war. Eine gefährliche Arbeit. Mehr als einen Kollegen hatte es während der vielen Jahre seiner Tätigkeit dort erwischt. Einer war von einem Lastwagen gestreift worden, ein anderer hatte den Crashkurs eines Ferraris nicht überlebt, ein weiterer war unter die Räder eines wild gewordenen Busses geraten. Herr Molinar selbst war auch einmal in einen Unfall verwickelt gewesen, ein Motorrad durchbrach damals die Leitplanke, aber er war mit Rippenbrüchen und einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen. Danach ging er die restlichen fünf Jahre jeden Tag mit Angst an seinen Arbeitsplatz.

Dreißig Jahre war das inzwischen wieder her, unglaublich! Dreißig Jahre lang im eigenen Garten, ohne Angst vor rasenden Autos, ohne ihren ständigen Lärm in den Ohren. Herr Molinar genoss die Stille, die im Sommer hinter den Vogelstimmen und dem Grillenzirpen wohnte, irgendwo jenseits des Gartenzauns an den grünen Hängen der Berge.

Grüngrau sahen sie jetzt aus. Schmutziggrau. Rose hasste die Eifel in schneelosen Wintern.

„Wie begraben ist man hier!“, sagte sie immer. „Ich will das nicht! Ich will raus hier – ich fühle mich noch nicht alt genug für diesen Friedhof!“ Und dann fuhren sie, ganz spontan, nach Köln oder Koblenz, nach Luxemburg oder wenigstens nach Bad Münstereifel. Rose liebte den Trubel der Städte, die Einkaufsstraßen, die Lichter, die Theater, Konzert- und Ballettvorstellungen. Sie ging gern in Vorträge oder trank einfach einen Latte macchiato in einem netten Café. Nur zwanzig Jahre war sie älter als ihre gemeinsame Tochter Marita, und sie war ständig aktiv und „fit wie ein Turnschuh“, wie die Nachbarin zu sagen pflegte, mit der sie jeden Morgen joggte.

„Ihre Frau steckt mich locker in die Tasche mit ihrem Tempo, Herr Molinar, obwohl ich fünfzehn Jahre jünger bin als sie“, behauptete sie einmal, und Herr Molinar konnte sich das gut vorstellen. Es passte zu Rose. Als Ballettlehrerin musste sie immer fit sein und immer fit bleiben, und bis zuletzt hatte sie einzelnen Schülerinnen in Bad Münstereifel das Tanzen beigebracht. Auch Ballettlehrerin war kein Beruf wie jeder andere, fand Herr Molinar.

Er hatte nie mit seiner Frau getanzt.

„Macht nichts“, sagte sie, „du bist doch mein Kürbis. Und Kürbisse tanzen nicht. Aber sie sind süß! Tänzer habe ich genug, wo immer ich hinkomme. Aber einen Kürbis wie dich gibt es nur einmal.“

Nie wieder würde jemand „Kürbis“ zu ihm sagen, und niemand wusste um diesen Spitznamen, nicht einmal Marita.

„Kürbis“, murmelte Herr Molinar in seinen Bart und beobachtete weiter die Tropfen, die am Fenster zu Regenbächlein zusammenflossen. Der weiße Bart war ein wenig verschmiert vom gestrigen Frühstücksei und dem Spinat, der heute Mittag bei „Essen auf Rädern“ dabei gewesen war. Das hätte Rose nicht geduldet.

„Kürbis“, hätte sie gesagt, „du musst deinen Bart sauber machen. Der Postbote braucht nicht zu wissen, was du gegessen hast!“

Sein Vater früher formulierte ähnliche Kritik weniger freundlich: „Wie ein Schwein siehst du aus, Sohn“, sagte er, wenn der Junge mit marmeladeverschmiertem Kindergesicht von der Schule heimkam. „Wenn du nicht besser aufpassen kannst, wie du isst, gibt es künftig nur noch trocken Brot in die Brotdose!“ Eine schlimme und nie wahrgemachte Drohung für den Jungen, der am liebsten nur die Marmelade vom Brot geschleckt und das Brot in den Abfall geworfen hätte.

„Kürbis“, sagte Rose oft, „das Brot verdient der Mensch am schwersten. Aber du lässt es einfach stehen, alles andere ist dir wichtiger. Dabei ist Brot so praktisch. Nie würde es dir den Bart verschmieren.“

Aber Herr Molinar mochte trocken Brot nach wie vor nicht, und was der Postbote wusste oder dachte, war ihm gleichgültig.

Er drehte sich weg vom Fenster und sah in das dämmerdunkle Wohnzimmer. Kein Tannengrün in diesem Jahr, kein Weihnachtsstern, kein Winterstrauß, kein Adventskranz. Das war immer Roses Zuständigkeit gewesen. Unnütz und geschlossen stand der Flügel in einer Ecke, ungespielt seit Monaten. Keine Rose entlockte ihm mehr Weihnachtsmusik.

Wie sie früher zusammen gelacht hatten über das Lied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“! Herr Molinar stellte sich immer Rose dabei vor, Rose bei einem ihrer beeindruckenden Ballettsprünge, deren Namen er sich niemals merken konnte. Er war und blieb halt, dachte er und grinste schief dazu, doch ein Kürbis.

Warum hatte Rose bloß umfallen müssen, beim Joggen, einfach so? Warum hatte genau in dem Moment ein Auto kommen müssen? Warum war da diese überfrorene Pfütze gewesen, diese einzige, die das Auto am Anhalten hinderte? Obwohl der ganze Rest des Weges nicht überfroren war? Es war doch schon April! Warum war Rose gerade an diesem Tag allein gejoggt statt mit der Nachbarin?

Morgen, wenn es Herrn Molinar wieder besser ging und sein Rücken nicht mehr so höllisch weh tat, würde er für seine Rose ein Tannenbäumchen aus dem Garten holen und zum Friedhof bringen. Vielleicht fiele ihm sogar ein, wo sie den Baumschmuck immer hin räumte, dann würde er es auch schmücken. Das gefiele ihr gut, war sich Herr Molinar sicher. Auch wenn heute schon der zweite Weihnachtstag war. Am Heiligabend hatte Herr Molinar per Videotelefonat den bunt beleuchteten Baum von Marita gesehen, das hatte ihm genügt. Aber Rose hätte einen eigenen Baum haben wollen. Nur … der Rücken …

„Herr“, betete Herr Molinar und sah dabei blicklos zum Foto von Rose, das in der Dunkelheit kaum mehr zu erkennen war, „Herr im Himmel, wenn schon Rose nicht wiederkommen kann, dann schicke diesmal wenigstens Schnee. Schnee, der ihr Grab bedeckt. Sie hat Schnee so geliebt, Herr.“

Der Sturm rüttelte so heftig an der Terrassentür des alten Hauses, dass die beiden Tiere sich unter dem Couchtisch versteckten. Durch alle Ritzen drang die Kälte ins Wohnzimmer. Fröstelnd tastete sich Herr Molinar wieder zum Fenster zurück, um die Rollläden hinunter zu kurbeln. Er wollte das Licht im Wohnzimmer anschalten, kam aber an den Schalter fürs Terrassenlicht.

Und da sah er es: Schneeflocken, dichte, große Schneeflocken wirbelten durch die Nacht, setzten sich aufs Dach des Gartenhauses, überzuckerten die Backsteine der alten Terrasse. Es würde wohl doch eine weiße Weihnacht geben. Diese Nacht des zweiten Weihnachtstages. Eine Weihnacht nach Roses Geschmack.

„Danke, Gott“, murmelte Herr Molinar.