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Der Skiurlaubs-Muffel

„Du fährst jetzt in den Skiurlaub,“ so hörte ich sie kommandieren.

„Weit weg von deinem Bücherstaub.“ – „Nein, bitte nicht, ich will nicht frieren!“

„Du fährst jetzt hin, hab ich gesagt, um deinen Körper zu trainieren!

Sei doch nicht immer so verzagt!“ – „Nein, bitte nicht, ich will nicht frieren!“

„Was bist du mickrig, schwächlich, klein! Hör endlich auf, dich so zu zieren!

Im Skiurlaub wird’s herrlich sein!“ – „Nein, bitte nicht! Ich will nicht frieren!“

Sie ließ nicht locker, und ich fuhr. Mit zwei gegipsten Unterarmen

kam postwendend ich zu ihr retour und sitz gemütlich jetzt im Warmen.

(Die aktuellen Schlüsselwörter für die obigen Reime kommen von Christiane. Ihre drei Begriffe lauten: Skiurlaub, kommandieren, mickrig. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einem Text zu verarbeiten, der sich diesmal reimt. Danke, liebe Christiane, für den Anstoß!) 

Nachhaltigkeitsmarkt

Die Leute vom Letzte-Wünsche-Mobil des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten seinen Wunsch abgelehnt, aber Herr Weniger wollte nicht aufgeben.

Er sortierte seine Sachen für den veganen Nachhaltigkeitsflohmarkt, der nach den Feiertagen am Rathausplatz stattfinden sollte. Da waren die veganen Vanillekugeln, die eine Bäckereiverkäuferin ihm in den Hut geworfen hatte. Ihr Verfallsdatum war nicht abgelaufen. War Zellophan nachhaltig? Und was, wenn jemand eine Nussallergie hatte? Egal. „Nüsse“ stand auf der Ingredienzienliste des Etiketts. Man musste nur lesen können. Nur.

Herr Weniger verdrängte seinen Hunger. Vanillekugeln waren nicht gut für …

Er teilte sich lieber den Brotrest mit der Jungratte, die ihn nachts im verfallenen Schuppen neugierig beäugte. Das war besser, als sie an seinem Bärenfell nagen zu lassen, obwohl die das für einen Leckerbissen zu halten schien. Er hatte das Tier entdeckt, als der erste Herbststurm tobte, und war ihm dankbar, weil es ihn von seiner Herbstdepression ablenkte.

Inzwischen war Herrn Wenigers Diagnose abgesichert. Die Prognose: schlecht. Und jetzt hatten Weihnachtszauber und Wintersonnenwende der Winterdepression Platz gemacht.

Schneeflocken wirbelten durch die Steinwüste der Großstadt, glitten über das Glatteis der Gehwege, glitzerten im reklamebunten Licht, dämpften das Rattern der S-Bahn, das Rauschen des Autoverkehrs, das Hundegebell und das Kinderlachen im nahen Park.

Was hatte Herr Weniger noch zu bieten? Das grüne Kuscheltier, das ein Kindergartenkind ihm auf seine Schlafbank gelegt hatte. Unberührt sah es aus, verpackt in plastikbeschichteten Karton mit Guckloch. Ob es zugelassen würde? Die Teekanne, verbeult, hässlich, würde es. Zum Markt kamen vor allem junge Frauen, die alles hatten und sich das Gefühl kaufen wollten, Menschen zu helfen, die in 500 Jahren am anderen Ende der Welt (vielleicht nie) leben würden. Ob sie für seine getragene Pudelmütze  etwas gäben? Für sein rattenbenagtes Bärenfell?

Herr Weniger fror und träumte stöhnend von dem letzten Glas mit richtig gutem Rotwein, das er vom Erlös kaufen wollte.

(Dies ist ein verspäteter Beitrag zu Christianes Adventüden, frei nach dem Spruch: „Und wenn das fünfte Lichtlein brennt …“. Verarbeitet sind die Schlüsselwörter „Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende“ in 300 Wörtern.)

 

 

Novemberschnee

Ihre Unbehaustheit hatte Codruta im Sommer nichts ausgemacht. Unbehaustheit – das Wort gefiel ihr besser als Obdachlosigkeit, und es passte auch besser auf ihre Situation, fand sie. Sie wohnte in Mihaelas Gästezimmer, das deren Mutter und Schwester vielleicht nie brauchen würden. Und im Winter hoffte sie, als Haushüterin unterzukommen, im Haus von Schuster-János, der mit seiner Frau, wie jeden Winter, in seiner Nürnberger Sozialwohnung leben würde. Das hatte im letzten Winter auch geklappt. Und im vorletzten.

Dann, Ende August, als es so heiß war, dass sie Mihaelas neue Klimaanlage zu schätzen wusste (Mihaela war wirklich reich!), hatte sie vom Verkauf des Schuster-Hauses erfahren. Die Schusters waren alt, 85 und 92, sagte der Kurator der Kirchengemeinde. Sie konnten nicht mehr herkommen, um sommers in ihrem Haus zu wohnen. Ein Ehepaar aus Bukarest habe 15.000 Euro dafür gezahlt, einen Spottpreis, meinte der Kurator.

Ein Vermögen. Codruta sagte es nicht. Kein Winterquartier mehr. Aber noch war Sommer. Kein Grund, schwermütig zu werden! Es gab viele Häuser, die leer standen, natürlich, wie in den meisten Dörfern, aus denen die ehemals hier ansässigen Familien ausgereist waren. Aber niemand benötigte eine Haushüterin. Auch nicht im Nachbardorf, das Codruta per Bus aufsuchte (ihre Arthritis machte ihr zu schaffen). Der Versuch, nach einer kostenlosen Winterbleibe zu haschen, war fehlgeschlagen.

Ende Oktober, die Sommerhitze war Nieselregen gewichen, erfuhr Codruta, dass Mihaelas Familie aus Berlin hierher ziehen würde, nicht nur für den Winter wie sonst. Eine Eigenbedarfskündigung. In Berlin gab es keine Wohnungen, die Mihaelas Mama von der Sozialhilfe bezahlen konnte. „Und ich habe auch nicht so viel Geld“, sagte Mihaela. Vielleicht war sie doch nicht wirklich reich.

Morgen nun – morgen würde Dezember sein – sollten Mihaelas Verwandte ankommen. Codruta wärmte ihren wehen Rücken am Kachelofen. Ab morgen war Unbehaustheit ein Synonym für Obdachlosigkeit.

Draußen ging der Nieselregen in Schneegestöber über.

(Aktuelle Kürzestgeschichte der abc-Etüden, die dritte: Die Schlüsselwörter für den obigen Text kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu verarbeiten. Danke, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Blätter im Wind

Sie wollte nach den Blättern haschen, 

Sie pflücken aus dem Sturm, dem raschen,

Der durch das Himmelsleuchten strich,

Bis es den schwarzen Wolken wich.

 

Sie wollte gern den Blättern gleichen,

Um Nacht und Dunkel auszuweichen,

Und auszureisen, fort, ins Nicht,

Nach Nirgendwo und außer Sicht.

 

Schwermütig saß sie da, wie Blei,

Sie hob nicht ab, sie war nicht frei.

Der Frohsinn ist kein Kunststoffrest,

Der sich bequem recyceln lässt.

 

Ihr blieben nur Gedankenspiele.

Ob Unbehaustheit ihr gefiele?

Ganz ohne Gitter? Ohne Ketten?

Würde sie das vor allem retten?

 

Sie wollte nach den Blättern greifen,

Und nach den Wolken, die in Streifen

Der Winternacht entgegen flogen.

Es gab kein Nicht. Licht war gelogen.

 

(Die aktuellen Schlüsselwörter für die obigen Reime kommen von Bernd. Seine drei Begriffe lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einem Text zu verarbeiten, der sich diesmal reimt. Verarbeitet sind, leicht abgewandelt, auch die drei Begriffe Himmelsleuchten, recycelbar und ausreisen, die Anna-Lena gestiftet hatte. Danke, Anna-Lena, Bernd und Christiane, für den Anstoß!) 

Häusliche Idylle

Adrian räumte die weihnachtlichen Lichterketten säuberlich in ihre Originalverpackungen im Kellerkäfig zurück und holte auf dem Rückweg die Wäsche aus dem Trockenraum, samt der Kuschelsocken für Sabine. Er würde nie verstehen, warum die bei diesen Temperaturen ständig fror. Zehn Grad plus – draußen – das war doch kein Kuschelsockenwetter! Schnee kannten sie hier in Marseille ohnehin fast nur vom Hörensagen.

„Zum Glück“, sagte Sabine. Was Adrian mit einem Schulterzucken quittierte. Er hatte es eben im Winter gern knackig kalt. Aber mit Sabine ging das nicht, unter 23 Grad durfte die Innentemperatur nie fallen, weil sie ständig nur bewegungslos am Sofa herumlümmelte, ein Buch las, einen Text in ihren Laptop tippte, ihre Chatnachrichten prüfte oder, wenn’s hochkam, häkelte oder strickte.

„Heute gehe ich zum Handball“, teilte er ihr mit, nachdem er ihr die Socken mit gekonntem Schwung aufs Sofa geworfen hatte, „und warte nicht auf mich, ich esse auswärts“. Sabine brummte nur und schaltete das Fernsehprogramm um und hörte demonstrativ weg, als Adrian sie daraufhin warnte, sie bekäme bald Muskelschwund in den Beinen, ehe er zum zehntenmal in dieser Woche zu seinem geliebten Sport aufbrach, den sie so hasste und ohne den er sich kein Leben vorstellen konnte (viel weniger als ein Leben ohne Sabine).

(Hier ist die Geschichte Nummer 6 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt – Kuschelsocken, Lichterketten, Schnee – und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran.)

Kater im Schnee

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Tatjana saß bei Kerzenschein in ihrem Wohn-Ess-Schlaf-Arbeitszimmer und starrte auf das leere Katzenkörbchen, in dem noch vor einer Woche Pjotr, ihr schwarzer Kater mit der weißen Krawatte, sich gestreckt und gerekelt hatte. Sechs Tage war es jetzt her, dass Pjotr von einem Ausflug in den frisch gefallenen Schnee nicht zurückgekehrt war.

„A-B-C, die Katze lief in’n Schnee, und als sie wieder reinkam, da hatt’ sie weiße Stiefel an, ojemine, oje – die Katze lief in’n Schnee“, hatte das Radio dazu gedudelt, um Tatjana fand es noch besonders lustig und sang mit, und ein Ohrwurm schlich sich in ihr Hirn, den sie seither nicht wieder loswurde.

Nur dass Pjotr nicht mehr reingekommen war mit seinen weißen Stiefelchen. Er war ausgebüxt, durch die Hecke, über den vereisten Gehweg auf die vereiste Straße, ehe ein Räumfahrzeug vorbeigekommen war. In Tatjanas Kopf wechselten sich Bilder von erfroren-steifen bis zu blutüberströmt-verunfallten Katerchen ab, wurden gewaltsam ersetzt von schnurrenden Tierchen in fremden, aber warmen Wohnzimmern, von verängstigt miauenden Wesen in mies geführten Tierheimen und von apathisch abwartenden in Versuchslabors.

Nein, Tatjana würde sich nicht zur Närrin machen, würde es nicht zum 98. Mal überprüfen, um wieder nur festzustellen, dass in ihrem Vorgarten doch nichts war, dass sie sich wie immer verhört, dass ihre Verzweiflung ihr einen Streich gespielt hatte; sicher war auch das Geräusch gedämpfter Laufschritte über den verschneiten Gartenweg nur Illusion, und das dumpfe Bummern an der Haustür nichts als Einbildung. Nur ein kurzer Blick durch den Türspion, sicherheitshalber … ein Blick, ein Schreck, ein Schrei, eine Erkenntnis.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

(Hier ist die Geschichte Nummer 5 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt – Hoffnung, Kater, Kerzenschein – und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran.)

Das Lotteriepäckchen

Die zwei Flaschen Glühwein hatten nicht verhindern können, dass Mirjam sich auf der Nasespitze, an den Fingern (unter den eleganten Fingerling-Handschuhen) und Zehen (in den schicken neuen Stiefeletten) Frostbeulen zugezogen hatte. Hässlich sahen die aus, die Beulen, besonders die auf der Nase, die sie nicht verbergen konnte, und von denen sie nicht so recht wusste, ob wirklich der Frost sie verursacht hatte oder doch der Glühwein, der bestimmt für ihr Kopfweh und ihre Übelkeit verantwortlich war.

Oder nein, verantwortlich war sie natürlich selbst. Was für eine Schnapsidee aber auch, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, eine Geschenklotterie im Freien zu veranstalten, und das hier, in Quebec, bei immerhin 20 Grad Minustemperaturen!

„Bei uns“, hatte eine der russisch-orthodoxen Teilnehmerinnen gestern gesagt – Katja hieß sie wohl, aber sie sprach es so seltsam aus, dass Mirjam es kaum verstand – „bei uns daheim wäre das für die Jahreszeit recht warm, im Moment sind dort 45 Grad minus.“

„Prost“, antwortete Mirjam und ertappte sich dabei, dass sie sich nach dem Kölner Regenwetter sehnte, das sie in den letzten sieben Jahren so gehasst hatte. Fünf Grad plus, oder sogar dreizehn, Mirjam zückte das Handy und fragte die Temperatur über eine Wetter-App ab, ja, dreizehn, in der Kölner Innenstadt sogar fünfzehn.

Was war eigentlich in dem Päckchen, fragte sie sich jetzt, als der saure Hering und die Kopfwehtablette langsam zu wirken begannen, was war in dem Päckchen, das sie in der Geschenklotterie gewonnen, das sie aber gestern mit ihren klammen Fingern nicht aufbekommen hatte?

Sie suchte den karg möblierten Raum des Studentinnenwohnheims mit den Augen ab, sah das blauglitzrige Ding am Boden liegen, hob es auf, mühte sich mit den schmerzenden Fingern, die Schnur um die Verpackung zu lösen und das Geschenkpapier zu entfernen. Ein großes, sperriges Paket war es im Grunde (kein Päckchen!), und es enthielt – gefütterte Winterstiefel und ebensolche Handschuhe.

(Hier ist die Geschichte Nummer 4 aus der Etüden-Reizwörterliste von Christiane, aus der jeweils drei gewählt und in zehn Sätzen abgehandelt werden sollten. Sie waren für die Vorweihnachtszeit bestimmt, kommen aber krankheitshalber erst jetzt dran )

Hochhausgedanken

Die Feuerzangenbowle hatte Hernán nicht wirklich geholfen. Er hatte nur für ein paar Stunden die Einsamkeit vergessen, die Finsternis, die Kälte. Mehr nicht.

Die Freunde, die er für die Bowle eingeladen hatte, waren längst wieder gegangen, sie hatten gescherzt und gelacht und ihre Witze gerissen über Frauen, die leicht zu haben waren und Männer, die das nicht auszunutzen wussten, hatten gelästert über Quotenfrauen an der Universität, die eine Gefahr für die Wissenschaft darstellten, obwohl sie doch in Wahrheit nur heiraten und Kinder kriegen wollten, waren dann zu spannenderen Themen übergegangen, zu Fußballergebnissen und dem nächsten Tennistournier und den fragwürdigen Erhebungsmethoden eines Kollegen bei seiner letzten quantitativen Studie. Nichts davon hatte Hernán – Dr. habil. Hernán Garcia Romero – interessiert.

Er betrachtete wieder das Papier, das vor ihm lag, und das ihm bestätigte, dass seine akademische Karriere zu Ende war, er betrachtete es und knüllte es zusammen und sah ihm nach, wie es auf die Straße hinunter segelte, Stockwerk um Stockwerk, bis es unten in einer kaum wahrnehmbaren Winterpfütze landete.

Keine Universität hatte ihn zum Professor berufen, trotz ungezählter Probevorlesungen, trotz bester Beurteilungen, trotz all der mühsam erarbeiteten Veröffentlichungen in anerkannten wissenschaftlichen Publikationen. Nichts hatte gepasst, und nun war die letzte befristete Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter ausgelaufen, und keine neue war in Sicht, auch nicht außerhalb der Universität, denn nicht einmal Museen brauchten Spezialisten für die ernährungsbedingten Fortpflanzungsprobleme der Flugsaurier.

Auch Maria mit den Kindern war nicht mehr da, sie hatte ihre Professur für Allgemeine Didaktik (mit Schwerpunkt Inklusion hochbegabter Kinder aus ökosozial benachteiligten Familien) in Madrid angetreten, und sie hatte ihn angefleht, mitzukommen, sie verdiene genug für die Familie, der Rest würde sich finden, und die Kinder bräuchten ihren Vater.

Aber die Kinder, fand Hernán, verdienten einen Vater, der ihnen zum Vorbild gereichen konnte, keinen Versager wie ihn, da waren sie besser dran, wenn sie nur bei Maria aufwuchsen, wenn sie glaubten, dass er in Deutschland ein wichtiger Mann war, auch wenn ihn das all dessen beraubte, was er brauchte und liebte, deshalb war er nicht mitgefahren, deshalb stand er jetzt hier am Rand des fünfzehnstöckigen Hochhauses und überlegte, ob er springen sollte, und deshalb hasste er sich dafür, dass er es nicht tat, weil er zu feige war, dass er stattdessen Michael anrief und ihm vorschlug, wie früher um die Häuser zu ziehen, und dass er sich einfach ins Bett legte und die Decke über den Kopf zog, als Michael dankend ablehnte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür. Hier ist die Geschichte Nummer 3.)

Januarstollen

„Magst du noch ein Stück Christstollen?“

Nicki sah aus dem Fenster in den verregneten Januartag hinaus, der noch vor der kleinen Birke am Gartenzaun im Nebel verschwamm. Die Welt versank, genau wie Nicki selbst, im winterlichen Blues, in einer Melancholie, einer nicht enden wollenden Traurigkeit, von der Nicki langsam befürchten musste, dass sie in eine Depression münden würde. Und sie wusste zu gut, was das bedeutete.

Sie müsste sich ihr Trainingszeugs anziehen und joggen gehen, hinaus in den Nieselregen, eine Stunde oder besser zwei, aber sie hatte nicht mehr genug Willenskraft, das auch zu tun.

Aber Christstollen?

Ihr Magen rebellierte gegen den ganzen Süßkram, den sie seit Ende November von ihrer Tante Evelyn, ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer alten Nachbarin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorgesetzt bekam, gegen die Nikoläuse und Schokoschneemänner, die Dominosteine und Vanillekipferl, die Lebkuchen und den Spekulatiuspudding, in dem die letzten Keksreste „sinnvoll“ verwertet worden waren.

Warum nur glaubten alle, mit dieser Zuckertherapie sei ihr geholfen? Gian-Luca würde nicht wiederkommen, er würde nie erfahren, dass ihr Magen nicht nur wegen des Zuckers rebellierte, dass es keineswegs nur der Magen war, dass sein sehnlichster Wunsch sich erfüllt hatte.

Es war nicht Nickis Wunsch gewesen, dieses Kind, das in ihr wuchs, aber sie wusste, jetzt, da es Gian-Luca nicht mehr gab, würde sie es nicht über sich bringen, es nicht zu bekommen oder nicht zu behalten, und sie hoffte nur, sie würde es lieben und ihm gerecht werden können, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das schaffen sollte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür. Hier ist die Geschichte Nummer 2.)