Wehrlos

Die Depression war eine Wanderdüne, die das Meer des Lebens Mareike in die Seele gespült hatte, damals, als Joanna anrief, um ihr zu sagen, dass Julius heute nicht heimkommen würde, dass er nie wieder heimkommen würde, weil er heimgegangen war, heim ins Meer, das er so geliebt hatte, manchmal, dachte Mareike, mehr geliebt als sie, seine Ehefrau, vielleicht sogar mehr als Juliane, ihre gemeinsame Tochter, die jetzt irgendwo in Paraguay oder Venezuela wohnte, immer abwechselnd, und die sich nur alle paar Monate über diesen neumodischen elektronischen Kurznachrichtendienst meldete – „alles okay, Mama, hoffe, bei dir auch“ – und Schluss …

Dabei hatte sich Mareike an dem Tag so pudelwohl gefühlt in ihrer Haut, pudelwohl im wahrsten Sinn des Wortes, weil sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, die Pudeldame Fiffi von deren Züchterin abzuholen, um nicht mehr so allein zu sein in den langen Nächten, die Julian auf See verbrachte und Juliane, damals noch ein Teenager, in Diskos durchtanzte oder auf LAN-Partys durchspielte, durchchattete, was wusste Mareike schon von der Welt ihrer Tochter, die so anders war, als es ihre  eigene in deren Alter gewesen war.

Schwer und getränkt von Tränen hatte sich die Traurigkeit im Getriebe ihres Lebens festgesetzt wie feiner, nasser Sand, hatte das Räderwerk ihres Alltags zum Stillstand gebracht, ihre Hoffnungen gelöscht, ihre Träume und Pläne mit einem unhörbaren Hyperknall zum Platzen gebracht, von jetzt auf gleich, einfach so. Irgendwann, viel später, versiegten die Tränen, und Mareike spürte wieder die leichten Brisen, die das Meer übers Land schickte, um den Strandhafer zu streicheln, nur dass sie es versäumt hatte, sich zum Schutz vor der wandernden Düne rechtzeitig Strandhafer vor die Seele zu pflanzen, sie war kein Kind der See, nur eine Landratte, die das Meer wie Treibholz ans Ufer gespült hatte, um sie dort achtlos, aber noch lebendig liegenzulassen.

Nach und nach trockneten die Millionen Sandkörner der Trauer im Getriebe ihrer leer gewordenen Tage, und jeder kleine Wind trieb sie tiefer und tiefer in ihr schutzlos brach liegendes Inneres, aus dem die Tränenströme alles davongetragen hatten, was an Julian (und auch an Juliane) erinnerte. Selbst Fiffi schaffte es bald nicht mehr, gegen die Wellen der Sinnlosigkeit anzubellen, die immer häufiger aus dem Nichts erwuchsen, um in Mareike jeden Lebensmut zu überfluten und zugrunde zu richten.

Jetzt also gab es auch Fiffi nicht mehr, vergiftetes Fleisch hatte ihr jemand gegeben, jemand, der freie Hand brauchte, um Mareikes Erdgeschosswohnung nach Wertsachen zu durchwühlen, vergeblich zu durchwühlen, weil da nichts war, und sie hinterher aus Wut darüber so zu verwüsten, dass sie für Mareike auf Wochen hinaus fast unbewohnbar wurde. Selbst für die Morgentränen zwischen Frühstück und Zähneputzen war Mareike danach zu müde geworden, und mit dem Schreiben der Morgentexte in ihrem Tagebuch hatte sie schon lange aufgehört.

Stumm saß sie da, starrte aufs Meer und spürte dem Brennen in ihrem Körper nach, der so hohl war wie ein Gefäß, dessen Inhalt jemand in den Ausguss gekippt hat, hohl, verschmutzt und von innen her wund, eine einzige entzündete, nicht heilende Verletzung, aber es gelang Mareike nicht mehr, sich zu freuen, dass sie überhaupt noch etwas spürte. Sie wusste, dass die Wanderdüne schon da war, dass sie das Haus ihres Lebens zerquetschen würde, unaufhaltsam, mit grausamer Langsamkeit, und dass sie, Mareike, machtlos darauf warten würde, weil sie nicht mehr wusste, warum sie sich dagegen wehren sollte.

(Mit einem Dankeschön an Christiane für ihre Einladung zu den abc-Etüden, diesmal die Nummer 1 mit den Wörtern „Hyperknall“, „Wanderdüne“, „pudelwohl“, die wie immer in maximal 10 Sätzen unterzubringen waren.)

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Über Elke H. Speidel

ist Publizistin und Soziologin und arbeitet als Fachautorin, gelegentlich auch als Schriftstellerin, Lebenswegberaterin oder Wissenschaftslektorin.

Veröffentlicht am 1. November 2017 in Allgemein, Kürzestgeschichten, Realismus und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Das ist das Schwierige, dieses innere „Warum“ zu (wiederzu-) finden, und es wird nicht leichter, wenn es erst mal weg ist.
    Ich finde deine Geschichte unglaublich gut, weil sie mich gleichzeitig mit aller Wucht gegen die Wand haut und sich das Lächeln verbittet.
    Alles Liebe
    Christiane

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  2. Danke dir für deine Einschätzung. Ich habe heute in einem SZ-Interview mit der ehrenamtlichen Hospizbegleiterin Michaela Pelz, einer Freundin und Kollegin von mir, die Überschrift gelesen „Nein, es wird nicht wieder gut“. An manche Lücke muss man sich leider gewöhnen, und jedes Leben hat unweigerlich Lücken, die sich nicht (mehr) füllen lassen.

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  3. Es gibt Geschichten, für die die jeweiligen Etüdenwörter gemacht zu sein scheinen. Oder anders gesagt, man hat das Gefühl, genau aus diesen Geschichten wurden die gespendeten Wörter entnommen – das ist wieder so eine. Ansonsten kann ich mich nur uneingeschränkt Christianes Worten anschliessen

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  4. Danke auch dir. Dabei dachte ich erst, ich kriege diese Wörter nie zu einer stimmigen Geschichte verbunden.

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  5. Wahnsinn – Vielen Dank für diesen Einsatz der Worte – Ich kann solch eine Wanderdüne nur am Rand erahnen – Liebe Grüsse

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  6. Bitte, gern. Freut mich, wenn meine Worte ankommen 😊.

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