Sprachgesetze

Wenn es Gesetze gegeben hätte, Gesetze, die bestimmten, welche Wörter man sagen durfte, und welche nicht, dann wäre alles einfach gewesen. Vorausgesetzt, die Sprachpolizei, die der Große Diktator als Unterbereich der Staatssicherheitspolizei gegründet hatte, hätte sich an diese Gesetze gehalten.

Im Grunde gab es sogar Gesetze (oder Verordnungen, das wusste sie nicht so genau), die bestimmten, dass in ihren muttersprachlichen Zeitungen die alten Ortsnamen nicht mehr genannt werden durften, weil nur noch die Landessprache zulässig war. Es war lächerlich – die Namen von Flüssen und Bergen durften noch verwendet werden, sodass die Leute von der Zeitung darauf ausweichen konnten, die „Stadt am Fluss X oder unter dem Berg Y“ zu schreiben. Aber über diese Gesetze hinaus war nicht viel festgelegt, was gesagt und was verschwiegen werden durfte oder musste.

Dass der Große Diktator der geliebteste Sohn des Volkes war, stand natürlich außer Frage. Dörfer und jahrhundertealte Kirchenburgen schleifen zu lassen war ein Akt des Fortschritts, und sicherlich würde es der Sprachpolizei nicht gefallen, diese Absicht „verroht“ oder „barbarisch“ zu nennen, aber gab es ein Gesetz, dass die Verwendung der entsprechenden Begriffe untersagte?

Sie kaute am Griff ihrer Füllfeder und überlegte die nächste Zeile des Loblieds auf die Allesbeherrschende Partei, an dem sie gerade schrieb, für die Jugendseite der muttersprachlichen Wochenzeitung, die diesmal von ihrem Lyzeum gestaltet wurde. Irgendwas Verherrlichendes musste es sein, etwas Hehres und Stolzes, etwas Patriotisches und Heimatliebendes.

Ihr einziger Trost bestand darin, dass auch dieser Spuk einmal vergehen würde, für sie persönlich spätestens, wenn sie nicht mehr am Leben wäre.

(Für die Textwoche 27.18 hat Werner Kastens die drei Wörter Sprachpolizei, verroht und vergehen gespendet, die wie immer auf Einladung von Christiane in maximal 10 Sätze zu packen waren.)

Werbung

Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 15. Juli 2018 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Unterdrückungen von (Mutter-) Sprachen waren und sind gang und gäbe, die Gründe dafür vielfältig und meist ziemlich erschreckend. Viel erschreckender finde ich das, was damit einhergeht und meist verheerende Folgen: dass eine Volksgruppe, ein Teil der Einwohner eines Landes damit eines wesentlichen Teils ihrer Identität und ihrer Geschichte beraubt wird. Warum kann man nicht einfach eine Mehrsprachigkeit existieren lassen?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    • Ja, es ging auch nicht nur um Sprache in dem Text. Sondern auch um die Zerstörung ganzer Dörfer. Aber das Stichwort war nun mal „Sprachpolizei“, und Sprache ist für viele Menschen ein wesentlicher Teil ihrer Identität.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: