Raureif

Noch hatte es nicht geschneit.

Neben dem Gewächshaus blühte eine einzelne Rose, weiß mit leichtem Rosaschimmer, zwischen vergilbenden Blättern versteckt. Die Hagebutten um sie herum hatte irgendwer geerntet, vor langer Zeit, als gerade die Astern zu blühen begannen.

Im Gewächshaus selbst, in dem  frühere Eigentümer jodhaltiges Gemüse gezüchtet hatten, Karotten, Broccoli, Spinat, Grünkohl, war es nicht wärmer als draußen, denn das Glas war an mehreren Stellen gebrochen, und in den Beeten wuchsen nur noch Brennnesseln, die niemand erntete und nutzte, und abgeblühte Rosen voller Dornen, unter die sich ängstlich ein Hase duckte.

Auch die Menschen, denen das Gewächshaus gehört hatte, als es ein Wintergarten mit einer farbigen Glaskuppel gewesen war, einer Kuppel, die an trüben Tagen ein trügerisches Blau in den Himmel fälschte, waren fort. Kein verträumtes Kind beobachtete mehr, am Rücken auf der altersgrauen Bank liegend, den Vogelflug und folgte mit den Augen den pfeilförmigen Formationen, die im Frühherbst zwischen den Kondensstreifen der Flugzeuge sonnenwärts zogen, über den Tannenwald hinter dem Gewächshaus, bis sie in den Nebelschwaden verschwanden, die der Wald den Wolken entgegenschickte.

Jetzt war nicht mehr Frühherbst. Die Schwalben und Störche und Graugänse waren weit weg, nur die Kondensstreifen kreuzten sich im klaren Blau des Novemberhimmels. Der Tannenwald am Horizont leuchtete golden im Morgenlicht, zerschnitten vom Band der Autobahn. Wenn der Wind auffrischte, mochte die Tür, die lose in den Angeln hing, hin und her schwingen und den Hasen erschrecken, aber nicht jetzt, nicht, wenn der Morgen den Atem anhielt, um für einen Augenblick ein Bild der Ewigkeit vorzutäuschen. Nichts war vergänglicher als so ein atemloser Augenblick.

Der Raureif, der die verkrümmten Blattreste des einsamen Rosenstocks mit schimmernden Kristallen überzog, war auf der Blüte kaum zu sehen. Sie würde ihn nicht länger überleben, als der Sonnenschein brauchte, um den Reif zu tauen.

Noch hatte es nicht geschneit.

(Die Wörter für die obige Geschichte kommen von Ulli Gau. Die drei Begriffe lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen. Sie waren wie immer in maximal 300 Wörtern zu einer Geschichte zu verarbeiten. Danke, Ulli Gau und Christiane, für den Anstoß!) 

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 20. Oktober 2019 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 15 Kommentare.

  1. Geschickt zusammengewebt, die Wörter für zwei Etüden in einer 🙂 !

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  2. Kann man Einsamkeit und Verfall treffender beschreiben? Nur der glitzernde Rauhreif☺ bringt ein wenig flüchtigen Glanz hinein. Ich bringe mit dem Wort „Rauhreif“ wieder etwas Licht und Lendigkeit in unsere Sprache zurück; denn ich lasse mir das geliebte „h“ nicht nehmen, wie ich es in meiner Schulzeit – an der rauhen☺ Ostsee lernte. Was ist denn ein rauhes☺ Klima ohne das „h“? Wie glanzlos ist doch ein Rauhreif☺ ohne „h“?!was recht ist, muß recht bleiben!♡♡♧♧☆☆⊙⊙

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    • Ja, „rau“sieht für uns ältere Menschen ungewohnt aus, ist aber nach Duden die einzig korrekte Alternative; „rauh“, das dem ursprünglicheren „rauch“ näherliegen würde, wird nicht als weitere Möglichkeit angeboten. Nun denn – aber das wusstest du sicher selbst, liebe Gisela.

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  3. Ein Bild der Ewigkeit, wirklich, so ein kurzer, atemloser Augenblick … Mag ich sehr, dieses Scheibchen Zeit.
    (Und gleich 6 Etüdenwörter untergebracht, also wirklich, Hut ab!)
    Liebe Grüße
    Christiane 😉

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  4. Eisig, aber schön! Ich mag das Gewächshaus aus der letzten runde auch so gerne, dass ich es ungern aufgebe

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  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“ | Irgendwas ist immer

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