Zwischen den Jahren

Weg damit.

Roselies entfernte die schlanken weißen Kerzenstummel aus den goldglitzernden, sternförmigen Kerzenhaltern, die sie am Adventskranz angeclipt hatte, löste die Halter von dem nadelnden Graugrün, packte mit spitzen Fingern die lilafarbene Schleife und beförderte den Kranz samt versilberter Nuss und ebensolcher Mini-Glaskugel in den grünen Müllsack, in dem sich schon die Windeln ihres Urenkels und die verdorbenen Reste des großfamiliären Weihnachtsessens befanden.

Weg damit, weg, wie die ganze Familie wieder weg war, verstreut in alle Windrichtungen, der älteste Enkel mit seiner jungen Frau in Atlanta, der zweitälteste auf Tournee in Kitchener, der jüngste bei der Verlobten in Manila, die älteste Enkelin samt Familie auf den Kanarischen Inseln, die jüngste bei ihrem Freund in Sydney, der verwitwete Sohn in der psychiatrischen Klinik, mit schwerem depressivem Schub, die frisch geschiedene Tochter am anderen Ende Deutschlands in ihrer winzigen neuen Sozialwohnung, der eigene Ehemann im Pflegeheim …

Roselies war müde, und sie hatte Angst.

Sie wusste, dass sie vergesslich wurde, dass ihr Rücken sie nach und nach im Stich ließ, dass ihre Arme schon längst zu kurz waren, um ihre Fußnägel zu erreichen (gut, dass dieser Fußpfleger ins Haus kam) und bald zu kurz sein würden, ihr beim Anziehen der Stützstrümpfe behilflich zu sein. Sie konnte ihren Wilhelm wirklich nicht mehr pflegen, sie war zu schwach, ihn im Bett umzudrehen, ihn in die Badewanne zu befördern, ihn auch nur aufzusetzen, um ihn zu füttern.

Sie knüllte das Backpapier auf dem leergegessenen Backblech zusammen und beförderte es zum Adventskranz; einen Kuchen würde sie vor Ostern bestimmt nicht mehr backen, vielleicht auch nie mehr.

Und sie fühlte sich oft zu müde, mit dem Bus den weiten Weg zum Pflegeheim zurückzulegen. Zweimal umsteigen, riskieren, dass ein Bus ausfiel, gerade jetzt im Winter, und dann … sie ertappte sich dabei, wie sie überlegte, dass der Friedhof näher wäre, zu Fuß zu erreichen von ihrer Wohnanlage im Betreuten Wohnen aus, gut eine Viertelstunde höchstens, wenn sie den Rollator nutzte, den die Kinder und Enkel ihr zu Weihnachten geschenkt hatten.

Dann verbot sie sich diese bösen Gedanken, seufzte, zog sich den schweren Wintermantel an, quälte sich in die gefütterten Stiefel, holte ächzend die alte Wollmütze von der Hutablage der Garderobe, legte den grünen Müllsack ins Körbchen des Rollators, um ihn unterwegs in die Mülltonne zu befördern, zählte in Gedanken auf, was sie alles brauchte: Kleingeld, Papiergeld, Ausweis, Schlüssel, und worauf alles sie achten musste: Herd – aus, Fenster – zu, Wasserhähne – abgestellt; dann schloss sie die Wohnungstür hinter sich und schob sich Schritt für Schritt Richtung Bushaltestelle, um ihren Wilhelm zu besuchen, der sie, wie immer, nicht erkennen würde, und der doch der einzige Mensch war, der noch zu ihr gehörte.

(Eigentlich hatte Christiane die Etüdenwörter, aus denen ich mich für diese Zehn-Satz-Etüde bedient habe, für die Vorweihnachtszeit bestimmt, in der ich aber leider zu krank war, um mich neben den Weihnachtsvorbereitungen ums Bloggen zu kümmern – abends und morgens war ich einfach so müde, dass ich nur noch schlafen konnte und wollte. Daher versuche ich jetzt, aus der Wortreihe Reizwörter für nachweihnachtliche Geschichten zu fischen und bitte um Nachsicht dafür.)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 5. Januar 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. dass du krank warst, heißt, dass du jetzt wieder gesund ist? Ich hoffe es für dich. Und dass du dir eine so beschwerliche Geschichtevon der Seele geschrieben hast, bedeutet es, dass du jetzt auf dem Weg zu einem frohen Lächeln bist? Auch das hoffe und erwarte ich von dir. 😉 🙂

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  2. Na ja, ich huste immer weniger, und fröhlich lächeln kann ich auch. Ich bin nicht Roselies.

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  3. Wieder eine Geschichte, die tief berührt. Mein dementer Vater ist 2017 gestorben. Meiner Mutter ist es glaue ich fast unangenehm, aber sie ist so aufgeblüht in den letzten Monaten.
    Bei aller Liebe, es zermürbt.
    Weiter gute Besserung.
    Natalie

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  4. Das normale Alltagsgrau(en). Es ist manchmal so schwer, sich jeden Tag neu zu motivieren, den Tag mit Haltung durchzustehen, ich bewundere so viele alte Menschen, die das schaffen, aller widrigen Umstände zum Trotz, mit nichts als ihrem Willen … Ach.
    Auch von mir hier noch mal gute und schnelle Besserung!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  5. Ja, das Leben vieler Menschen ist, zumindest von außen betrachtet, wenig farbenfroh. Und doch gibt es viele, die es trotz allem genießen und dafür dankbar sind. Danke für die Besserungswünsche; diese Krankheit hält sich sehr zäh, aber zumindest bin ich wieder einigermaßen arbeitsfähig.

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