Jubiläumsfeuer am Wasserturm

Höhenfeuer – die Kinder in Dollingen denken, das habe es hier immer schon gegeben. Dabei ist das erste erst 1967 angezündet worden, genau an meinem elften Geburtstag. Beim Wasserturm. Ich erinnere mich noch gut an das Rennen der Traktoren und Landmaschinen – Mähdrescher, Eggen, Pflüge, was weiß ich was noch … Das fand damals auch zum ersten Mal statt. Am 15. Juli 1967.

Es war ein Samstag, ein Schultag, denn unsere Sommerferien fingen erst am 22. Juli an, und die Samstage waren damals noch nicht zu freien Tagen erklärt.  Wir hatten auf „hitzefrei“ gehofft, aber das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung, denn das Thermometer zeigte nicht mehr als 18 Grad, und die Schwimmflügel samt den Badelatschen blieben im Hausflur stehen, wo Mama sonst ihre Gummistiefel hinstellte. Am Freitag hatten wir die Badelatschen und Schwimmflügel noch getragen, als wir schlammbraun aus dem Wasser des Dollbachs stiegen, um uns von der Sonne trocknen zu lassen. Heiß war es gewesen, fast wie am Meer, nur ohne Quallen, was ich sehr gut fand. Bei einem einmaligen Kurzbesuch an der Adria hatte ich Bekanntschaft mit einer Qualle gemacht, und seither hatte ich eine Heidenangst vor diesen Biestern. Mamas Stiefel standen am Vortag noch, verkrustet mit Gartenerde, in der Scheune, aber dann kam das Gewitter, und der Sommer machte eine Pause.

So konnte ich meinen Liegestuhl nicht auf die Bummerwiese schleppen (warum die so hieß, weiß ich auch nicht, niemand hat es mir je erklären können), von wo aus man das Höhenfeuer besonders gut sehen sollte. Nicht nur, weil die Bummerwiese über Nacht zum Sumpf geworden war, sondern auch, weil der Gewittersturm den Liegestuhl gegen die Hauswand geworfen hatte, wo er in drei bis fünf Stücke brach, je nachdem, ob man die kleinen Holzsplitter mitzählte oder nicht. Das Holz, das wir zwei Tage früher am Rand des Zupfenwaldes gesammelt hatten, war so nass, als hätten wir es durch den Dollbach geschleift, aber ein anderes Holz gab es nicht, und so würden wir mit dem Qualm leben müssen.

Wir sahen ihn von unserem Wohnzimmerfenster aus, das Mama weit geöffnet hatte, um die Zimmer ein wenig herunterzukühlen nach den vergangenen heißen Tagen. Aber bald schloss sie es wieder, denn der Qualm war tatsächlich so dicht und grau, dass ich fürchtete, daran zu ersticken. Dazu kam der nebligkalte Nieselregen, der in alle Poren drang und mir das Sommerkleid am Leib festklebte. Ich holte meine Strickjacke, die am Haken über dem Schalter hing, mit dem man den Ventilator anschalten konnte, der jetzt natürlich nichts zu tun hatte.

„Nicht einmal deine Sommersprossen kann ich mehr sehen“, versuchte Papa zu scherzen.

„Ha-ha“, kommentierte ich diesen missratenen Versuch, mich aufzuheitern. In den Qualm des Höhenfeuers mischte sich Dieselgestank, als die schweren Maschinen den Berg hoch tuckerten. Gerade noch hatte ich mich gefreut, dass ich wegen der Kühle wenigstens vom Krach des Ventilators verschont geblieben war, aber dessen Geräusch war nichts gegen dieses Gebrumme und Gedröhne.

Der Regen betätigte sich als Wassermaler und zeichnete abstrakte Muster an unsere Fensterscheiben. Dadurch konnten wir kaum erkennen, was sich alles die Straße entlang plagte.

„Da kann ich ja gleich Hausaufgaben machen“, maulte ich. Dafür also hatten meine Freundinnen mir abgesagt? Der Qualm und der Nebel waren so dicht, dass wir nicht einmal den Wasserturm mehr erkennen konnten.

„Das wiederholen die bestimmt nicht“, sagte Papa, „nach diesem Reinfall!“ Er war zufrieden damit, denn er hatte im Vorfeld befürchtet, dass ihm die Maschinen wegen nichts und wieder nichts – eines bloßen Spektakels wegen – für die Ernte nicht zur Verfügung stünden. Das war jetzt egal, denn das Wetter hätte eine Feldarbeit ohnehin unmöglich gemacht, aber wer konnte schon sagen, was für ein Wetter im nächsten Jahr sein würde?

Meine Freundinnen, Anne und Mariele, sind dann übrigens doch gekommen, über die Felder, nass wie Katzen. Wir haben Kekstorte und Erdbeerkuchen gegessen und Flaschendrehen gespielt, und die Hausaufgaben mussten warten.

Auch heute wollen sie kommen, Anne mit ihrem Mann wie die letzten 40 Jahre, Mariele zum ersten Mal allein, denn ihr Mann ist seit letztem November tot. Es ist so kühl wie vor 50 Jahren, aber wir werden unsere Liegestühle zur Bummerwiese fahren lassen, von meinem Schwiegersohn (es gibt jetzt eine asphaltierte Straße dahin, die Wiese ist mit Rasensteinen befestigt, und die Freiwillige Feuerwehr hat Zelte aufgebaut). Dann werden wir, in unsere Regenjacken gehüllt, zum Wasserturm hinüber gucken, wo die Leute vom Schützenverein das Höhenfeuer anzünden werden, wir werden den Qualm riechen, uns über den Nebel ärgern und gegen den Krach der Landmaschinen anschreien. Zum 50. Mal.

Denn Papa, Gott hab ihn selig, hat nicht Recht behalten. Und die Kinder von Dollingen glauben wirklich, das Höhenfeuer habe es schon immer gegeben.

(Mit Dank an „Christiane“ für die Anregung, aus den zehn Wörtern Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator und Wassermaler einen Text zusammenzusetzen, in dem Regen eine Rolle spielt)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 3. August 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Großartig. Sehr authentisch. Wüsste ich nicht, welche Wörter gefragt waren, wäre ich nie drauf gekommen. Gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Das freut mich, dass es dir gefällt. Ist übrigens von Anfang bis Ende fiktiv, aber die Wochentage stimmen. 😉

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  3. Sehr schön geschrieben. Ein schöner fiktiver Rückblick. Gefällt mir sehr gut. LG

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  4. Hat Spaß gemacht, danke. Vielleicht fällt mir noch eine andere Geschichte zu den zehn Wörtern ein, mal gucken.

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  5. Liebe Elke,
    ich liebe ja solche Wortinspirationen! Toll gelöst! Ich freue mich immer, dass jetzt so regelmäßig neue Texte von dir ins Postfach flattern …
    Viel Spaß weiterhin beim Schreiben wünscht
    Maike

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  6. Ja, ich liebe sowas auch, wie du weißt, liebe Maike. 🙂 Danke für das Lob und die guten Wünsche – dir auch alles Gute nach Münster!

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  7. Ich wollte schon fragen, ob das autobiografisch ist, dann las ich fiktiv. ES kommt so lebendig rüber, als hättest du es wirklich erlebt 🙂 .

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  8. Hihi, das freut mich. Ist wirklich total fiktiv, liebe Anna-Lena, ohne jede autobiografische Analogie.

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  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

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