Verbotener Abschied

Für Mama war die Impfung zu spät gekommen.

Die Tochter, selbst schon alt, hastete über das Kopfsteinpflaster, beide Hände schützend an ihren Ohren. Dass die Lautsprecher noch funktionierten!?

Die Rundfunkgeräte – Radio, Fernseher – waren außer Funktion.

Systemausfall.

Die Handys kamen nicht mehr ins Netz. Die Computer zeigten nur noch blaue Schrift vor orangem Hintergrund. Unlesbare Schrift in einer Sprache, die der Frau nicht bekannt war. Warum orange? Warum blau? Sie wusste es nicht. Früher, erinnerte sie sich, in einem anderen Leben, war die Schrift orange gewesen, oder grün, oder weiß, auf schwarzem Grund.

Kaum jemand wusste das noch.

Sie hastete weiter, blieb fast an einem losen Stein hängen, versuchte vergeblich, das Geplärre der Lautsprecher auszublenden.

„Bleiben Sie daheim! Bleiben Sie daheim!“

Gleich würde einer dieser Schutzanzugleute sie nach ihrem Passierschein fragen.

„Gehen Sie zur Arbeit? Lässt die sich nicht im Homeoffice erledigen? Müssen Sie zum Arzt? Pflegen Sie eine Angehörige? Ist Ihr Gang systemrelevant?“

Sie stolperte weiter, würde sich nicht erschüttern lassen. Wie, fragte sie sich, sollte irgendwer im Homeoffice arbeiten? Ohne Internet? Ohne Handy? Ja, früher, in dem anderen Leben (dem mit der orangen Schrift vor schwarzem Grund), da war es möglich gewesen. Da hatte sie das Telefon ausgestöpselt, verbotenerweise, versteht sich, um beim Schreiben nicht gestört zu werden. Ihre Texte speicherte sie auf Disketten, auf Floppy Disks, wie viereckige Schallplatten sahen die aus, und schickte sie per Schneckenpost zum Verlag.

Nur dass die Schneckenpost damals „Post“ genannt wurde. Damals, als man Nachrichten noch nicht postete. Wäre ihre Arbeit heute systemrelevant? Wenn sie denn noch arbeiten würde? Wohl kaum. Wer brauchte schon technische Fachtexte?!

Es war nicht einmal wichtig, dass sie ihrer toten Mutter ein letztes Mal die faltige Wange berühren, ihr das schüttere Haar aus der Stirn streichen wollte, erklärte ihr das Wesen im Schutzanzug.

Tränen durchnässten ihre Maske.

(Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Jahres 2021 stiftete Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern. Zu verarbeiten waren diese 3 Begriffe auf Einladung von Christiane in maximal 300 Wörtern. Danke für die Einladung und die Wortspende!)

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 17. Januar 2021 in Allgemein, Fantasy, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Bitter, liebe Elke, hoffen wir, dass das für niemanden so Realität wird.

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  2. Deine Dystopien schlagen mir richtig auf den Magen und aufs Gemüt. Aber ja, so könnte es kommen …
    Vielen Dank dir! 😁👍
    Nachmittagskaffeegruß 😁🌥️☕🎂👍

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    • Sorry, ein Angriff auf Magen und Gemüt war natürlich nicht beabsichtigt, liebe Christiane. Wir hatten hier während des Shutdowns kurzfristig einen lokalen Internetausfall. Tage zuvor hatte ich einen wohnungsinternen Kurzschluss, und in dieselbe Woche fiel ein baustellenbedingter stundenlanger Ausfall der Trinkwasserversorgung. Was passieren würde, wenn alles gleichzeitig zusammenbräche und das auf unbestimmte Zeit, habe ich absichtlich nicht einmal angedeutet.

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  3. Das Schlimme ist, dass es nicht ganz abwegig erscheint.

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  4. Liebe Elke,
    und wieder fängst du in einer kurzen Szene die ganze Welt, die ganzen Gefühle, ein ganzes Leben ein. Das beeindruckt mich immer wieder, wie es mich zum Nachdrenken anregt, was hinter diesem Ganzen noch alles verborgen ist, wie es weitergehen könnte.
    Viele Grüße
    Maike

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